Stadt Gießen

Drama um Spenderherz für kleinen Muhammet

01. August 2014, 20:58 Uhr

Nachdem nun nach langem Zögern die Eltern des Kleinkindes das Kinderherzzentrum von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden haben, können die Ärzte sich endlich wehren und klarstellen, dass sie an die deutsche Gesetzeslage gebunden sind. Die sagt eindeutig: Wenn ein anderes Organ geschädigt ist, kann kein Spenderherz eingesetzt werden. Eren hat jedoch eine schwere Hirnschädigung erlitten, bevor er nach Deutschland transportiert wurde.

Muhammet Eren leidet seit der frühen Säuglingszeit infolge einer Herzmuskelerkrankung an einer fortschreitenden Herzschwäche. Der tragische Fall wurde Ende 2013 in der Türkei durch die Tageszeitung »Hürriyet« bekannt. Sie rief ihre Leser zu einer Spendensammlung für eine Herztransplantation auf, die rund 400 000 Euro erbrachte. Auf Wunsch der Eltern sollte diese Transplantation im Kinderherzzentrum Gießen erfolgen.

Kurz vor dem Transport nach Deutschland kam es allerdings in der Heimat des Jungen zu einem etwa halbstündigen Kreislaufstillstand, der eine längere Phase an Wiederbelebungsmaßnahmen notwendig machte. Bei der Ankunft in Gießen am 31. März war die Herzkreislaufsituation weiterhin instabil (kardiogener Schock). Die Ärzte mussten Notfallmaßnahmen ergreifen, um das Leben von Muhammet Eren zu retten. Seitdem ist der Junge an ein Kunstherz angeschlossen.

Die weiteren Untersuchungen ergaben allerdings, dass Muhammet – höchstwahrscheinlich durch die langen und zum Teil auch unkontrollierten Wiederbelebungsmaßnahmen – eine irreversible Hirnschädigung erlitten hat, verursacht durch die verminderte Durchblutung und den dadurch herabgesetzten Sauerstoffgehalt in dem Organ. Diese Hirnschädigung wurde von internen und später extern hinzugezogenen Experten beurteilt. Dabei stellte sich heraus, dass das Kind womöglich auch an einer familiär bedingten Herzmuskelschwäche mit Skelettmuskelbeteiligung (Verdacht auf Mitochondriopathie) leidet.

An Transplantationsgesetz gebunden

Damit war für alle beteiligten Ärzte klar: Der dauerhafte Hirnschaden ist eine Kontraindikation für eine Herztransplantation. Das Gießener Uniklinikum hält sich bei dieser Entscheidung strikt an das Transplantationsgesetz und die Richtlinien der Bundesärztekammer zur Aufnahme von Herzpatienten in die Warteliste.

Die Eltern tun sich mit dieser Absage an die sehnlichst erwartete Transplantation allerdings schwer. Sie lehnen auch eine Entwöhnungsstrategie von dem nicht komplikationslosen Einsatz des Kunstherzens ab. Aus Sicht der Gießener Ärzte und von Herzexperten anderer Zentren wäre jedoch diese Entwöhnung die einzige Behandlungsoption. Ob sie umsetzbar ist, hängt davon ab, inwieweit sich das kindliche Herz von Muhammet aufgrund der Entlastung durch das Kunstherz erholt. Bei dieser Option ist laut Klinikum auch eine Rückführung nach Istanbul in eine Klinik mit Kunstherzerfahrung vorstellbar.

Nach drei Monaten am Krankenbett ihres Kindes und aufgrund der schlechten Prognose für Muhammet Eren sind die Eltern verständlicherweise sehr besorgt. Dies zeigt sich auch in ihren Facebook- und Twitter-Einträgen, die wiederum weitreichende Reaktionen ausgelöst haben. Das hat bis zu Drohungen gegenüber den Schwestern und Ärzten im Kinderherzzentrum geführt. Laut Klinikum hat das »besondere Sicherheitsmaßnahmen notwendig gemacht«; die hiesige Polizei ist eingeschaltet.

Da in sozialen Netzwerken auch Vorwürfe mit Halb- und Unwahrheiten geäußert werden, stellt das Universitätsklinikum klar: »Alle Patienten werden nach den neuesten medizinischen Erkenntnissen auf die bestmögliche Weise und auf dem Boden der in Deutschland geltenden Gesetzeslage behandelt – auch der kleine Muhammet, dessen Schicksal Ärzte, Pflegekräfte und Geschäftsführung des UKGM gleichermaßen stark berührt und beschäftigt«.

Durch den Shitstorm sieht sich das Hessischen Kinderherzzentrum stark in seiner Reputation beschädigt. In der UKGM-Erklärung heißt es deshalb: »Das Team ist dafür bekannt, dass es sich gerade schwerstkranken Kindern widmet und auch ausländischen Kliniken Hilfe und Unterstützung anbietet. Sowohl in der fachlichen Beratung als auch durch den konkreten Einsatz vor Ort. Auf diese Weise wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten zahlreiche Kinder auch in der Türkei sowie in anderen Länder und auch Krisengebieten gerne behandelt.«

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