Digitales

Facebook will Menschen direkt mit dem Gehirn tippen lassen

Es klingt wie Science-Fiction, aber Facebook arbeitet wirklich daran: Das Online-Netzwerk forscht an einer Technologie, mit der Menschen ihre Gedanken ohne Umweg über eine Tastatur direkt aus dem Kopf online bringen könnten. Gedanken ausspionieren werde man aber nicht.
20. April 2017, 15:40 Uhr
Von Andrej Sokolow, dpa
Regina Dugan präsentierte auf Facebooks Entwicklerkonferenz F8 ein neues Forschungsprojekt. Es soll Menschen ermöglichen, aus dem Gehirn heraus Worte in den Computer zu schreiben.

Facebook will Menschen direkt aus dem Gehirn heraus Worte in Computer schreiben lassen. Damit wäre es möglich, einem Freund eine Textnachricht zu schicken, ohne dafür das Smartphone herausholen zu müssen, sagte Facebook-Managerin Regina Dugan auf der hauseigenen Entwicklerkonferenz F8 .

Dafür sollen Gehirnströme ausgewertet werden. Das aktuelle Ziel sei, auf eine Schreibgeschwindigkeit von 100 Worten pro Minute zu kommen. Dies könne in einigen Jahren erreicht werden. Es gehe nicht darum, wahllos Gedanken zu lesen, versicherte Dugan.

Sie verwies auf aktuelle Forschungen an der Stanford-Universität, in denen eine gelähmte Frau dank mehreren Elektroden im Gehirn, «so groß wie eine Bohne», acht Worte pro Minute in den Computer schreiben könne, Buchstabe für Buchstabe. Die Elektroden erkennen die Aktivität der Neuronen, wenn sie einen Cursor auf dem Bildschirm vor ihr bewegen wolle, um einen bestimmten Buchstaben einzutippen.

Für einen massenhaften Einsatz der Technologie seien Implantate aber nicht geeignet, es müsse sehr empfindliche Sensoren auf der Oberfläche des Kopfs geben, die Gehirnaktivität «hunderttausende Male pro Sekunde auf den Millimeter genau» überwachen. «Solche Technologie existiert heute nicht. Wir werden sie erfinden müssen», sagte Dugan. Bei Facebook arbeite ein Team aus 60 Forschern an dem Projekt.

Mit der Zeit solle es nicht mehr nötig sein, im Kopf Worte aus einzelnen Buchstaben zu bilden. Ein Nebeneffekt davon könne auch sein, dass sich Menschen in anderen Sprachen ausdrücken könnten, ohne sie zu lernen, sagte Dugan. So könnte zum Beispiel der Gedanke an eine Tasse direkt mit dem entsprechenden Fremdwort in Spanisch oder Chinesisch umgesetzt werden. «In ihrem Kopf ist eine Tasse nicht ein Etikett mit dem Wort darauf, sondern ein von Menschen geschaffener Gegenstand, den man in der Hand halten und daraus Flüssigkeiten trinken kann», erklärte die Facebook-Managerin. «Eines nicht so fernen Tages könnte es sein, dass ich auf Chinesisch denke und Sie es sofort auf Spanisch fühlen.»

Es gehe zugleich auf keinen Fall darum, wahllos Gedanken von Menschen zu lesen, betonte Dugan. Dazu dürfe niemand das Recht haben. Ähnlich wie man viele Fotos mache und nur einige davon anderen zeige, «haben Sie viele Gedanken und beschließen, nur einige davon zu teilen». Nur solche Gedanken, die an das Sprachzentrum weitergeleitet würden, seien gemeint. Facebook macht seine Milliardengewinne mit direkt auf die Nutzer zugeschnittener Werbung - und allein schon die Idee, dass Anzeigen an Gedanken angepasst werden könnten, dürfte Politiker, Datenschützer und Nutzer auf die Barrikaden treiben.

Nicht nur Facebook macht sich gerade Gedanken über eine solche Technologie. Auch Tech-Milliardär Elon Musk erforscht in einer neuen Firma, wie das menschliche Gehirn direkt mit Computern vernetzt werden könnte. Der 45-Jährige sei an dem Unternehmen Neuralink beteiligt, das entsprechende Elektroden entwickeln will, hatte das «Wall Street Journal» Ende März berichtet.

Musk, Chef des Elektroautobauers Tesla und der Weltraumfirma SpaceX, hatte bereits bei einem Konferenz-Auftritt im vergangenen Jahr gesagt, dass er künstliches Nervengewebe zum Verbinden mit Computern für eine wichtige Zukunftstechnologie halte. Das könne Menschen helfen, mit der künftigen künstlichen Intelligenz mitzuhalten, vor deren möglichen Übermacht Musk mehrfach warnte. Musk sprach damals von einem «direkten Interface zur Hirnrinde», insgesamt blieb er aber vage. Deshalb war zunächst unklar, ob es sich bei seinen Ausführungen um ein konkretes Projekt oder eine Technik-Fantasie handelte.

Die 54-Jährige Dugan war vor Facebook bei Googles Zukunftslabor und der Forschungsagentur DARPA des US-Verteidigungsministeriums. Bei Facebook leitet sie die Innovationsabteilung «Building 8».

Zur Zukunftsvision von Facebook gehört auch die sogenannte erweiterte Realität, bei der virtuelle Objekte auf einem Bildschirm in reale Umgebungen eingeblendet werden. Als ersten Chef will Gründer und Chef Mark Zuckerberg für die «Augmented Reality» (AR) die allgegenwärtigen Smartphones nutzen. Der Forschungschef der auf virtuelle Realität spezialisierten Facebook-Firma Oculus, Michael Abrash, skizzierte auf der F8 aber auch eine Zukunft, in der man dauerhaft mit AR-Brillen unterwegs ist, die zusätzliche Informationen einblenden. So könnte zum Beispiel beim Blick auf ein Eis die Frage erscheinen, ob zum täglichen Bewegungsziel zwei Kilometer hinzugefügt werden sollten.

«Der wahre Durchbruch wird kommen, wenn die reale und die virtuelle Welt sich frei vermischen können werden, egal, was wir machen, egal, wo wir sind - so dass die virtuelle Welt einfach zum Teil unserer täglichen Realität wird», sagte Abrash. Bis dahin könnten aber Jahrzehnte vergehen.

Das Hauptprogramm der F8 stellte in diesem Jahr stark technische Zukunftsvisionen in den Vordergrund, während die aktuellen Probleme von Facebook wie Hassrede oder gefälschte Nachrichten nur am Rande zur Sprache kamen. Zugleich war der Anfang der Konferenz davon überschattet worden, dass ein Mann in den USA am Wochenende einen Passanten ermordete und ein Video der Tat bei Facebook hochlud. In einzelnen Konferenz-Events wiederholten Facebook-Manager die jüngsten Ankündigungen, härter gegen Fake News und hetzerische Inhalte vorzugehen.

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