Alter schützt vor Strafe nicht

Es klingt unglaublich: »91-Jährige wegen Beteiligung an Menschenraub verurteilt«. Müssen wir uns um zunehmende Senioren- und Frauenkriminalität sorgen? Gibt es gar neue »Tätertypen«? Diese und andere Fragen, zum Beispiel danach, wie man diese Menschen bestrafen sollte, lohnen ein genaueres Hinschauen.
09. Mai 2017, 22:32 Uhr
Gewöhnungsbedürftiger Anblick: Eine ältere Frau in Handschellen. Auch Seniorinnen werden zunehmend zu Täterinnen. (Foto: fotolia/Ocskay Mask)

Öfter hört man von »Opa-Banden«: 2016 wurden in Bochum zwei erheblich vorbestrafte Rentner wegen bewaffneten Bankraubs zu langjährigen Strafen verurteilt. Im selben Jahr standen in London sieben »böse Opas« wegen eines Jahrhundert-Coups vor Gericht; Wert der Juwelenbeute: 18,5 Millionen Euro. Schon 2005 mussten sich drei Rentner wegen Bankraubs vor dem Landgericht Hagen verantworten; sie hatten in den Jahren zuvor 14-mal Banken heimgesucht.

Nun ein neuer spektakulärer Fall einer »Seniorenbande«: Erstmals ist eine 91-jährige Greisin mit von der Partie. Sie wurde vor einiger Zeit vom Landgericht Aurich zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt – wegen Beihilfe zu erpresserischem Menschenraub. Ein Mann war entführt, zwei Tage festgehalten und unter Gewaltdrohungen zur Überweisung von einer Million Euro Lösegeld auf das Konto der Seniorin gezwungen worden. Doch die Geldauszahlung scheiterte, die Sache flog auf. Mehrere Mittäter des siebenköpfigen Teams erhielten Strafen bis zu sechs Jahren. In der Revision drängt die Staatsanwaltschaft auf deutlich höhere Strafen, auch für die Seniorin, die eine erhöhte Strafe dann zu verbüßen hätte. Dazu eine Staatsanwältin: »Alter schützt vor Strafe nicht.«

Kein bisschen weise?

Das Geschehen wirft kriminologisch Fragen zu zwei neueren, ungewöhnlichen Straftätergruppen auf: Alte und Frauen. Was wissen wir über sie und ihre Kriminalität? Sind Warnungen vor Gefahren bedenklich zunehmender Alten- und Frauenkriminalität berechtigt? Gibt es gar neue »Tätertypen«? Wie sollen diese Menschen bestraft werden? Erst einmal gilt es, vor Verallgemeinerungen zu warnen. Schnell verbreiten sich oft undifferenziert und vorschnell pauschale Zuschreibungen und Vorurteile gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen: Mit Zuwanderern komme erhöhte Kriminalität, sie seien eine Gefahr; man sei einer »Greisenkriminalität in einer vergreisenden Gesellschaft« ausgesetzt; mit wachsender Emanzipation würden sich Frauen den Männern in der Kriminalität und Gewalt angleichen.

Zuallererst sind diese drei Gruppen im Gesamtgefüge gesellschaftlicher Entwicklungen zu beurteilen. Zunächst zur Kriminalität von Zuwanderern: Mit wachsenden Zahlen von Migranten nimmt auch entsprechende Kriminalität zu; namentlich, wenn vorwiegend jüngere Männer, also Menschen der besonders kriminalitätsbelasteten Bevölkerungsteile, vermehrt zu uns gelangen, mehren sich Straftaten. Das Risiko erhöht sich noch bei Menschen aus Armutsgebieten und ohne Perspektive auf Bleiberecht und Integration. Doch gibt es keine Hinweise darauf, dass Flüchtlinge und andere Zuwanderer insgesamt stärker zu Kriminalität neigten als die vergleichbare Bevölkerung hier. Im Gegenteil: Von wenigen besonderen Gruppen abgesehen verhalten sich die meisten wegen hoher Motivation, hier Schutz und Eingliederung zu finden, gesetzestreuer als Einheimische.

Nun angesichts des eingangs geschilderten Falles vor allem Befunde zur Seniorenkriminalität: Wieder gilt etwas Banales. Je älter Menschen werden und je größer ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung, umso mehr werden wir es auch mit alten Straftätern und sogar greisen Strafgefangenen zu tun haben. Der Anteil der im Rentenalter Befindlichen hat sich innerhalb von vier Jahrzehnten verdoppelt. Folglich verzeichnen die Kriminalstatistiken anhaltende Steigerungsraten in diesem Bevölkerungssegment. Doch entzieht schon der vergleichende Blick auf Kriminalitätsbelastungen Jüngerer und Älterer jedweder Sorge um nennenswerte Kriminalitätsgefahren durch Senioren den Boden. Macht der Bevölkerungsanteil über 60-Jähriger gut ein Viertel der inländischen Bevölkerung aus, so stellen sie doch nur gut sieben Prozent aller polizeilich ermittelten Tatverdächtigen. Die relativen Kriminalitätsbelastungszahlen (Tatverdächtige je 100 000 Einwohner der jeweiligen Altersgruppe) verdeutlichen dies exakter, weil sie unabhängig von Schwankungen in den Bevölkerungsanteilen sind. Diese Belastungszahlen kulminieren mit etwa 12 000 bei 20-jährigen Männern und mit 4000 bei 19-jährigen Frauen; sie liegen jedoch bei 60-jährigen Männern mit etwa 1000 und bei gleich alten Frauen mit etwa 200 weitaus niedriger. Betrachten wir noch höhere Stufen des Alters, tendieren die Belastungszahlen gegen null. Hinzu kommt, dass die Belastungszahlen bei Älteren mit der Zeit sogar zurückgehen.

