Ausstellung über Verstrickung der Justiz in NS-System eröffnet

18. Februar 2013, 22:33 Uhr
Kurator Dr. Wolfgang Form führt durch die Ausstellung. (Foto: mkn)

»Die Unantastbarkeit der Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit – das klingt alles so selbstverständlich, ist es aber nicht«, so der hessische Justizminister Jörg-Uwe Hahn als Schirmherr. Diese Grundwerte des Staates müssten immer wieder »neu erkämpft« werden. Das sei eine der wichtigsten Erkenntnisse, »die wir aus unserer Geschichte ziehen können«.

Das Besondere an der Ausstellung, die bis zum 15. April in den Räumen des Amtsgerichts zu sehen ist, sei die Nähe der einzelnen Geschichten. Es gehe nicht um ausgesuchte Personen, um »Gedrillte« des NS-Regimes, sondern um ganz normale Richterinnen und Richter, ganz normale Staatsanwälte. »Die Justiz wurde missbraucht und hat sich auch missbrauchen lassen«, so Hahn. Auch der Vizepräsident des Amtsgerichts, Dr. Frank Oehm, erinnerte daran, dass es »Menschen waren wie Sie und ich, die in den Jahren zuvor ganz normal gelebt haben« – und sich dann in die Nazi-Verbrechen verstricken ließen. Fragen wie »Was hat die Menschen dazu gebracht – könnten wir das heute auch noch?« regten geradezu dazu an, sich mit der Geschichte des Dritten Reichs auseinanderzusetzen. In der Ausstellung gehe es um ein »geschichtliches Bejahen«, so Form. Augen, Ohren und Münder dürften nicht verschlossen bleiben.

Der Rückblick auf diese Zeit mache den besonderen Wert des Rechtsstaates deutlich. »Der Rechtsstaat ist ein institutionelles Kunstwerk, keine politische Selbstverständlichkeit«, erklärte Prof. Lothar Seitz, Direktor des Studienzentrums der Finanzverwaltung und Justiz in Rotenburg/Fulda. Zu NS-Zeiten wurde »Recht in den Dienst des Unrechts gestellt«. Recht sei kein »wertfreier Raum«, gab Form zu Bedenken. Die Rechtsanwendung zur ausschließlichen Durchsetzung eines Weltbildes lasse die Rechtsstaatlichkeit verschwinden. »Die Justiz war ein wichtiges Rad im Unterdrückungsgetriebe der Nationalsozialisten.« Die Ausstellung solle das »Bewusstsein für die Werte des Rechtsstaates schärfen« – dieser sei »wertvoll, schützenswert und schutzbedürftig«, appellierte auch der emeritierte Prof. Arthur Kreizer, Ehrenvorsitzender des Vereins Criminalium.

Fassungslosigkeit vor dem Ausmaß, »in dem unsere Vorgänger sich in den Dienst des NS-Systems stellten« drückte Dr. Roman Poseck, Präsident des Oberlandesgerichts Frankfurt aus. Dieses »Versagen großer Teile der Richterschaft« sollten den Menschen Mahnung sein und ihr Selbstverständnis prägen. Aus dem heutigen Kreis Gießen wurden 13 Personen beim Volksgerichtshof wegen politischer Verbrechen angeklagt – über 48 Frauen und Männer vor den Oberlandesgerichten in Darmstadt und Kassel.

Form zitierte eine belgische Tageszeitung, die die deutsche Gesellschaft in dieser Zeit treffgenau skizziert habe: »Länger als vier Jahre schreibt man jetzt über die Tausende von Gefangenen, die das Hitler-System in Deutschland in Gefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern eingeschlossen hat, und langsam beginnt man sich daran zu gewöhnen, dass in der Mitte Europas ein Land liegt, das eigentlich ein großes Gefängnis ist.« Die Schwerpunkte der Ausstellung sind im weiten Sinne die Strafjustiz während der NS-Zeit, der NS-Strafvollzug, Zwangssterilisationen, die Ahndung von NS-Unrecht in der Bundesrepublik, die Aufhebung von NS-Urteilen und Richterbiografien nach 1945. Begleitet werden die 45 Schautafeln der Ausstellung mit zahlreichen, oft erschütternden Einzelschicksalen aus Hessen.

Konzipiert wurde die Ausstellung vom Studienzentrum der Finanzverwaltung und Justiz in Rotenburg/Fulda – das Amtsgericht und der Verein Criminalium unterstützen die Ausstellung in den Räumen des Amtsgerichts, die während der Geschäftszeiten des Gerichts besucht werden kann.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Amtsgericht Gießen
  • Jörg-Uwe Hahn
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 x 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.