Zurück in den Ring

(sel) Vom Ring auf den Berg – und vom Berg zurück in den Ring. So lässt sich der Lebensweg des Lahnauer Ausnahmesportlers Florian Hill auf einen Nenner bringen – wenn auch in sicher unerlaubter Verkürzung.
21. Juni 2013, 20:58 Uhr
SPARRING IN HAVANNA: Der Dorlarer Florian Hill (r.) hat die Fortsetzung seiner Box-Laufbahn am kubanischen Olympiastützpunkt gestartet. (Foto: sel)

Das Boxen hat Hill nie wirklich hinter sich lassen können, auch wenn er vor zehn Jahren in seinem Drang nach Individualität und Freiheit quasi über Nacht den Zwängen des Olympiastützpunktes des Deutschen Boxsportverbandes in Frankfurt/Oder entflohen ist, womit eine möglicherweise große Boxerkarriere mit 19 Jahren abrupt endete. Oder, wie sich jetzt erst zeigt, eine Unterbrechung erfuhr.

Der Entschluss von Hill, Profiboxer zu werden, steht felsenfest. Seinen Wohnsitz in Tirol hat er aufgegeben. Ende Mai verlagerte der Dorlarer seinen Lebensmittelpunkt nach New York. In den Bronx trainiert Hill vorerst im Gleason-Profiboxstall, direkt unterhalb der Brooklyn Bridge, in dem schon Legenden wie Muhammad Ali und Mike Tyson sich auf ihre Wettkämpfe vorbereiteten.

So ungewöhnlich der Lebensweg, so außergewöhnlich ist die Person Florian Hill, die innerhalb von zehn Jahren durch seine Reisen an die entlegensten und gefährlichsten Plätze dieser Erde zu einer Persönlichkeit gereift ist. Einfach nur Berge besteigen, das wollte Hill nie. Es bedurfte schon des von ihm ganz bewusst gesuchten Reizes des Extremen, eine Leidenschaft am Limit. Davon und von vielem mehr berichtete der junge Mann in seinen zahlreichen Multimedia-Vorträgen. Dabei immer das Risiko betonend, das bei seinen Bergtouren auf meist nicht beschrittenen Wegen einzugehen er sich völlig bewusst war, weil er es genauso wollte. Ein Risiko, das auch in Extremsituationen letztlich zu beherrschen er sich stets zugetraut habe. Denn ohne das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hätte er in den vergangenen zehn Jahren als Extrembergsteiger seine Abenteuer nicht überleben können.

Und dafür hat Hill gelebt, seinen Körper bis an die Grenzen der Belastbarkeit getestet. Jetzt aber zeichnet sich, wie schon einmal vor einem Jahrzehnt, eine Wende in seinem Leben ab. Seit Monaten geplant wie eine Expedition. Nach dem Ende seiner bislang letzten Bergfahrt in das zentralasiatische Pamir-Hochgebirge, die mit der Besteigung des 7200 Meter hohen Pik Lenin endete, führte sein Weg im Oktober letzten Jahres direkt in eine Boxschule zwischen Kasachstan und Kirgistan. Von dort verschlug es ihn, mit Unterstützung seines Heimtrainers Rainer Simon, ins Box-Eldorado Kuba. Zwei Monate lang trainierte der Dorlarer am kubanischen Olympiastützpunkt in Havanna (wie übrigens im März und April für drei Wochen nochmals). In Havanna wurde der mittlerweile im Halbweltergewicht boxende Hill von Nationaltrainer Maikro Romero betreut. Romero selbst gewann 1996 in Atlanta olympisches Gold und wurde Weltmeister. »Ich wollte dort mit den Besten der Besten trainieren und mich mit ihnen vergleichen«, sagt Hill, wie zum Beispiel mit Roniel Iglesias, dem Olympiasieger im Halbweltergewicht von 2012. Dass sein Anspruch, sich mit den Besten im Sparring zu messen, auch schmerzliche Folgen für Hill hatte, ist per Röntgenbild belegt: eine gebrochene Nase und zwei gebrochene Rippen.

Im Blick auf seine Pläne, Fuß im Profiboxen zu fassen, wird Hill philosophisch. »Ich erkenne das Boxen heute als eine prozessorientierte Entwicklungsstufe an. Es geht doch gar nicht ums Boxen als Sport, sondern um die Emotionen, die Entbehrungen, alles das, was man aufgeben muss, um in den Ring zu steigen und erfolgreich zu sein.« Durchaus stelle sich die Frage, wie realistisch ein Comeback als Profiboxer sei. Doch wer Hill boxen sah, mit seinem offensiven und zermürbenden Kampfstil, der weiß um das Talent und die gute Grundausbildung, die er Heimtrainer Simon aus Greifenstein zu verdanken hat. Die Box-Leidenschaft brenne wieder lichterloh in ihm. Und die Bereitschaft, sich täglicher Arbeit zu unterwerfen und ein asketisches Leben zu führen, auch.

Vor dem Start Ende Mai in die USA war Hill noch einmal in seiner Heimat in Dorlar. Im Rahmen der Rheinlandmeisterschaft boxte er in Hermeskeil trotz gebrochener Nase für das »Boxteam Lahn«, für das er im Alter von 13 Jahren mit dem Faustkampf begann, und bestritt erstmals nach zehn Jahren wieder einen offiziellen Wettkampf. Mit Rainer Simon als Trainer besiegte er seinen Gegner nach Punkten, hätte diesen, wie er sagt, auch früh auf die Bretter schicken können, wollte aber über die volle Distanz gehen.

Auf die Frage, ob er sich nun ganz aus dem Bergsteigen zurückziehe, weiß Hill bereits eine Antwort: »Nein«, denn Ende Juni ist er für vier Wochen auf einer Expedition in Alaska unterwegs – dem Ort, der dem Extremsportler im Jahr 2012 durch einen Lawinenunfall beinahe das Leben gekostet hätte. Begleitet wird Hill von einem Team von »National Geographic Deutschland«, die das neuerliche Abenteuer für ihre Zeitschrift dokumentieren.

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