Schwindende Aktivität

Zur entdramatisierenden Analyse gehört weiter die Erkenntnis von Normalität und Ambivalenz des Alters und Alterns: Der letzte Lebensabschnitt ist überwiegend von schwindender Aktivität gezeichnet. Das gilt für alle sozialen Betätigungen – ob legal oder illegal. Selbst der lebenslange Ganove fällt im Alter seltener auf – »ausschleichende Kriminalität«. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Es gibt Alterseliten – im Guten und im Schlechten. Sie können sogar in Führungspositionen gelangen, dank anhaltender Vitalität und angesammelter Sozialkompetenz. Im neunten Lebensjahrzehnt war Adenauer Bundeskanzler, Benedikt XVI. Papst, Sawallisch Dirigent. Ähnlich ist es bei Funktionseliten von Verbrechensorganisationen wie Mafia und Yakuza. Der meist schon alte Capo di capi genießt als erfahrener, dominanter, mächtiger Boss den Respekt der »Familie«.

In Sizilien wurden seinerzeit drei hochbetagte Mönche – der Älteste war 84 – wegen Erpressungen und anderer schwerer Verbrechen, begangen in Zusammenarbeit mit der Mafia, zu je 13 Jahren Gefängnis verurteilt. Selten kommt allerdings schwerere Kriminalität erstmals im Alter vor. Gewalttaten von Senioren spielen sich meist im sozialen Nahraum ab; sie sind oft Anzeichen für altersbedingten Abbau, womöglich Demenz, also eher für Schuldunfähigkeit.

Frau kann auch anders

So sollten auch strafende Reaktionen altersangemessen sein. Eine Bewährungsstrafe wegen zurechenbaren Verbrechens für die 91-Jährige in Ostfriesland erscheint durchaus angemessen. Bei leichteren Delikten sollten Verfahrenseinstellungen oder Sanktionen ohne Freiheitsentzug Vorrang haben, beispielsweise Geldstrafe, Hausarrest oder gemeinnützige Arbeiten, soweit Ältere ihre Potenziale sinnvoll einbringen können. Strafzwecke wie Abschreckung und Rückfallvermeidung verlieren im Alter an Bedeutung. Der Strafvollzug geht dazu über, altengerechte, offenere Haftabteilungen zu schaffen für ungefährliche Senioren. Mit steigender Tendenz sind gegenwärtig mehr als 2100 über 60-Jährige in Haft- oder Sicherungsverwahrungsanstalten untergebracht. Sterben in Haft ist nicht mehr ungewöhnlich. Herrschte nicht derzeit ein übertriebenes Sicherheits- und Strafschärfungsdenken vor, könnten viele alte Gefangene längst entlassen sein.

Schließlich wichtigste Befunde zur Frauenkriminalität: Auch sie nimmt zu. Es hat vor allem mit verstärkter Teilhabe am öffentlichen Leben zu tun. Damit kommen Frauen in gleiche soziale Situationen und Versuchungen, in denen Männer straffällig werden – ob im Beruf oder in der Freizeit. Anders als die Alterskriminalität bietet die der Frauen seit jeher ein Tummelfeld von Vorurteilen sowie theoretischen und ideologischen Erklärungsversuchen.

Einige halten die Kriminalität für geschlechtergleich verteilt, eine geringere Beteiligung von Frauen für einen Mythos. Nur einer besseren Strategie von Frauen, im Dunkelfeld zu bleiben, und der »Ritterlichkeit« von Strafverfolgern gegenüber Frauen sei die geringere gemessene Quote straffälliger Frauen zu verdanken. Marxistisch beeinflusste Sicht erachtet die geringere Quote als Folge männlicher Unterdrückung; man nehme die Frau nicht einmal in der Kriminalität ernst. Alice Schwarzer sieht die Frau umgekehrt gar als härter verfolgt und bestraft an, denn: »Justitia ist ein Mann!« All das wird durch empirische Dunkelfeldforschung widerlegt.

»Emanzipationstheorie«

Bleibt die einleuchtendere »Emanzipationstheorie«, wonach sich Frauen allmählich in Quantität und Qualität der Kriminalität des anderen Geschlechts anglichen (Freda Adler: »Sisters in Crime«). Ganz langsam nimmt ja Frauenkriminalität tatsächlich zu. Dennoch verbleiben fast unverändert die großen Abstände zu den Männern nach Häufigkeit und Schwere der Taten: Bei polizeilich Tatverdächtigen finden wir noch einen Frauenanteil von einem Viertel, bei Verurteilten nur noch gut ein Fünftel, in der Haft ein Zwanzigstel. Unter allen 524 Sicherungsverwahrten sind nur drei Frauen.

»Konservative« Erklärungen liegen nahe: Frauen sind nach ihrer psychischen Natur einfühlsamer, nach ihrer Erziehung »braver«, vorsichtiger; sie agieren Konflikte seltener – zumal gewaltsam – gegen andere aus, verarbeiten sie mehr innerlich. Und sie nehmen bereitwilliger psychische Hilfen an. So können Frauen zwar grundsätzlich fast alle Delikte ebenso wie Männer begehen; sie tun es jedoch nicht so oft, werden vor allem weit weniger gewalttätig.

Der Autor ist emeritierter Professor für Kriminologie an der Gießener Universität. Kürzlich ist sein Buch »Das Verbrechen und wir – Essays zur Einführung in Kriminologie und Kriminalpolitik« im Verlag Mohr Siebeck erschienen.

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