Organspende-Skandal hat Folgen

Gießen (si). Gleich vier Universitätskliniken sind in letzter Zeit mit Manipulationen und zum Teil kriminellen Machenschaften bei der Organspende in die Schlagzeilen geraten. Die Folgen spürt auch das Transplantationszentrum Gießen – durch größere Schwierigkeiten, an Organe zu kommen, weil die Zahl der Spender zurückgegangen ist.
31. Januar 2013, 22:03 Uhr
Prof. Rolf Weimer

So hat es nach Angaben des Gießener Zentrumssprechers Prof. Rolf Weimer am Uniklinikum in Gießen im letzten Jahr noch 32 Nierentransplantationen gegeben, drei weniger als im Jahr zuvor. Zwar sind die Zahlen bei den Lebendspende-Transplantationszahlen weiterhin recht hoch. Der Anteil der postmortalen Spenden – die von Verstorbenen, nicht von Verwandten oder sonstigen Menschen mit einer persönlichen Beziehung zum Spender stammen – ist jedoch deutlich zurückgegangen.

Lag ihr Anteil 2011 bei 60 Prozent und früher sogar noch höher, sank er jetzt auf genau 50 Prozent – ein historischer Tiefstwert. Im Dezember konnte in Gießen keine einzige postmortal gespendete Niere transplantiert werden. »Das bereitet uns Sorgen«, sagte Weimer der Gießener Allgemeinen Zeitung.

Nach seinen Angaben ist die Gießener Einrichtung, eine von bundesweit 47 Transplantationszentren, selbst »ganz sicher nicht« in den Organspendeskandal verwickelt. Das habe eine Überprüfung aller Transplantationen der letzten fünf Jahren bestätigt.

In Verruf geraten sind die Zentren in Göttingen, Regensburg, Münchenund Leipzig – vor allem dadurch, dass Ärzte die Patienten kränker gemacht hatten, als sie in Wirklichkeit waren, um leichter an Spenderorgane zu kommen. »Was da passiert ist, ist kriminell«, sagte Weimer. Durchweg ging es um Lebertransplantationen, die in Gießen gar nicht gemacht werden. Das mittelhessische Klinikum ist neben Nieren auf Lungen und (Kinder)-Herzen spezialisiert.

Alle Organe werden nach festen Kriterien über Eurotransplant in Leiden vergeben – bei der Niere etwa nach Wartezeit, der Entfernung von Spender und Empfänger und nach der Gewebeübereinstimmung zwischen beiden. Das Datum des Dialysebeginns – also der Beginn der Wartezeit – werde immer vom behandelnden Dialysezentrum nochmals bestätigt. Transplantations-Chirurgen, -Nephrologen, Anästhesisten und Immunologen beschlössen dann in einer Transplantationskonferenz die Aufnahme auf die Warteliste und unterschrieben ein entsprechendes Protokoll, erläuterte Weimer. Dadurch seien Manipulationen wie bei der Leber – etwa mit einer angeblichen Dialyse, die gar nicht stattgefunden hat – praktisch ausgeschlossen.

Am Gießener Transplantationszentrum gebe es diese fachübergreifenden Konferenzen bereits in allen Transplantationssparten, sagte der Zentrums-Sprecher und Leiter des Nierentransplantationsprogramms. Wenn ein Organangebot eingehe, setzten sich alle beteiligten Ärzte zusammen, über das Ergebnis werde auch der Ärztliche Direktor informiert. Dadurch werde ein Höchstmaß an Transparenz geschaffen. Weimer wies darauf hin, dass derzeit alle deutschen Transplantationszentren überprüft werden, zurzeit die Leberzentren. »Wir müssen keine negative Überraschung erwarten«, sagte er.

Klar ist, dass in Gießen für alle Organe Spender fehlen. Bei 32 Nierentransplantationen 2012 standen zum Jahresende noch mehr als dreimal so viele Patienten – 115 – auf der Warteliste. Bei der Lunge gab es bei 15 Organverpflanzungen 39 unversorgte Patienten. Ein neues Herz erhielten sechs Kinder, zwölf weiteren (und einem Erwachsenen) konnte noch nicht geholfen werden. (Foto: Schepp)

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