Jobcenter

Jobcenter-Chef: »Einige Flüchtlinge sind sehr aggressiv«

Aktuell ist etwa jeder fünfte Kunde im Wetterauer Jobcenter ein anerkannter Flüchtling, Tendenz steigend. Im WZ-Gespräch erklärt Chef Bernhard Wiedemann, was das für seine Agentur bedeutet.
18. April 2017, 12:00 Uhr
Nachdem nicht nur Drohungen und Beleidigungen zunehmen, sondern jüngst auch ein Kunde handgreiflich wurde, wird der Tresen im Jobcenter Friedberg schon bald verglast, um die Mitarbeiter vor Zugriffen zu schützen. (Foto: Rohde)

Herr Wiedemann, das Jobcenter ist zuständig für die Betreuung anerkannter Flüchtlinge. Wie hat der Flüchtlingszustrom seit 2015 Ihre Arbeit verändert?

Bernhard Wiedemann: Seit Mitte 2016 wechseln verstärkt Flüchtlinge von der Fachstelle Migration des Wetteraukreises in unsere Zuständigkeit. Tendenz steigend. Wir haben uns früh auf die Entwicklung eingestellt. Um den spezifischen Problemen der Flüchtlinge gerecht zu werden, haben sich einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf diese Personengruppe spezialisiert. Zusätzlich bieten wir spezielle Maßnahmen für Flüchtlinge an, die Orientierungshilfen mit Sprachvermittlung kombinieren.

Wie groß ist der Anteil an Flüchtlingen an Ihren Fällen? Haben Sie Ihr Personal aufgestockt?

Wiedemann: Ja. Die Jobcenter haben bereits 2015 ihr Personal aufgestockt. Dies war sinnvoll, damit sich die Mitarbeiter vorab in die komplexe Rechtsmaterie des SGB II einarbeiten konnten. Aktuell liegt der Anteil der erwerbsfähigen Flüchtlinge im Jobcenter bei knapp 18 Prozent.

Ohne ausreichende Deutschkenntnisse wäre die Integration in Arbeit extrem schwierig

Bernhard Wiedemann

Wodurch unterscheidet sich die Betreuung der Flüchtlinge von Ihrer »normalen« Tätigkeit, der Betreuung Langzeitarbeitsloser?

Wiedemann: Vor allem durch die Notwendigkeit, die deutsche Sprache zu erlernen. Ohne ausreichende Deutschkenntnisse wäre die Integration in Arbeit extrem schwierig. Gleichzeitig erleben wir, dass viele Menschen zusätzlich Orientierung benötigen, um sich in unserer Gesellschaft zurecht zu finden. Hier leisten die ehrenamtlichen Flüchtlingshelferinnen und –helfer einen wichtigen Beitrag. Dennoch müssen wir uns auf einen langwierigen Prozess einstellen.

Welches sind aus Ihrer Sicht die großen Probleme bei der Flüchtlingsbetreuung?

Wiedemann: Neben dem Spracherwerb spielt die berufliche Qualifikation eine wichtige Rolle. Oft sind die beruflichen Kenntnisse unzureichend für den deutschen Arbeitsmarkt. Hier gilt es, Qualifizierungsangebote für nachgefragte Branchen zu machen.

Es hat sich in der Betreuung der Flüchtlinge in den vergangenen zwei Jahren einiges geändert. Wie genau haben Sie Ihre Strukturen angepasst?

Wiedemann: Wichtig für uns ist, dass trotz der Flüchtlingsproblematik das Kerngeschäft nicht vernachlässigt wird. Auch wäre eine Sonderbehandlung dauerhaft nicht zuträglich. Die Betreuung durch Spezialisten gilt daher nur auf Zeit, bis zur Beendigung der BAMF-Sprachkurse. Danach ist es, wie bei allen Kundinnen und Kunden, das Ziel, durch möglichst passgenaue Förderung die Integration in Ausbildung oder Arbeit zu ermöglichen.

Übergriffe in Jobcentern gab es schon öfters. Jetzt gab es auch bei Ihnen Vorfälle. Was ist passiert?

Wiedemann: Verbale oder anonyme schriftliche Drohungen und Beleidigungen haben in letzter Zeit deutlich zugenommen. Beim jüngsten Vorfall wurde erstmals ein Mitarbeiter unserer Eingangszone tätlich angegriffen und körperlich verletzt. Hier werden eindeutig Grenzen überschritten. Gravierende Vorfälle zeigen wir an, aber auch Hausverbot oder persönliche Ansprache sind eine mögliche Reaktion.

Werden Flüchtlinge eher übergriffig als andere Ihrer Kunden?

Wiedemann: Es gibt tatsächlich bei, das betone ich, sehr wenigen Flüchtlingen eine relativ hohe Aggressionsbereitschaft, sicher verursacht durch ihre Migrationsgeschichte, Trauer, Verlust, Traumata. Bei allem Mitgefühl können und werden wir aggressives Vorgehen aber nicht dulden.

Es gibt tatsächlich bei, das betone ich, sehr wenigen Flüchtlingen eine relativ hohe Aggressionsbereitschaft

Bernhard Wiedemann

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus? Haben Ihre Mitarbeiter Angst?

Wiedemann: Die Mitarbeiter werden bei Bedarf professionell begleitet. Aktuell sind bauliche Veränderungen in der Eingangszone beauftragt. Prophylaktisch bieten wir den Mitarbeitern Deeskalationstrainings an.

Kürzlich hat der Bundesrechnungshof die Durchführung der im Herbst 2015 von der Bundesagentur für Arbeit organisierten »Willkommenskurse« für noch nicht anerkannte Flüchtlinge als »mangelhaft« und »ineffizient« kritisiert. Richtig oder falsch?

Wiedemann: Der Start war vielleicht etwas holprig, weil schnell und flächendeckend Kurse für Menschen mit extrem unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen eingerichtet werden mussten. Wichtig aber ist, dass überhaupt Lernangebote gemacht werden. Hier hat die Politik eindeutig umgedacht. Das war überfällig. Wenn klar ist, dass jemand sehr wahrscheinlich im Land bleiben wird, ist es wichtig, frühzeitig die Weichen in Richtung Integration zu stellen und nicht bis zur Anerkennung zu warten.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten an die Politik: Um was würden Sie bitten?

Wiedemann: Ich hätte zwei: Als erstes würde ich mir eine Reduzierung bürokratischer Hürden im SGB II wünschen. 2005 ist der Gesetzgeber mit dem SGB II angetreten, die Leistungsbewilligung durch Pauschalierungen zu verschlanken. Aus meiner Sicht ist das Gegenteil eingetreten. Als zweites würde ich mir wünschen, dass Jobcenter-Kundinnen und Kunden nicht in einen gesellschaftlichen Randbereich gerückt würden, sondern die Jobcenter als Sozialbehörden wahrgenommen werden, die mit dazu beitragen, dass Menschen trotz schwieriger individueller Rahmenbedingungen ein Auskommen haben.

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