»Als würde man einen Freistoß in den Winkel zimmern«

Die Hartplatzhelden drehen in Karlsruhe die Partie gegen den WFV, denn das Internetportal des Gießeners Oliver Fritsch darf weiter Spielszenen aus dem Amateurbreich zeigen. Im Interview spricht er über Geld verdienen im Internet, den Glauben an den Rechtsstaat und natürlich über Amateurfußball.
02. November 2010, 11:20 Uhr
Ein großes Herz für den Amateurfußball hat der Gießener Oliver Fritsch, einer der Gründer des Internetportals www.hartplatzhelden.de und Trainer des Hamburger Landesligisten SV Blankenese. (Foto: Heitmeyer)

»Heute Abend wird es noch schwerer«, sagte Oliver Fritsch gestern und lachte. Der ehemalige Gießener, der mittlerweile in Hamburg heimisch geworden ist, musste am Freitagabend als Trainer mit seinem Landesligisten SV Blankenese beim SV Eimsbüttel antreten. An einen Sieg des Vorletzten beim Sechsten, daran wollte Fritsch nicht glauben. Nur nicht übermütig werden. Seinen bislang größten Sieg hatte der Journalist nämlich bereits am Donnerstag davongetragen - vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Dort war er angetreten, um sein Internetportal www.hartplatzhelden.de zu verteidigen (die AZ berichtete) - mit Erfolg. Im Streit mit dem Württembergischen Fußballverband WFV ging Fritsch nach zwei Niederlage in den Vorinstanzen als Sieger hervor und darf weiterhin Videoaufnahmen von Amateurspielen im Netz veröffentlichen. Der Verband wollte das als unerlaubte gewerbliche Verwertung untersagen lassen. Auf Fritschs werbefinanziertem Portal können nun weiterhin Besucher von Amateurspielen Szenen einstellen. Die schönsten Aktionen werden sogar prämiert.

Herr Fritsch, war das am Donnerstag Ihr bislang größter Sieg?

Oliver Fritsch: »Siege und Niederlagen kenne ich ja eigentlich nur vom Spielfeld. Jetzt habe ich auch mal vor Gericht einen Sieg gelandet. Und man kann schon sagen, dass das mein größter Sieg war. Ja. Denn da stand am Donnerstag viel auf dem Spiel - nicht nur für mich. Das war so ein Gefühl als würde man in der letzten Minute einen Freistoß aus 30 Metern oben in den Winkel zimmern.«

Was stand für Sie auf dem Spiel?

Fritsch: »Zunächst lagen zwischen 50 000 und 60 000 Euro Prozesskosten auf dem Tisch, die jetzt allein der Verlierer tragen muss. Das war für uns kein unwesentlicher Faktor. Außerdem will ich natürlich mein Portal weiterbetreiben, weil ich nicht einsehe, warum ich mir das verbieten lassen soll. Ich bin keiner, der sich nicht an Gesetze halten will, aber diese Klage war mir von Anfang an suspekt. Ich habe nie verstanden, wie man so etwas verbieten kann. Tja, aber jetzt geht es ja weiter. Ja, und außerdem haben wir mit diesem Urteil auch ein Stück Freiheit erkämpft im Internet - für Vereine, Spieler, die wären am Donnerstag nämlich auch Verlierer gewesen, und für Lokalzeitungen. Das Urteil ist eine Zukunftschance für Onlineportale und Lokalzeitungen im Internet, die jetzt keine Lizenzen mehr für Videobeiträge von Amateurspielen benötigen. Das Geld kann man nun für freie Mitarbeiter aufwenden. Mich haben schon einige Lokaljournalisten angerufen und sich bedankt, weil es auch ein Sieg für sie ist. Ich denke, wir unterscheiden uns in dieser Hinsicht kaum von einer Lokalzeitung.«

Ein Sieg auf ganzer Linie also, obwohl der BGH auch mitteilte, dass Vereine von ihrem Hausrecht Gebrauch machen und das Filmen auf ihrem Gelände immer noch untersagen können?

Fritsch: »Ein Kantersieg. Selbst die Sache mit dem Hausrecht kann unsere Freude nicht trüben, denn das ist ja nichts Neues. Um das durchzusetzen, müssten die Verbände an die Vereine herantreten und Schilder aufstellen lassen: Filmen verboten. Ich kann mir das nicht vorstellen. Das wäre ein großer Aufwand. Vielleicht bekommen sie eine Handvoll Vereine dazu, das zu machen. Das mag sein. Aber dann wird es zur Posse. Ich muss aber auch mal sagen: Hallo Vereine, ihr müsst euch nicht alles bieten lassen. Wir haben es vorgemacht, jetzt seid ihr dran. Wenn ein Verein aber der Meinung ist, seine Filme sollen nicht bei uns laufen, dann halten wir uns daran. Bisher haben aber alle Vereine gesagt: Es ist toll, dass wir bei Hartplatzhelden mal für fünf Minuten prominent sind.«

Es könnte in Zukunft jedenfalls spannend werden, wenn ein Platzwart einer Mutter verbieten will, ihren Sohn beim Kicken zu filmen ...

Fritsch: »Ja das wird ein heißer Tanz. Aber noch mal: Wenn der Verein sagt, nein, hier nicht, dann ist das so. Hausrecht ist Hausrecht. Aber darum ging es vor dem BGH nicht.

Hatten Sie am Donnerstagmorgen große Zweifel?

