Kältekammer-Therapie

Heilsamer Schock bei 110 Grad minus

Umstritten, aber gefragt – das ist die Kältekammer-Therapie. Fast unbekleidete Patienten setzen sich in der Kurpark-Klinik Bad Nauheim drei Minuten lang einer Temperatur von minus 110 Grad aus.
20. Oktober 2017, 05:00 Uhr
Prof. Diethard M. Usinger hat gut lachen: Nicht er, sondern seine beiden Patienten setzen sich einer Temperatur von 110 Grad minus aus. (Fotos: Nici Merz)

Drei Minuten bei 110 Grad minus – das ist doch nicht auszuhalten. Torben Greff sieht das anders, cool erzählt der 24-Jährige über seinen Testlauf in der neuen Kältekammer der Bad Nauheimer Kurpark-Klinik. Diese Therapie entwickelt sich zur Modeerscheinung auf dem Gesundheitsmarkt, gilt bei Optimisten gar als Allzweckwaffe. Chefarzt Prof. Diethard M. Usinger bevorzugt die nüchterne Betrachtung.

Nur mit Shorts bekleidet, als Schutz dienen Handschuhe, Wollmütze, Maske vor Mund und Nase, Wollsocken: So ausgerüstet öffnen Torben Greff und Michael Parten (Name geändert) die Tür zur Kältekammer, dicke Nebelschwaden wabern ihnen entgegen. Nach einer Vorkühlphase bei 60 Grad minus geht es in den Nebenraum, wo sage und schreibe 110 Grad unter Null herrschen. Bei musikalischer Untermalung gilt es, in Bewegung zu bleiben. Den ersten »Kühlschrank«-Gang hatten die Patienten der Kurpark-Rehaklinik mit »Neugier und Vorfreude« erwartet. »Drei Minuten bei dieser Temperatur sind eine extreme Erfahrung, es hört sich aber schlimmer an, als es ist«, sagt Michael Parten.

Wohlfühleffekt nach dem Auftauen

Auch bei Torben Greff, der sich wegen Problemen mit dem Bewegungsapparat in der Klinik aufhält, haben sich bei der trockenen Kälte keine Nebenwirkungen eingestellt. Er vergleicht den Aufenthalt in der Kammer mit dem Sauna-Gang – nur umgekehrt. »Zu viel Kälte ist etwas unangenehm – genauso wie zu viel Wärme.« Nach den drei Minuten, wenn die auf 5 Grad abgekühlte Haut langsam auftaue und sehr stark durchblutet sei, das Tastempfinden langsam zurückkehre, mache sich ein Wohlfühleffekt breit. Vital, aktiv und fit – so hat Michael Parten nach dem Frost-Erlebnis empfunden. Kein Wunder, denn der Körper reagiert mit Ausschüttung von Adrenalin und Endorphin auf den Kälteschock.

Das sind subjektive Patienteneindrücke, doch welchen Sinn macht die Kältekammer aus medizinischer Sicht? Im Internet entsteht teils der Eindruck, Kälte sei ein Allheilmittel. Von Rheuma bis Arthrose, von Schuppenflechte bis Multiple Sklerose (MS), von Depression bis Fibromyalgie: Bei all diesen Erkrankungen soll die Therapie helfen. Die Kältekammer wird Sportlern zur schnelleren Regeneration ebenso empfohlen wie Übergewichtigen zum Abnehmen.

Prof. Diethard M. Usinger tritt angesichts solcher Publikationen auf die Euphoriebremse. »Die Forschung steckt in den Anfängen«, sagt der Chefarzt der Kurpark-Klinik-Orthopädie-Abteilung. Studien mit einer ausreichenden Zahl von Patienten fehlten.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Trotzdem steht der 55-Jährige der in Deutschland recht neuen Behandlungsmethode aufgeschlossen gegenüber. Dabei verlässt sich Usinger auf seine Erfahrung und auf Patienten, die alle von positiven Effekten berichteten. Er will vor allem Rheuma-Kranke und Sportler behandeln. Bei Rheumatikern würden nach wenigen Behandlungen Schmerzen gelindert, nach einer etwa dreiwöchigen Therapie werde die Entzündung gehemmt, Gelenke funktionierten besser. »Das hat einen gewissen Charme, weil zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden«, betont der Chefarzt, der seit Juli in der Klinik tätig ist.
 

Dicke Wollhandschuhe schützen die Hände vor dem Frost.
Dicke Wollhandschuhe schützen die Hände vor dem Frost.

Die Kältekammer – hessenweit gibt es bislang nur zwei oder drei – sei eine wichtige Ergänzung der Physiotherapie. Betroffene müssten bis zu 50 Prozent weniger Schmerzmittel schlucken, könnten intensiver trainieren, weil sie beweglicher und weniger schmerzempfindlich seien. Usinger setzt auf enge Kooperation mit der Rheumaabteilung der Kerckhoff-Klinik und der Rheuma-Liga, um mehr Erfahrungen zu sammeln und die teure Kältekammer auszulasten, die seit April getestet wird.

Leistungssteigerung bei Sportlern?

Bei Leistungsportlern sei diese Therapieform bereits verbreitet. Weil Durchblutung und Stoffwechsel angeregt würden, erhole sich der Körper schneller. Nach einer extremen Belastung verschwänden Muskelkater und andere Beschwerden zügig, vor dem Wettkampf könne ein kurzer Besuch in der Kammer die Leistung steigern.

Der aktuelle Hype, der sich auch in Presse- und Fernsehberichten ausdrückt, ist dem 55-jährigen Orthopäden nicht geheuer. Das Wort »Hokuspokus« fällt in diesem Zusammenhang. Usinger: »Alle springen auf diesen Zug auf. Die Kältekammer kann aber nur eine naturheilkundliche Ergänzung konservativer Behandlungsformen sein.« Trotzdem schwören offenbar viele Betroffene darauf. Der Chefarzt erzählt von einer Patientin, die aus Nordrhein-Westfalen anreisen will, weil es dort keine Kältekammer mehr gibt. »Sie möchte hier zwei Wochen im Wohnmobil verbringen, nur um sich der Kältetherapie unterziehen zu können.«

 

Infokasten

Viele Ausschusskrankheiten

Etliche Patienten können die Kältekammer nicht nutzen, es gibt nämlich zahlreiche Kontraindikationen. Die Liste reicht von Herz-Kreislauf-Beschwerden, Diabetes und offenen Wunden über Atembeschwerden, Fieber und Infekte bis zu Nierenproblemen, Suchterkrankungen und Klaustrophobie. Nicht nur deshalb stehen viele Wissenschaftler diese Therapie kritisch gegenüber. »Viel heiße Luft um kalte Kammern«, urteilt etwa die österreichische Internetplattform medizin-transparent, die an der Donau-Universität in Krems von einem unabhängigen Zusammenschluss international tätiger Wissenschaftler betrieben wird. Fazit: »Die Studien sind klein und von schlechter Qualität. Derzeit ist deshalb weder eine verlässliche Aussage über die Sicherheit noch die (vor allem längerfristige) Wirksamkeit von Kältekammern möglich.« Von Nebenwirkungen sprächen die Fans dieser Behandlung ungern. Veränderungen der Haut, Unterkühlung Infekte, Schwindel, Atemnot oder Blutdruckanstieg werden von medizin-transparent befürchtet. (bk)

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