»Denkt positiv, verwirklicht eure Träume«

Butzbach (bd). Für 50 Angehörige der Laufgruppe der Butzbacher JVA gab es kürzlich eine höchst interessante Abwechslung vom normalen Knastalltag. Auf Einladung des Fliedner-Vereins, der in diesem Jahr sein 60. Gründungsjubiläum feiert, war der deutsche Triathlet Andreas Niedrig (42) in die Anstalt gekommen.
22. Dezember 2009, 20:34 Uhr
Andreas Niedrig (2. von links) mit Fliednerverein-Geschäftsführer Ulrich Hinkel, dem Vorsitzenden Mirko Schulte und Anstaltspfarrer Tobias Müller-Monning (von links). (Foto: Dörr)

Butzbach (bd). Für 50 Angehörige der Laufgruppe der Butzbacher JVA gab es kürzlich eine höchst interessante Abwechslung vom normalen Knastalltag. Auf Einladung des Fliedner-Vereins, der in diesem Jahr sein 60. Gründungsjubiläum feiert, war der deutsche Triathlet Andreas Niedrig (42) in die Anstalt gekommen. Im Aufenthaltsraum, in dem sonst die Gefängnis-Band übt oder Gottesdienste gefeiert werden, erzählte der ehemalige Vizeweltmeister »frei von der Leber weg« aus seinem Leben.

Fliednervereinsvorsitzender Mirko Schulte, Geschäftsführer Ulrich Hinkel, JVA-Leiter Jörg-Peter Linke und Anstaltspfarrer Tobias Müller-Monning stellten den Gefangenen den drahtig wirkenden Triathleten vor: Hier spreche einer, der in seinem Leben sowohl die falsche Welt der Drogen als auch das harte Leben hinter Gittern und alles, was damit zusammenhänge, kennengelernt habe. In Niedrigs freimütigen Erzählungen, an die sich eine eifrige Frage-Antwort-Runde anschloss, gab es für die aufmerksam lauschenden Gefangen so manches »Aha«-Erlebnis.

Denn Triathlet Niedrig, der tief in eine Drogen-Karriere gerutscht war, aus der er erst im letzten Moment heraus kam, berichtete ohne Schönfärberei ehrlich und ohne Selbstmitleid von seinem bisherigen Lebensweg.

Aufgewachsen sei er mitten im Ruhrgebiet in einer »Durchschnittsfamilie«, seine Drogenkarriere habe in jungen Jahren in der Raucherecke der Schule begonnen. Bald seien Koks, Speed und LSD täglich in seinen Körper gelangt. Nach der neunten Klasse sei er von der Schule abgegangen, habe die Elektriker-Ausbildung »geschmissen«, sei als Zeitsoldat zur Bundeswehr gegangen.

In Sachen Drogen sei es ihm gegangen wie den meisten Abhängigen: »Sie glauben, nicht abhängig zu sein und bekommen überhaupt nicht mit, dass um sie herum alles zusammenbricht. Mit dem privaten Glück kam die Abkehr von der Droge, doch eine Heroinpfeife führte ihn wieder in den Abgrund - und viel tiefer als zuvor.

Niedrig lebte auf dem Schrottplatz und in abgestellten Eisenbahnwaggons. Er wurde immer häufiger bei Diebstählen erwischt, eine erste Therapie brach er sofort wieder ab, doch die zweite habe er eisern durchgehalten. Niedrig begann, sein Leben wirklich zu ändern, kam nach 14 Monaten wieder nach Hause und bekam die Chance, eine Umschulung zum Orthopädiemechaniker zu machen.

Außerdem entdeckte er den Sport für sich - Niedrig trainierte für die Langstrecken, ernährte sich anders und rauchte immer weniger. Nach drei Monaten ging er in Essen an den Start seines ersten Marathons - kurz vor dem Start rauchte er hinter einem Baum die letzte Zigarette seines Lebens.

Die Laufzeit war gut - Niedrig befasste sich mit dem Gedanken an eine Sportkarriere. Die kam schneller als er glaubte. Er kaufte Fahrrad und Neoprenanzug - Triathlon war angesagt. Den berühmten Ironman auf Hawaii hat er geschafft, und vieles mehr. Aber zuletzt ging nichts mehr: Eine Fußverletzung jagte die andere.

Seine Lebensgeschichte liegt als Buch vor (»Vom Junkie zum Ironman - die zwei Leben des Andreas Niedrig«, von Jörg Schmitt-Kilian), sein Leben wurde verfilmt (»Lauf um dein Leben«, 2008 in den Kinos). In Seminaren und Workshops steht Niedrig als Motivationstrainer zur Verfügung. Meist spricht er vor Managern und zeigt auf, wie man sich erreichbare Ziele setzt und die eigenen Grenzen auslotet.

Manchmal spricht er auch vor »Verlierern«, wie den 50 ausgewählten Gefangenen der Butzbacher JVA. Denen rief er zu: »Seid positiv«, »seid mutig«, »verwirklicht eure Träume«, »glaubt an euch« und »hört nicht auf Menschen, die nur negativ denken«.

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