Fritsch: »Natürlich. Wir hatten vorher zweimal verloren und uns auch damals schon immer im Recht gefühlt. Da verliert man schon ein wenig den Glauben an die Sache. Am Donnerstag habe ich wieder ein Stück Glauben in den Rechtsstaat wiedergewonnen. Die ersten beiden Urteile schienen mir schräg. Da war etwas faul. Der Richter nun hat verstanden, worum es geht, und uns unabhängig davon behandelt, wie mächtig wir sind.

Was wäre gewesen, wenn es zu einer Niederlage gekommen wäre?

Fritsch: »Dann hätten wir abgeschaltet - oder nur noch leere Sportplätze und wehende Eckfahnen gezeigt, aber der Idee wäre die Grundlage entzogen worden. Ich persönlich hätte mein lange Erspartes aufgebraucht und hätte wohl einen Kredit aufnehmen müssen. Rein finanziell hätte das extrem wehgetan.«

Nach dem Spiel ist ja bekanntlich vor dem Spiel. Gibt es schon Pläne?

Fritsch: Ich habe ein paar Ideen, wie man Hartplatzhelden ausbauen kann. Ich weiß aber nicht, ob wir dazu kommen. Zuletzt lag vieles brach. Wenn man technisch etwas umsetzen will, muss man investieren, das konnten wir zuletzt nicht, weil wir alles Geld für den Prozess zurückgehalten haben. Jetzt ist wieder etwas Kohle da und wir bekommen auch das Geld zurück, das wir schon ausgegeben hatten. Mal sehen, was wir machen.«

Sie haben mal gesagt, das Portal hätte es noch nicht nötig gemacht, einen Elefanten zu kaufen, der im Keller das Geld plattdrückt ...

Fritsch: »Den können wir uns jetzt kaufen, wir haben jetzt richtig Asche (lacht). Nein. Im Ernst. Wir sind damals zu fünft mit jeweils etwa 7000 Euro Einlagen angetreten. Das Geld ist mehr oder weniger verbraten worden, um die Plattform hochzuziehen. Wir hatten auch mal einen Werbevertrag mit der Telekom, aber auch das war nicht kostendeckend. Dann kam sofort die Klage. Und durch einen Rechtsstreit mit dem DFB ist man schon ein wenig eingeschränkt.

Das ist aber auch eine große PR-Kampagne ...

Fritsch: »Ja. Das stimmt. Aber trotzdem, ich glaube, dass der Arm des DFB sehr lang ist. Vielleicht wird es auch zu einem Makel für uns, dass wir die sind, die sich mit dem DFB angelegt haben«.

Unter anderem wurde Ihnen ja vom Württembergischen Fußball-Verband vorgeworfen, dass Sie dem Ansehen des Sports schaden, weil man sich auf dem Portal auch über sportliche Missgeschicke lustig machen kann ...

Fritsch: »Das kann wohl nur ein Scherz gewesen sein. Wir prämieren das schönste Tor. Was soll daran lächerlich sein. Die Leute bedanken sich bei uns dafür. Gerade hat mir der Torschütze des Jahres 2008 eine Mail geschrieben: ›Herzlichen Dank, ihr habt für den Fußball etwas erkämpft und auch für mich. Ich will mir nicht vom DFB vorschreiben lassen, wo meine Videos landen. Super‹. Der ist so stolz. Natürlich lädt auch manchmal einer ein Eigentor hoch, aber - mein Gott - darüber kann man doch mal lachen. Man muss auch mal darüberstehen, wenn man über den Ball tritt. Verbände sind da so bieder. Wenn man mal über so eine Szene lacht, schadet man doch keinem anderen Spieler.

Gerade dieses Argument des WFV dürften Sie nicht verstanden haben, da Ihnen immer wieder bestätigt wird, dass Sie Tolles für den Amateurfußball leisten. Vielen Fußballern fehlt vom DFB gerade dieses Engagement an der Basis.

Fritsch: Zuletzt wurde FIFA-Präsident Joseph Blatter zum Ehrenmitglied des DFB ernannt, gleichzeitig will man Hartplatzhelden abschalten. Da läuft doch etwas schief. Die Regionalligareform wurde als Entgegenkommen der DFL verkauft, aber es ist gar nicht so. Hören Sie sich mal um bei den Oberligisten. Oder nehmen Sie das Bundesligaspiel sonntags um 15.30 Uhr. Früher war der Sonntag heilig, der gehörte den Amateuren. Darüber redet keiner mehr. Aber es gibt Vereine, die gehen daran fast zugrunde. Allerdings macht der Amateurfußball auch Fehler. Es ist ein verschlafenes Milieu. Aber die Amateure haben beim DFB keinen Einfluss, keine Macht, keinen Sprecher. Alles ordnet sich dem Profibereich und den Millionen, die dort verdient werden, unter. Ich finde, es wird Zeit, dass es auch mal in die andere Richtung geht.

Dazu war der Donnerstag ein Anfang ...

Fritsch: »Ja, das war ein Anfang. Mein Beitrag. Es muss nicht mein letzter gewesen sein, aber es wäre schön, wenn mal ein Anderer draufspringt. Es gibt viele Leute, die daran Interesse haben, dass wieder mehr los ist auf den Plätzen. Es kann doch nicht sein, dass zu einem Landesligaspiel nur noch 40 Zuschauer kommen. Dort wird auch guter Sport geboten. Marc Schäfer

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