Neonazi-Aussteiger berichtet über Burschenschaft

Gießen (mö). Seit acht Jahren sorgt die im Großen Steinweg ansässige Gießener Studentenverbindung Dresdensia Rugia (DR) für Schlagzeilen.
07. August 2013, 18:48 Uhr

Einiges weiß man mittlerweile über diese, zeitweise vom hessischen Verfassungsschutz als rechtsextreme Vereinigung geführte Burschenschaft. Aus dem Innenleben dagegen drang bislang so gut wie nichts an die Öffentlichkeit. Das hat sich in den letzten Monaten geändert, seit sich Neonazi-Aussteiger Stefan Rochow mit seinem Buch »Gesucht – geirrt – gefunden« auf Lesereise befindet.

Bei einer Lesung in Leutkirch im Schwarzwald, über die die »Schwäbische Zeitung« berichtete, gab Rochow Ende Juli Auskunft über sein Motiv, sich in einer rechtsextremen Partei zu engagieren. »Ich wollte die Mitte der Gesellschaft für unsere Ideologie gewinnen«, wird er zitiert. Dass auch bürgerliche Kreise dafür empfänglich seien, habe ihm seine Mitgliedschaft in der Gießener Dresdensia Rugia gezeigt: »Dort wurde hinter verschlossenen Türen manches deutlicher ausgesprochen, als ich es als NPD-Mitglied hätte sagen können«. Laut Zeitung beschrieb Rochow die Burschenschaft als »Klüngel«, zu dem auch Professoren, Doktoren und Anwälte gehört hätten. In dem Buch selbst schreibt Rochow, dass bekennende Rechtsextremisten in der Verbindung stets geduldet worden seien. Dort habe ein »völkisches« und »demokratiefeindliches« Denken vorgeherrscht.

Bis zu seiner Trennung von der NPD im Jahre 2008 zählte der gebürtige Greifswalder zu den Hoffnungsträgern der rechtsextremen Partei. Er war Mitglied im Bundesvorstand und Bundesvorsitzender der NPD-Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten. In Gießen stieß der Wirtschaftsstudent zur schon damals als rechtslastig geltenden schlagenden Verbindung Dresdensia Rugia. Während seiner Studienzeit kandidierte Rochow 2002 für die NPD im Gießener Wahlkreis bei der Bundestagswahl und gehörte zum Vorstand des damals noch sehr aktiven NPD-Kreisverbands Lahn-Dill. Die engen Verbindungen zwischen der Burschenschaft und der NPD im sächsischen Landtag brachten Rochow 2004 eine Mitarbeiterstelle in Dresden ein, später arbeitete er für die Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern. Aus der Dresdensia Rugia soll er 2005 ausgeschlossen worden sein. Drei Jahre später kehrte er der rechtsextremen Szene den Rücken, konvertierte zur katholischen Kirche, studiert Theologie und veröffentlichte in diesem Frühjahr sein Buch.

Ob und inwieweit sich Rochows Schilderungen zu einer Neubewertung der Dresdensia Rugia durch den Verfassungsschutz führen werden, bleibt abzuwarten. Die Landesregierung hatte im vergangenen Herbst im Zusammenhang mit einer Gesetzesänderung eine »verdachtsunabhängige« Erwähnung der Burschenschaft im nächsten Jahresbericht des Landesamtes für Verfassungsschutz in Aussicht gestellt. (Foto: Archiv)

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