Biedere Massenmörder

14. Februar 2014, 16:38 Uhr
Blick auf die Angeklagten und ihre Anwälte im Frankfurter Auschwitz-Prozess: Hinten links der Angeklagte Viktor Capesius, hinten rechts Wilhelm Boger.

Gießen (cst). Seine Häftlingsnummer im Konzentrationslager (KZ) war A-16.058. Dr. Mauritius Berner wurde im Juli 1944 als jüdischer Ungar mit seiner Familie nach Auschwitz gebracht. Seine Frau und die drei Töchter wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft vergast. Er überlebte. 20 Jahre später schildert er in seiner Zeugenaussage beim Frankfurter Auschwitz-Prozess, wie er den alten Bekannten aus der Heimat, SS-Mann Dr. Victor Capesius, vergeblich bat seine Familie zu retten.

»Nach dieser Aussage war es im Saal lange Zeit still«, schildert Oberstaatsanwalt a. D. Gerhard Wiese seine Eindrücke aus dem Frankfurter Auschwitz-Prozess. Er war 1963 einer der drei Ankläger in dem vor dem Frankfurter Landgericht durchgeführten mehrjährigen Strafverfahren gegen Personal des KZ Auschwitz. Bei seinem Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Zeitzeugen der Region – NS-Unrecht und seine Aufarbeitung« des Vereins Criminalium erinnerte sich der 85-Jährige am Mittwochabend im voll besetzten Konzertsaal des Rathauses an den Prozess, der vor knapp 50 Jahren die NS-Vernichtungspolitik erstmals in das Zentrum der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft rückte.

Anklage umfasste 700 Seiten

Auf Initiative des damaligen hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer wurde das Verfahren 1959 nach Frankfurt geholt. Nach jahrelanger Ermittlungsarbeit und gerichtlicher Voruntersuchung mit knapp 1400 vernommenen Personen wurde am 16. April 1963 öffentliche Klage erhoben. Die Anklageschrift umfasste 700 Seiten und war von den Staatsanwälten Joachim Kügler, Georg Friedrich Vogel und Gerhard Wiese verfasst worden. Zusätzlich wurden laut Wiese 78 Aktenbände mit Beweismaterial vorgelegt.

Eindrucksvoll schilderte Wiese die damalige Vorarbeit der Staatsanwälte und beschrieb ihre beschränkten Hilfsmittel: Ein Telefon, Karteikarten und Schreibmaschinen. Die Akten mussten »Blatt für Blatt fotografiert« und vervielfältigt werden. Ein Mammutprogramm, dessen Arbeit sich am 20. Dezember mit Prozessbeginn im Frankfurter Römer auszahlte. Der ehemalige Stadtverordnetensaal ist Wiese noch in guter Erinnerung: »Für mich ein gespenstischer Saal – er war dunkel und eng – dazu kam die sonore Stimme des Vorsitzenden Richters Hofmeyer.«

Am größten Strafprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte waren drei Richter, sechs Geschworene, vier Staatsanwälte, drei Nebenklagevertreter, 19 Verteidiger und 22 Angeklagte beteiligt, von denen zwei im Verlauf des Verfahrens wegen Krankheit ausschieden. Im Hinblick auf die Angeklagten erklärt Wiese: »Es war ein Querschnitt durch das Lager – politische Abteilung, Ärzte, Kommandanten – alle waren vertreten. Die Angeklagten waren für mich biedere Gestalten, einfach gekleidet, mit biederen Berufen«, sagt der letzte noch lebende Ankläger.

Um ihre Aufgaben und Tätigkeiten in Auschwitz begreifen zu können, habe Generalstaatsanwalt Bauer Gutachten erstellen lassen. »Wir hielten das für dringend notwendig. Wer wusste damals schon die Zusammenhänge und wie das Lager funktionierte?«, fragte Wiese. »Es musste eine Grundlage geschaffen werden.« Dafür machte man 1964 auch eine Ortsbesichtigung in Polen. »Für mich war das Neuland. Es war bedrückend.« Vor Ort führte man Messungen durch, untersuchte Sicht- und Hörverhältnisse und überprüfte dadurch die Aussagen von Zeugen. Die gewonnenen Eindrücke veränderten ab Januar 1965 die Atmosphäre im Frankfurter Gerichtssaal.

»Wir gingen davon aus, dass Auschwitz kein reines Vernichtungslager war«, sagte der ehemalige Oberstaatsanwalt. Es habe zwei Wege gegeben, die zum Tod führten: durch die Gaskammer oder durch Arbeit. »Für uns war das ganze Geschehen eine Einheit, in der jeder, der dort tätig war, dabei geholfen hat, dass alles funktioniert.« Doch das Gericht sei dieser Auffassung nicht gefolgt. Wiese: »Es gab auch Freisprüche, die es nach unserer Auffassung nicht hätte geben dürfen.«

Einer von 800 Tätern

Im Falle Victor Capesius, der der Familie Berner seine Hilfe versagte, befand das Gericht den Angeklagten der gemeinschaftlichen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord für schuldig. Seine Strafe betrug neun Jahre Zuchthaushaft. Er war einer von 800 Tätern aus Auschwitz, die weltweit verurteilt wurden.

Tonbänder des Frankfurter Auschwitz-Prozesses im Internet

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