Stadt Gießen

Migration »das Normalste der Welt«

29. November 2013, 22:08 Uhr
Wolf-D. Bukow

Das sagte Prof. Wolf-Dietrich Bukow am Freitagnachmittag bei der Auftaktveranstaltung zu einem »Handlungskonzept Integration«, das die Stadt Gießen entwickeln möchte.

Rund 50 Gäste – vor allem Vertreter von Migrantenorganisationen, aus der Kommunalpolitik und aus Bildungseinrichtungen – begrüßte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz. Gießen sei von jeher eine weltoffene und tolerante Stadt. »Eine moderne Integrationspolitik weiß um diesen Reichtum und findet Wege, sie für alle Bürgerinnen und Bürger zu nutzen.« Als richtigen Schritt würdigte die SPD-Politikerin die Abschaffung des Optionszwangs für junge Migranten, der dieser Tage in der Vereinbarung für die Große Koalition auf Bundesebene beschlossen wurde.

Die federführende Stadträtin Astrid Eibelshäuser (SPD) erläuterte, warum und wie das Handlungskonzept entstehen soll. Es gelte noch bestehende Benachteiligungen zu erkennen und Ideen zu sammeln, wie man sie abbauen kann. Ziel sei, dass Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte gleichermaßen die Chance zur Teilhabe am politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben erhalten.

Den Begriff Integration kritisierte Bukow in seinem Vortrag »Neue Vielfalt in der urbanen Stadtgesellschaft«. Der Professor für Erziehungs- und Kultursoziologie und Direktor der Forschungsstelle für interkulturelle Studien an der Universität Köln sagte, statt vom Einzelnen Angleichung zu fordern, solle man eine »Kultur der Inklusion« pflegen. Das gelinge in der städtischen »Alltagspraxis« längst weitgehend. Diese Realität gelte es bewusst wahrzunehmen und »kommunale Routinen von Nationalismen zu befreien«.

Immer wieder zeigten sich Gesellschaften überrascht von vermeintlich neuen Wellen von Einwanderung, und der deutsche Staat »skandalisiere« sie. In Wirklichkeit seien Migration und Mobilität seit Jahrhunderten »das Normalste der Welt«. So sei die Stadt Wesel im Jahr 1760 dafür ausgezeichnet worden, dass drei Viertel ihrer Bewohner Flüchtlinge – etwa Hugenotten – waren. Eine formale deutsche Staatsbürgerschaft gebe es erst seit 130 Jahren. Vor diesem Hintergrund sei die Diskussion um einen Doppelpass »ein historischer Witz«, so Bukow.

Mit der zunehmenden Mobilität und den neuen Medien verändere sich heute die Art des Zusammenlebens. In einigen Jahren werde zum Beispiel nur noch ein Viertel der in Frankfurt lebenden Bürger dort geboren sein, sehr viele davon zögen irgendwann auch wieder weg: Das zeige, dass die Vorstellung von Einpassung in eine fest definierte Stadtgesellschaft nicht mehr taugt. Realistischer und zukunftsweisender sei der Weg, »jeden nach seiner Fasson einzubinden«.

Die vierstündige Veranstaltung ging weiter mit Diskussionen zu sechs Einzelthemen des Handlungskonzepts. Christoph van den Hövel vom Institut für interkulturelle Management- und Politikberatung Düsseldorf erläuterte, wie »Interkulturelle Öffnung von Verwaltungen und Institutionen« gelingen kann. Zu den übrigen fünf Themen sprachen Gießener: Kemal Deniz vom Alevitischen Kulturverein über »Bürgerschaftliches Engagement, Sport und Kultur«, der Lehrer Alireza Aldudak über »Erziehung und Bildung«, der Werbeagenturgründer Hassaan Hakim über »Ausbildung, Wirtschaft und Wissenschaft«, der Arzt Dr. Diaa Rashid über »Gesundheit und Alter« sowie Stadtmarketing-Leiter Sadullah Gülec über »Wohnen und Stadtentwicklung«. (Foto: Schepp)

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