Als Johann Wolfgang von Goethe 1773 die erste Fassung seines Dramas »Götz von Berlichingen« intensiv überarbeitet und fertiggestellt hatte, fand er keinen Verlag. Auch damals eine Katastrophe! Wem das Gütesiegel eines Verlages fehlte, der stand sofort im Verdacht, ein eitler Nichtskönner zu sein, in dessen Bücher man kein Vertrauen haben könne. Auch unter den Poeten der damaligen Zeit ein schrecklicher Makel. Goethe verfiel auf die Idee, sein Drama anonym zu veröffentlichen. Heute würden wir sagen, ein No- Name-Produkt, dem Schreiben »unter Pseudonym« nicht unähnlich. Die Verteilung der ersten Auflage von 500 Stück, für die sich Goethe in arge Unkosten hatte stürzen müssen, verlief alles andere als einfach. Goethe war zu jener Zeit noch kein Promi, denen die Bücher sozusagen aus der Hand gerissen werden. Auch Friedrich Schiller veröffentlichte sein erstes Drama »Die Räuber« 1781 im Selbstverlag und anonym, der Beginn einer weiteren Erfolgsgeschichte.

Erheblich kostengünstiger

Was hat sich in den mehr als 200 Jahren hinsichtlich des Selbstverlegens – heute eher unter »Selfpublishing« bekannt – geändert? Das Selbstverlegen ist erheblich kostengünstiger, einfacher und professioneller geworden. Große Verlage wie Random House und Droemer Knaur beispielsweise betreiben eigene Selfpublishing-Plattformen, in die das Verlagswissen dieser großen Organisationen einfließt. Daneben gibt es die sogenannten Zuschussverlage, in denen der Autor ebenfalls seine Publikation selbst bezahlt. Die Zahl der Autoren ist heute nicht mehr mit vergangenen Zeiten vergleichbar. Man nimmt an, dass in Deutschland 800 000 Menschen schreiben, 80 000 veröffentlichen, davon angenommene 75 000 im Selfpublishing. Die übrigen Autoren suchen und finden einen Verlag, davon die wenigsten einen großen. Im Rest des Buchmarkts produzieren mittlere, kleinere, kleine und Kleinstverlage, letztere nicht selten Selbstverlage von Autoren oder Autorenkollektiven. Die häufig genannte Zahl von achthundert – 800 Autoren, die von ihrer Literatur leben können – scheint durchaus realistisch zu sein. Es gibt sicher lukrativere Geschäftsmodelle als das Schreiben von Büchern.

Einer Flut von Veröffentlichungen steht eine Leserschaft gegenüber, die neben dem Lesen eines Buches heute eine unübersehbare Auswahl an anderen Zerstreuungsmöglichkeiten hat.

Sich über die Qualität eines Buches zu informieren, ist allerdings erheblich einfacher geworden. Leseproben finden sich bei fast jeder Online-Plattform, die heute in großem Umfang auch selbst verlegte Bücher anbieten. Bei Google books beispielsweise werden bis zu dreißig Prozent eines Textes im Netz eingestellt – nicht nur ein erster Eindruck, sondern eine profunde Beurteilung der Textqualität ist möglich.

Vertrieb und Verkauf auch für selbst verlegte Bücher ist also scheinbar einfacher geworden. Woher aber ein Werbebudget – heute unverzichtbares Instrument einer Markteinführung – nehmen?

Trotzdem: Es gibt auch äußerst erfolgreiche Autoren unter den Selfpublishern, deren Auflagenhöhen die Million erreichen – und natürlich umfangreiche Ratgeberliteratur, was der einzelne Selfpublisher beachten und tun sollte, um ähnliche Verkaufszahlen zu erreichen.

Was sich nicht geändert hat: Die meisten Autoren, auch die erfolgreichsten unter den Selbstverlegern, streben die Aufnahme in einen möglichst renommierten Verlag und damit ein offizielles Gütesiegel (natürlich auch professionelle Werbekanäle) an. Voreinstellungen sind eben langlebig – sie überdauern oft Jahrhunderte!

War noch vor einigen Jahren die Veröffentlichung eines Buches im Selbstverlag ein absolutes K.o.-Kriterium für die weitere Schriftstellerkarriere, so hat sich hier einiges geändert. Nele Neuhaus verkaufte ihre ersten Bücher über die Ladentheke in der Metzgerei ihres Mannes, heute sind ihre Romane in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

Den »Hybrid«-Autor, der im Selbstverlag (erfolgreich und auflagenstark!) veröffentlicht hat und dann von Verlagen verlegt wird, wird es wohl zukünftig immer häufiger geben. Für alle anderen, die sich im sozial-darwinistischen Selfpublishing-Buchmarkt tummeln, bleibt nur die Devise: Du hast keine Chance – nutze sie! Ursula Luise Link

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