Schwangerschaftsabbruch

Gericht spricht Gießener Ärztin wegen Werbung für Abtreibung schuldig

Weil sie Werbung für Schwangerschaftsabbrüche gemacht hat, hat das Amtsgericht die Gießener Ärztin Kristina Hänel verurteilt. Die Reaktionen sind heftig.
24. November 2017, 12:20 Uhr

Aus der Redaktion , 10 Kommentare
(Foto: Boris Roessler (dpa))
  • Zusammenfassung: Die Gießener Ärztin Kristina Hänel ist wegen Werbung für Schwangerschaftsabbrüche vom Gießener Amtsgericht für schuldig gesprochen worden. Mehrere hundert Unterstützer hatten vor dem Gebäude für einen Freispruch demonstriert. Auch einige Abtreibungs-Gegner waren vor Ort. Die Verteidigung hat angekündigt, in Revision zu gehen. Im Internet erfährt die Gießener Ärztin massive Unterstützung.
 
Fotostrecke: Großprozess um Gießener Ärztin
+++ 12.14 Uhr: "Der Gesetzgeber möchte nicht, dass über den Schwangerschaftsabbruch in der Öffentlichkeit diskutiert wird, als sei es eine normale Sache", begründete die Vorsitzende Richterin das Urteil. Bei einem Schwangerschaftsabbruch handele es sich nicht um eine normale Leistung wie beim Herausnehmen eines Blinddarms. Verteidigerin Prof. Monika Frommel reagierte nach dem Urteil mit deutlichen Worten: "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine Richterin den Unterschied von Information und Werbung nicht kennt." Und weiter mit Blick auf Richterin und Staatsanwalt: "Ich muss als Hochschullehrerin ganz arrogant sagen: Bei mir wären sie durch die kleine Übung gefallen."
 
+++ 12.02 Uhr: Auch im Internet sind die ersten Reaktionen deutlich: "Die AfD ist im Parlament, und wir Frauen werden mit Gesetzen aus der Nazizeit drangsaliert", heißt es etwa auf Twitter. Auch auf unserer Facebook-Seite kommentiert ein Nutzer: "Mir ist unbegreiflich, wie heutzutage immer noch Leute meinen, über den Körper anderer zu bestimmen." Wenige Stimmen kommen durch, die Statements wie "Abtreibung ist Mord!" abgeben.
+++ 11.45 Uhr: Die Unterstützer der Gießener Ärztin starten nun einen Demonstrationszug durch die Gießener Innenstadt. Knapp 100 Leute laufen mit. Ziel soll die Goethestraße sein.

+++ 11.36 Uhr: Kristina Hänel hat nach dem Urteil schnell das Gelände verlassen. Zuvor reckte sie zwei Fäuste in die Luft, erntete Applaus von der Menge. Mit einem Kamerateam sprang sie in einen schwarzen Mercedes und war weg.

+++ 11.32 Uhr: Die Verteidigung der Gießener Ärztin hat soeben Revision angekündigt. Bereits in den vergangenen Tagen hatte Kristina Hänel ihre Bereitschaft bekundet, notfalls durch alle Instanzen zu gehen.

+++ 11.25 Uhr: Das Urteil ist nun auch vor dem Gießener Amtsgericht auf der Gutfleischstraße angekommen. Die Demonstranten skandieren "Schande! Schande! Schande!" Und: "My body. My choice. Raise your voice!". Oder: "Kein Gott. Kein Staat. Kein Patriachat." Die Stimmung ist aufgeheizt. Auch Fachleute im Gerichtssaal kritisieren die Staatsanwaltschaft. Der Staatsanwalt hatte unter anderem erklärt, Kristina Hänel habe sich Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Ärzten durch das Wort "Schwangerschaftsabbruch" auf ihrer Homepage verschafft. Doch auch die Verteidigung findet ihre Kritiker.

+++ 11.20 Uhr: Das Urteil ist schon da! Das Gericht folgt der Forderung der Staatsanwaltschaft zu 100 Prozent: Kristina Hänel wird vom Amtsgericht Gießen schuldig gesprochen. Urteil: 40 Tagessätze zu 150 Euro.

+++ 11.11 Uhr: Nun hat sich das Gericht zur Beratung zurückgezogen. Zeugen sind übrigens nicht geladen. Ein Urteil wird in Kürze erwartet.

