Kulinarische Spezialitäten

Hessisches am Zuckerhut

Ziemlich genau 10 000 Kilometer liegen zwischen Frankfurt und Rio de Janeiro. Doch auch am Zuckerhut braucht man auf kulinarische Spezialitäten aus Hessen nicht verzichten.
15. Oktober 2017, 18:00 Uhr
Ein Stück Heimat in der Tüte: Ruben Luckert-Tavares fährt mit seinem Fahrrad in Rio de Janeiro selbst gebackene Brezeln an seine Kunden aus. (Foto: dpa)

Armin Weichert lebt gerne in Brasilien. Vor 20 Jahren kam der Mann aus Sontra nach Rio, als Handelsvertreter für ein nordhessisches Unternehmen. Nicht, dass es in Brasilien kein Bier gäbe – Bier ist das Nationalgetränk, nicht die Caipirinha – aber irgendwie vermisste Weichert was. Beim Heimatbesuch merkte er: Er war das Lieblingsbier, Jacobinus-Klosterbier aus Eschwege. Da er den Inhaber der Brauerei, Ernst Andreas, noch von der Schule her kannte, war schnell Kontakt hergestellt. Das war vor vier Jahren. »Kurz drauf schipperte der erste Container mit 22 000 Flaschen Klosterbier über den Atlantik«, erzählt Weichert.

Mit dem Fahrrad besucht Ruben Luckert-Tavares seine Kunden. Im stets zäh fließenden Verkehr der Metropole kommt man damit am schnellsten voran. Vor zwei Jahren kam der 27-Jährige als Industriedesigner aus Schwäbisch Gmünd nach Rio, der Liebe wegen. Heute betreibt er die Bäckerei »Dufte« und bietet etwas an, was in Rio reißenden Absatz findet: deutsches Brot und vor allem Laugenbrezeln.

»Ich habe einfach das Brot vermisst«, sagt er. Und begann zu backen. Zunächst zu Hause für den Eigenbedarf, inzwischen in einer Co-Working-Backstube, die er sich mit zwei anderen Bäckern teilt. Inzwischen überlegt er sogar, einen eigenen Laden zu eröffnen.

Andere Dinge, die man aus Deutschland kennt, findet man durchaus, manchmal etwas abgewandelt. Tafelspitz heißt in Brasilien Picanha, wird nicht gekocht, sondern – mit Fettrand – in drei große Teile geschnitten, aufgespießt und anschließend gegrillt. Das Fleisch wird dann mit dem Messer heruntergeschnitten, der Spieß wandert erneut übers Feuer.

Wurst für 10 Euro

Oder Sauerkraut. Dieses schmeckt jedoch gar nicht sauer. Grund: Vor dem Verzehr wird der saure Geschmack mit viel Wasser herausgewaschen. Dann gelangt es als Beilage zum Eisbein auf den Tisch, wie man es auf den großen Volksfesten findet – dem Oktoberfest in Blumenau oder dem Bauernfest in Petrópolis. Frankfurter Würstchen findet man auch – als Import aus Deutschland, für umgerechnet zehn Euro das Glas. Wurzeln in Büdingen hat der Historiker Rodrigo Trespach aus Osorio im Bundesstaat Rio Grande do Sul. Er beschäftigt sich mit der Einwanderungsgeschichte Brasiliens, forschte auch schon im Auftrag der Gutenberg-Universität in Mainz. Deutsche seien aus vielen Regionen gekommen, hätten sich in Brasilien schnell mit anderen Deutschen und Einheimischen vermischt, berichtet er.

»Kulinarisches verschmolz so zu dem, was heute noch allgemein als »deutsches Essen«, comida alemão, bekannt ist«, erklärt Trespach. Regionale Eigenheiten blieben da mit der Zeit auf der Strecke. Beliebt ist es trotzdem, wenn auch nicht unbedingt authentisch. Ein Kassenschlager der Restaurantkette Casa do Alemão ist die »Croquete«, ein krokettenartiges Gebilde aus einer fleischhaltigen Masse, dass noch am ehesten an niederländischen Kroketten erinnert.

Info

Deutsch sprechen war verboten

Es gab mehrere Einwanderungswellen von Deutschen nach Brasilien. Besonders Mitte des 18. Jahrhunderts flüchteten viele Menschen vor der Not aus ärmlichen Landstrichen nach Brasilien. Vor allem Hessen aus der Wetterau kamen. Von rheinland-pfälzischer Seite waren es vor allem Einwanderer aus dem Hunsrück und Rheinhessen. Zudem hatte Präsident Getulio Vargas nach Eintritt Brasilien in den Zweiten Weltkrieg im Sommer 1942 alles, was deutsch war, verboten. Schulen mussten schließen, ebenso Kirchen – vor allem Lutheraner waren betroffen. Auch das Sprechen der deutschen Sprache war untersagt. So ging ein Großteil der Identität der Siedler verloren, wie die Historiker recherchierten. Elisabeth Graebner hat ein spezielles Kochbuch: Das handschriftliche Kochbuch schenkte ihr ihre Mutter, die es ihrerseits von ihrer Mutter hatte. Eisbein in Butter findet man darin, deutsche Biersuppe oder Spätzle. Graebner stammt aus dem Süden, lebt aber seit 1970 in der Stadt Petrópolis, 80 Kilometer von Rio de Janeiro entfernt. Seit 23 Jahren moderiert sie beim Langwellenradiosender Imperial de Petrópolis (1550 am) einmal pro Woche die Sendung »Alemanha e a musica«, Deutschland und die Musik. Darin hatte sie auch mal aufgerufen, Lieblingsrezepte einzuschicken. Daraus entstand sogar ein kleines Kochbuch. »Aber ich backe lieber Kuchen«, sagt sie. »Kuke« nennt man ihn in Petrópolis. (dpa)

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