Stadt Gießen

Methadon-Angebot hat sich bewährt

15. März 2013, 20:23 Uhr
Die meisten Patienten müssen ihre Ersatzstoffe in der Praxis einnehmen, in der Regel in flüssiger Form. Das soll Schmuggel verhindern. (Fotos: Schepp)

Dieser Meinung ist zumindest Dieter Schneider, Inhaber der größten hiesigen Praxis für Substitution mit derzeit 94 Patienten. »Gäbe es das Angebot in dieser Größenordnung nicht, so wäre das Stadtbild noch viel mehr durch Gruppen geprägt, von denen sich manche gestört fühlen«, so die Überzeugung des Facharztes für Psychiatrie.

»Ich habe sehr viele Patienten, die gescheitert sind an -zig Entgiftungen und Therapien und denen es hier gelingt, sich zu stabilisieren«, sagte Schneider im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung. Studien belegten den Erfolg der Methode. Vorbehalten begegne er dennoch bis heute. »Es ärgert mich, wenn ich höre: Die müssen nur wollen, dann können sie auch aufhören. Das ist Quatsch.« Ebenso wenig stimme der Vorwurf, die Süchtigen bekämen einfach nur billigen »Stoff«. »Wir fordern auch etwas: Wir machen eine Behandlung und haben Ziele.«

Die könnten allerdings unterschiedlich hoch angesetzt sein. Das Ideal: Der einst Heroinabhängige nimmt Methadon oder ein anderes Ersatzmedikament, das keinen Rausch erzeugt. Davon braucht er im Lauf der Zeit immer weniger und irgendwann gar nichts mehr. Zugleich sucht er sich Arbeit, gründet vielleicht eine Familie. Das Ergebnis: Ein selbstständiges Leben ohne Drogen und Kriminalität.

Das könne tatsächlich gelingen, und das gar nicht so selten, betont Schneider: Von seinen Patienten gingen schätzungsweise 15 Prozent diesen Weg. Erfolge seien es aber auch, wenn die einst Süchtigen sich gesundheitlich erholen und keine Straftaten mehr begehen – selbst wenn sie von den Ersatzstoffen abhängig bleiben, vielleicht auch gelegentlich Alkohol trinken oder Hasch rauchen. Freilich gebe es Fälle, in denen die Substitution beendet wird: Etwa wenn jemand unverändert Drogen konsumiert oder wenn er Regeln bricht und beispielsweise gewalttätiges Verhalten gegen Praxispersonal oder Mitpatienten zeigt.

»Jeder, der hier herkommt, möchte sein Leben ändern«, betont Schneider. Die größte Schwierigkeit zu Beginn der Substitution sei für viele die plötzliche Freizeit. »Morphinabhängigkeit ist ein Fulltime-Job.« Die Stunden, die zuvor mit dem Besorgen von Geld, »Stoff« und mit dem Rausch gefüllt waren, gelte es nun zu gestalten. »Fast alle meine Patienten würden gern arbeiten« – doch einen Acht-Stunden-Tag könnten sie nicht gleich durchhalten. Maßnahmen etwa bei Beschäftigungsträgern seien leider rar geworden. Was außerdem das Durchhalten erschwert: Manchen falle der Abschied von der »Szene« schwer, ihr neues Leben mute langweilig an. Und die Ersatzstoffe bieten nicht das Gefühl des Morphin-Rauschs, dem einige »hinterherjagen«.

Gewöhnungsbedürftig sei auch eine neue Abhängigkeit, nämlich die vom Arzt, weiß Schneider. Etwa zwei Drittel seiner 94 Patienten müssen ihre Methadon-Dosis jeden Tag in der Praxis vor seinen Augen einnehmen – um die Gefahr zu bannen, dass sie die auf dem Schwarzmarkt begehrten Stoffe weiterverkaufen. Die anderen hätten ihr Leben bereits derart im Griff, dass sie nur ein- bis zweimal in der Woche zu ihm kommen und für die anderen Tage Rezepte erhalten.

Erst seit Jahresbeginn unterhält Schneider seine Praxis in der Weststadt. Seit 2007 war er in der Ambulanz in der Schanzenstraße tätig, und zwar als Angestellter der Psychiatrischen Vitos-Klinik, die die Einrichtung in Kooperation mit dem Suchthilfezentrum betrieben hat. Wie berichtet, hat Vitos den Vertrag mit dem Verein nicht verlängert; Schneider erklärte sich bereit, die Substitution als niedergelassener Arzt weiterzuführen. Er wäre dazu in den Räumen des Suchthilfezentrums geblieben, doch man habe ihm keinen akzeptablen Mietvertrag angeboten, erklärt er den Umzug. Die vorgeschriebene psychosoziale Betreuung der Patienten bleibt beim Suchthilfezentrum. Diese Beratung und Begleitung wird vom Kreis als Sozialhilfeträger bezahlt.

Offen ist – wie berichtet – die Zukunft des »Methadon-Cafés« im Suchthilfezentrum, das bisher von Vitos mitfinanziert wurde. Die Kosten für den medizinischen Teil der Substitution tragen die Krankenkassen.

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