Stadt Gießen

Gedenkstunde zur Deportation von 14 Gießener Sinti

16. März 2014, 22:53 Uhr
Wie viele weitere Teilnehmer der Gedenkstunde legten Stadtverordnetenvorsteher Egon Fritz (r.) und Stadträtin Astrid Eibelshäuser Blumen am Mahnmal für die Opfer des Naziterrors nieder.

Zuvor hatte der Marburger Historiker betont, Ressentiments gegen Sinti und Roma gehörten keineswegs der Vergangenheit an. Umso größere Bedeutung habe das Gedenken an die Opfer des Naziterrors, sagte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz: »Wir sind es den Toten und den Lebenden schuldig, Verantwortung zu übernehmen und an sie zu erinnern.«

Mehr als 40 Prozent der Deutschen möchten nicht in der Nachbarschaft von Sinti und Roma leben. Das ergab eine Umfrage des Allensbach-Instituts – im Jahr 2011. »Und das sind nur die, die zu ihren Vorurteilen stehen«, bewertete Engbring-Romang das Ergebnis. Dieses habe unter anderem damit zu tun, dass Sinti und Roma in der Bundesrepublik lange von Staats wegen diskriminiert worden seien. Erst 1982, 37 Jahre nach Kriegsende, wurden sie als Opfer des Naziregimes anerkannt. Für viele Städte sind bis heute keine genauen Zahlen ermittelt, wie viele von ihnen während des Holocaust verschleppt und ermordet wurden.

Viele sitzen uralten Klischees auf

So auch für Gießen. Eine Namensliste im Stadtarchiv belegt aber, dass 14 Sinti am 16. März 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt wurden. Niemand weiß Genaueres über ihr Schicksal, niemand weiß, ob – und falls ja: wann – weitere Sinti aus Gießen deportiert wurden. Entsprechend viel bleibt laut Grabe-Bolz zu tun, um den Völkermord im kollektiven Gedächtnis zu verankern. »Wir müssen beschämt feststellen, dass es kaum Forschung zu den Gießener Sinti gibt«, räumte die OB ein.

Engbring-Romang, der im Vorstand der Gesellschaft für Antiziganismusforschung sitzt, befasst sich wissenschaftlich mit den abwertend als »Zigeuner« bezeichneten Gruppen. Die Geschichte ihrer Diskriminierung reiche 500 Jahre zurück, erläuterte er. Viele Menschen säßen uralten Klischees auf: Die vermeintliche Neigung der Sinti zu Trickdiebstahl ist ein Beispiel, ihr angeblicher Hang zu Gewaltkriminalität und Bildungsunfähigkeit ein anderes.

Die Nationalsozialisten stellten sich demnach in eine historische Entwicklungslinie.

Aus Diskriminierung und Verfolgung wurden Terror und Mord, als Ende der 1930er Jahre »Rassegesetze« zur »Bekämpfung des Zigeunerwesens« erlassen wurden. Kurz darauf folgten die Deportationen, bis Kriegsende fielen rund 500 000 Sinti und Roma dem Völkermord zum Opfer. Bei alledem sei die Verschleppung und Ermordung »die gnadenlose Fortsetzung einer langen Leidensgeschichte« gewesen, sagte Grabe-Bolz.

Und selbst nach dem Ende der Naziherrschaft fand diese Geschichte kein Ende. Die ersten Bundesregierungen hätten noch behauptet, die Maßnahmen gegen Sinti und Roma im Dritten Reich hätten der »Kriminalitätsprävention« gedient, so Engbring-Romang. Der Historiker urteilte entsprechend deutlich: »Die Debatte um Entschädigungen verlief skandalös.«

71 Jahre nach ihrer Deportation erinnerte der Magistrat zum dritten Mal an die 14 bekannten Gießener Sinti sowie auch an das Schicksal aller von den Nazis Verfolgten. Im Anschluss an die Gedenkstunde legten die Teilnehmer, unter ihnen Stadtverordnetenvorsteher Egon Fritz, Stadträtin Astrid Eibelshäuser und SPD-Chef Gerhard Merz, Blumengebinde am Mahnmal für die Opfer des Naziterrors nieder. Grabe-Bolz verlas die Namen der deportierten Gießener Sinti; Gemeindereferent Gerd Tuchscherer und Dekan Frank-Tilo Becher sprachen Gebete.

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