Der Wald bewegt sich

16. Juli 2017, 21:00 Uhr
Wolfhart Goethe zeigt den Teilnehmern der Exkursion auch einen einzigartigen »Doppelhügel« im Wald. (Fotos: jsl)

Im Klein-Karbener Wald ist jede Menge Leben. Beim genaueren Hinschauen sieht es fast danach aus, als ob sich die kleinen roten Punkte auf dem Waldboden gegenseitig über den Haufen rennen. Kreuz und quer, und doch in klar strukturierten Straßen, gehen die sogenannten kahlrückigen, roten Waldameisen (lateinisch: Formicula polyctena) ihrer Arbeit nach. Angesiedelt wurde diese Ameisengattung in den 80er Jahren vom inzwischen verstorbenen Revierförster Hans Fleischhauer. Heute gibt es 13 Stellen in dem vor rund 200 Jahren aufgeforsteten Wald, an denen sich Ameisenhügel befinden. Bei zwei neuen Hügeln muss die Entwicklung erst noch abgewartet werden. Insgesamt gibt es fünf Arten dieser geschützten Insektenspezies, die einander alle sehr ähnlich sehen.

»Die Ameisenhügel sind alle erfasst und werden von uns gepflegt«, sagt Wolfhart Goethe vom Nabu Karben, der das Projekt leitet. Wie die anderen Naturschützer auch, ist er in rein ehrenamtlicher Mission unterwegs. Über die Waldameisen kann er viel erzählen. Mehr als 20 Interessierte aus allen Altersgruppen sammelten sich am Freitag auf dem Parkplatz am Klein-Karbener Friedhof, um von dort aus zu einer Fahrrad-Exkursion in den Stadtwald zu starten. »Auf den Spuren der Waldameisen« ging es unter Goethes Leitung Richtung Büdesheim. Dort weist an einer Stelle eine riesige Ameisenattrappe aus Holz den Weg zu den Hügeln. Nahe dieser Stelle befindet sich die erste, mit Draht geschützte Ameisenbehausung.

»Gut zwei Drittel der Ameisenhügel sind unterirdisch. Oberirdisch werden sie ständig von Spechten, Dachsen und Mardern attackiert und abgefressen«, erklärt Ameisenkenner Goethe. »Wegen des Raubfraßes müssen Waldameisen immer wieder neue Gebiete erobern. Pro Population rechnet man mit circa zwei Millionen Insekten.« Im Sommer und im Herbst fressen sich die Ameisen Fett an, und wenn es kalt wird, verfallen sie in Winterstarre. Dann sei man auch beim Nabu in dieser Hinsicht beschäftigungslos. »Im Winter ist Ruhe«, sagt Goethe und lacht. Ihre Nahrung setzt sich zu 20 bis 30 Prozent aus tierischem Eiweiß (andere Insekten, vor allem Raupen, die leicht zu zerlegen sind) und bis zu 70 Prozent aus Glukose (Blattläuse) zusammen.

»Ameisenhügel in der Nähe einer Bienenzucht finden Imker deswegen nicht so lustig«, sagt Goethe. »Beide werden dann nämlich zu Konkurrenten. Bei der Vermehrung der Waldameisen sind die Rollen klar verteilt: Die Weibchen sammeln das Sperma und werden, wenn sie überleben, zu Königinnen. Weil die ›Kerle‹ alle absterben, sieht man irgendwann fast ausschließlich weibliche Ameisen.«

Vor den Hügeln hat der Nabu Pflöcke mit gelber Kappe in den Boden gesteckt. Dadurch sollen die Behausungen vor ungewollter Zerstörung, etwa bei Forstarbeiten, bewahrt werden. »Durch die gut sichtbaren Pflöcke werden interessierte Besucher zu den Hügeln geleitet«, sagt Nabu-Urgestein Jürgen Becker. »Das ist aber eine zweischneidige Sache. Wenn Leute kommen und mit dem Stock im Hügel herumstochern, ist das ein großer Nachteil.«

Aufpassen sollte man beim Spaziergang in dieser Parzelle des Karbener Waldes besonders auf Zecken, die im hohen Gras sitzen. Die scheinen sich in der Nähe von Ameisenhügeln nämlich auch wohl zu fühlen. (jsl)

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