+++ 10.56 Uhr: Die Staatsanwaltschaft fordert eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je 150 Euro. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde bereits vor einigen Jahren gegen die Ärztin wegen zwei ähnlicher Vorwürfe ermittelt. Die beiden Verfahren seien damals eingestellt worden. Die Verteidigung in Person von Prof. Monika Frommel beantragt Freispruch und appelliert für eine Vorlage beim Bundesverfassungsgericht.
+++ 10.39 Uhr: Wie groß ist eigentlich die Unterstützung für die Gießener Ärztin? Die Einschätzung erleichtert ein Blick auf eine Online-Petition: Kristina Hänel hatte selbst eine an den Bundestag gerichtete Online-Petition mit dem Titel "Informationsrecht für Frauen zum Schwangerschaftsabbruch" gestartet. Ergebnis: Einen Tag vor der Gerichtsverhandlung wurde die Marke von 100 000 Unterstützern geknackt. Sogar die "taz" widmete dem Thema Verbot der "Werbung" für Schwangerschaftsabbrüche eine Titelseite.

+++ 10.27 Uhr: Wie unsere Kollegin aus dem Saal 100 im Amtsgericht berichtet, möchte Verteidigerin Prof. Monika Frommel für die Gießener Ärztin Kristina Hänel einen Freispruch bewirken. Information sei keine Werbung.

+++ 10.14 Uhr: Bei der Auseinandersetzung zwischen einer Antifa-Gruppe und den sogenannten Lebensrettern schreitet nun die Polizei ein! Die Abtreibungs-Gegner erklären: "Uns geht's um die Kinder, nicht um die Frauen."

+++ 10.06 Uhr: Wie sieht eigentlich diejenige, um die sich der Prozess dreht, die Vorwürfe? Die Gießenerin Kristina Hänel sagt, sie habe medizinische Informationen ins Netz gestellt, um Menschen aufzuklären und zu informieren. Sie betrachte das als ihre ärztliche Pflicht. "Ich mache das nicht, damit Frauen zu mir kommen. Die kommen sowieso." Die 61-Jährige nimmt seit über 30 Jahren Schwangerschaftsabbrüche vor.
  +++ 10.03 Uhr: Ein Mann hält ein Plakat mit der Aufschrift "Eine Stimme für die Ungefragten" hoch. Es zeigt ein Babybild. Ein Dutzend anderer Demonstranten ruft ihm "Hau ab!" entgegen und blockiert seinen Weg. Der Saal 100 im Gießener Amtsgericht ist derweil inzwischen vollbesetzt. Die Sirenen der Blockierer an der Gutfleischstraße sind bis nach drinnen zu hören.

+++ 09:54 Uhr: In wenigen Minuten beginnt im Gießener Amtsgericht der Prozess. Der Saal 100, der größte des Hauses, bietet allerdings nur 50 bis 60 Sitzplätze. Rund 30 davon sind für Pressevertreter reserviert, viele der Unterstützer Kristina Hänel werden sich die Zeit anders vertreiben müssen. Eine Übertragung in andere Säle gibt es nicht.
 
+++ 09.46 Uhr: Was konkret besagt eigentlich der Paragraf 219a des Strafgesetzbuches, gegen den vor dem Gießener Amtsgericht auch protestiert wird? "Wer öffentlich (...) seines Vermögensvorteils wegen oder in grob anstößiger Weise eigene oder fremde Dienste zur Vornahme oder Förderung eines Schwangerschaftsabbruchs oder Mittel, Gegenstände oder Verfahren, die zum Abbruch der Schwangerschaft geeignet sind, (...) anbietet, ankündigt, anpreist oder Erklärungen solchen Inhalts bekanntgibt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."

+++ 09.23 Uhr: Demonstraten sind aus ganz Deutschland angereist. Sogar Unterstützer aus der Schweiz haben sich eingefunden. Insgesamt sind etwa 300 Leute vor der Amtsgericht. Die Gutfleischstraße ist gesperrt.
+++ 09.05 Uhr: Vor dem Gießener Amtsgericht haben sich hunderte Menschen versammelt, um für Kristina Hänel zu demonstrieren. Plakate gegen den Paragrafen 219a des Strafgesetzbuches sind zu sehen: Dieser verbietet Werbung für Abtreibungen. Auch "My body! My choice!" ist auf Transparenten zu lesen.

+++ 08.45 Uhr: Um was geht's beim Großprozess gegen eine Gießener Ärztin? Weil sie für Schwangerschaftsabbrüche geworben haben soll, steht Kristina Hänel am Freitag vor Gericht. Die Medizinerin soll auf ihrer Website nicht nur über das Thema informiert, sondern auch angegeben haben, Abbrüche gegen entsprechende Kosten durchzuführen. Patientinnen konnten laut Staatsanwaltschaft über einen Link zu einem Dokument mit Details gelangen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Amtsgericht Gießen
  • Demonstrationen
  • Gießen
  • Redaktion
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
10
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 4 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.