Stadt Gießen

Wo der »Wohnturm« geplant ist, hielt einst eine Kleinbahn

31. Oktober 2014, 20:58 Uhr
Bis 1952 war der Personenbahnhof der Biebertalbahn an der Hammstraße in Betrieb – ebendort, wo jetzt ein »Wohnturm« entstehen soll. Vor 60 Jahren fuhr letztmals ein Zug dort entlang. (Foto: Stadtarchiv Gießen)

Und es ist genau 60 Jahre her, dass die Kleinbahn zum letzten Mal durch Gießen fuhr. Darauf macht der Heuchelheimer Lokalhistoriker Gerhard Henkelmann aufmerksam, Beauftragter für die Ortsgeschichte im Kulturring Heuchelheim-Kinzenbach.

Die Biebertalbahn, 1898 eröffnet, führte von Gießen über Heuchelheim nach Biebertal. Neben Personen wurde vor allem Eisenerz aus den Gruben transportiert. Für den Bau brauchte die Deutsche Kleinbahngesellschaft zwei Konzessionen, denn die Bahnstrecke querte zwischen dem Heuchelheimer Abendstern und Rodheim die Staatsgrenze zwischen dem Großherzogtum Hessen und dem Königreich Preußen. In Gießen gab es zwei Stationen, berichtet Henkelmann: Einen Personenbahnhof an der Hammstraße südwestlich des Oswaldsgartens und den Halt für Güterzüge an der Westseite des damaligen Güterbahnhofs.

Bus als starke Konkurrenz

Das Verkehrsmittel war so langsam, dass man – so spöttelten Zeitgenossen – während der Fahrt Blumen pflücken konnte. Bis 1926 nutzten 66 000 Menschen monatlich die Bahn. Dann nahm eine Postbuslinie auf der gleichen Strecke ihren Betrieb auf. Neue Konkurrenz folgte nach dem Zweiten Weltkrieg. Schon 1939 hatte laut Internet-Lexikon Wikipedia die Stadt Gießen – bemüht um die Eingemeindung Heuchelheims – den Antrag gestellt, die Biebertalbahn zu übernehmen, um auf deren Trasse die Straßenbahn nach Heuchelheim zu verlängern. Diese Pläne wurden nie verwirklicht. 1949 richtete die Stadt Gießen dann eine Omnibuslinie nach Heuchelheim ein, 1952 eine weitere nach Bieber. Folge: Die »Bieberlies« stellte den Personenverkehr zum 14. April 1952 ein.

Am 2. Oktober 1954, so berichtet Henkelmann, war dann auch das Ende für den Güterverkehr nach Gießen gekommen. Zum letzten Mal passierte ein Zug die Lahnbrücke. Von Gießen aus führten die Schienen damals durch die Rodheimer Straße, am früheren Feldschlösschen vorbei durch das damals noch freie Feld zur Umkuhr und zum »Bieberlies«-Bahnhof Heuchelheim und weiter zum Abendstern. In diesem Abschnitt wurden die Gleise nun abgebaut. Teilweise wurden dann Straßen verbreitert – etwa die Rodheimer Straße in Gießen oder in Heuchelheim Teile der Bahnstraße und Brauhausstraße. »Zum Teil entstanden auch Parkplätze«, erläutert Henkelmann. Der einstige Bahnhof in Heuchelheim wurde in den späten 50er Jahren zu einer Grünanlage umgestaltet. »Auf der ehemaligen Bahntrasse wie in der östlichen Gießener Straße und der südlichen Bahnstraße wurden auch Alleebäume angepflanzt«, so der Ortskenner.

Der Streckenabschnitt weiter nördlich wurde noch fast zehn Jahre weiterbetrieben. Aus den Gruben bei Bieber wurden Eisenerz und Kalksteine zum Abendstern gebracht und dort auf Waggons der Bundesbahn umgeladen. Der Betrieb erwies sich als rentabel, erst recht nachdem 1959 die Grube Königsberg wieder eröffnet wurde. 1961 erzielte die Kleinbahn das höchste Beförderungsaufkommen in ihrer Geschichte. Allerdings wurde der Erzabbau in Deutschland durch die Globalisierung zunehmend unwirtschaftlich. Die Grube Königsberg wurde 1963 aufgegeben. Damit endete auch der Verkehr auf der Biebertalbahn.

Heute erinnern in Heuchelheim, Rodheim und in Bieber Informationstafeln an die Geschichte der Schmalspurbahn und an ihre Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung der Orte im Tal der Bieber. Übrigens – so Henkelmann – fährt heute die letzte Lok der Biebertalbahn auf einer Museumseisenbahnstrecke bei Plettenberg im Sauerland.

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