Bad Vilbel & Karben

Die vergessene Stadträtin

Sie war Fabrikantentochter, Frauenrechtlerin und 1919 die erste Frankfurter Stadträtin. Dennoch ist der Name Meta Quarck-Hammerschlag auch in der Mainmetropole weitgehend unbekannt. Dass sich dies ändert, dafür will jetzt die Biografie »Ich bin radical bis auf die Knochen« der beiden Frankfurter Historiker Hanna und Dieter Eckhardt sorgen. Sie stellten ihr Buch im Bad Vilbeler Haus der Begegnung vor.
19. Februar 2017, 20:26 Uhr
Hanna und Dieter Eckhardt stellen ihre Biografie über die erste Frankfurter Stadträtin und Frauenrechtlerin Meta Quarck-Hammerschlag vor. (Foto: jbb)

A kribisch mussten die Germanistin Hanna Eckhardt und der Jurist Dieter Eckhardt recherchieren, denn allzu viel Schriftliches hatte die in Höchst geborene Fabrikantentochter nicht hinterlassen. »Ich habe mehr die Tat geschätzt als das Wort«, so urteilte die umtriebige Meta über sich. Umso mehr Fleiß wendete das Biografen-Ehepaar auf: »Tausende von Seiten Magistratsakten, Zeitungen und Akten aller Art« wurden gewälzt, um nach fünf Jahren Sisyphos-Arbeit für sich und die Leser und Leserinnen das intensive Leben Metas nachzuempfinden.

Dieses begann am 21. Dezember 1864 in Höchst als Tochter des Gelatine-Fabrikanten Wilhelm Chrysostomus Heinrichs. Standesgemäß wächst sie im Dalberger Haus auf, einem Renaissancebau an der Bolangarostraße gegenüber dem Schloss. Die Eltern bieten ihr nicht nur alle erdenklichen Bildungsmöglichkeiten, auch ihr späteres soziales Engagement beginnt sich hier zu entwickeln. Die Familie Heinrichs stammt aus Rheinhessen, bewundert die Französische Revolution, zudem bekommt die kleine Meta Heinrichs im Hinterhof der heimischen Gelatine-Fabrik Leben und Elend der Arbeiter hautnah mit.

1885 heiratet die 21-Jährige den Chemiker Wilhelm Hammerschlag, ein Jahr später kommt Tochter »Liesel« zur Welt. Nach nur vier Jahren Ehe stirbt Wilhelm in Wuppertal-Elberfeld, wohin die junge Familie aus beruflichen Gründen gezogen war. Die junge Witwe kehrt an den Main zurück und engagiert sich sogleich. Vermutlich hatte Meta an der Wupper »die neue, von Ehrenamtlichkeit und individueller Fürsorge geprägte Sozialarbeit kennen und schätzen gelernt«, so die Recherchen der Eckhardts.

Zusammen mit ihrem inzwischen privatisierenden Vater widmet Meta sich in dem neuen Reich der Familie am Röderbergweg im Frankfurter Hauspflegeverein. Im Pförtner- und Gärtnerhaus des Anwesens, das heute Meta-und Max-Quark-Haus heißt und die Geschichtswerkstatt der Arbeiterwohlfahrt (AWO) beherbergt, richtet sie ihr Büro ein. Doch Metas Verweilen am Main und ihr Engagement im Vorstand des Hauspflegevereins, für das Frauenwahlrecht und Frauenbildung endet 1899 mit dem Umzug nach Karlsruhe. Dort und nicht in Frankfurt kann »Liesel« ihr Abitur machen. Erst 1907 nach langen Aufenthalten in Italien, vor allem Mailand, kehrt Meta nach Frankfurt zurück, 1920 folgt ihr die inzwischen verwitwete Tochter mit drei Enkeln.

Seit 1908 dürfen sich in Deutschland auch Frauen in Parteien engagieren, Meta tritt 1908 in die SPD ein und heiratet 1916 den SPD-Politiker Max Quarck. Den Ersten Weltkrieg lehnen weder Meta noch ihr Mann ab, was Hanna Eckhardt »traurig« gemacht hat. Dieter Eckhardt sucht Gründe: »Wie viele in der SPD haben sie damals gedacht, es würde ein Erneuerungsprozess in Gang gesetzt und die Arbeiter später die neuen Verhältnisse mitbestimmen.« Nach dem Krieg erhalten Frauen Ende 1918 das Wahlrecht, ein Jahr später wird Meta Quarck-Hammerschlag ehrenamtliche Stadträtin in Frankfurt. Dort ist sie 1920 auch Gründungsmitglied der AWO.

Wie dachte und arbeitete die erste Stadträtin Frankfurts? »Sie war ungeheuer selbstbewusst, bestimmend, hatte ihren eigenen Kopf«, berichtet Hanna Eckhardt. So rauchte sie Pfeife und Zigarren – »nicht weil es ihr schmeckte, sondern um ein Zeichen zu setzen«. Sie verfolgte nicht nur ihre Frauenthemen, »sondern hatte auch großen Einfluss auf die politischen und sozialen Aktivitäten ihres Mannes«. Meta wird als umtriebige Organisatorin beschrieben. »Sie kannte sich im Bürgertum genauso wie in der Sozialdemokratie aus und vermochte daher famos Bündnisse zu schmieden«. Nicht zuletzt schaffte sie es, sich auch ohne technische Hilfsmittel international zu vernetzen. Resolut war sie auch. Einer Vorstandskollegin beschied sie: »Ich bin aus Erziehung und Anlage radical bis auf die Knochen«.

Eine große Hilfe bei der Materialbeschaffung für die Eckhardts war Metas Großnichte in Limburg und vor allem die in Italien lebende Urenkelin Francesca, »ohne deren Fotos und handschriftliche Aufzeichnungen dieses Buch nie hätte erscheinen können«.

Der zweite Ehemann stirbt 1930, drei Jahre später wird Meta mit allen anderen Sozialdemokraten von den Nazis aus dem Magistrat geworfen. Sie zieht sich zunächst ins Privatleben zurück und flieht in den Kriegswirren 1943 zu Verwandten nach Limburg. Fünf Jahre später bezieht sie mit einer Freundin, der SPD-Kommunalpolitikerin Marie Bittorf, zusammen eine kleine Wohnung in Bornheim.

Wo sich Meta heute engagieren würde? Die Eckhardts sind sich einig: »Wie damals für Frauenrechte, für gleichen Lohn für gleiche Arbeit, Bildungsthemen und den Kampf gegen die Prostitution.« Meta stirbt am 11. August 1954. Das Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof finden die Eckhardts erst nach langer Suche. Dort ruhen neben ihr auch ihre Eltern, ihre beiden Ehemänner und weitere fünf Verwandte und Freunde, darunter die frühere Mitbewohnerin Marie Bittorf. Nachdem die Stadt nicht für ein Ehrengrab aufkommen will, erreichen die Eckhardts, dass die AWO die Patenschaft für die letzte Ruhestätte von Meta übernimmt.

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