Anna Mettbach: Burgheim-Medaille ist eine Kostbarkeit

29. August 2012, 18:43 Uhr
Anna Mettbach bei ihrer Dankesrede nach dem Erhalt der Hedwig-Burgheim-Medaille. (Foto: vo)

Ihre Botschaft lautet: »So lange ich Atem habe, werde ich meine Stimme erheben für die, die keine Stimme mehr haben, die man im Gas erstickt hat, darunter auch meine Geschwister, meine Familie und meine Freunde.«

Zwei Frauen standen im Mittelpunkt dieser Feierstunde: Anna Mettbach, die Auschwitz überlebt hat, und die Namensgeberin der Medaille, Hedwig Burgheim, die 1943 mit 56 Jahren dort ums Leben kam. Bis sie 1933 entlassen wurde, weil sie Jüdin war, hatte sie als Leiterin des Gießener Fröbel-Seminars rund 800 Erzieher/-innen ausgebildet, wie Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz berichtete.

»In Leipzig, wohin sie floh, erlebte sie die Folgen der Nürnberger Rassengesetze und mit ihnen die langsame und systematische Entrechtung. Sie engagierte sich in der jüdischen Selbsthilfe, leitete die Haushaltungsschule und ein Altersheim, setzte sich damit unter schwierigsten Bedingungen weiter für Frauenbildung, Unabhängigkeit und Frauenberufstätigkeit ein«, sagte die OB und würdigte Hedwig Burgheim als eine moderne Frau – in Zeiten, als die Moderne verboten war und verfolgt wurde. »Unsere Welt ist ärmer geworden nach diesem Genozid. « Anna Mettbach gehöre zu der Gruppe der Verfolgten, die am längsten auf eine Geste des Schuldeingeständnisses am Völkermord warten mussten. Der Deportation der Gießener Sinti am 16. März 1943 sei in diesem Jahr zum ersten Mal gedacht worden.

»Wir Sinti sind stolz auf Anna Mettbach!«, sagte Rinaldo Strauß in seiner Laudatio, auch in Erinnerung an das Bundesverdienstkreuz, das die Zeitzeugin erst vor zwei Wochen bekommen hatte. Der Redner vertrat seinen erkrankten Bruder Adam Strauß, den hessischen Vorsitzenden im Verband Deutscher Sinti und Roma. Erst spät habe Anna Mettbach erzählt und aufgeschrieben, was sie erlebt habe, die Diskriminierung in ihrer Kindheit und die Verfolgung durch die Nazis. Anlass dafür seien die Übergriffe der Neonazis auf Ausländer gewesen, die in Rostock-Lichtenhagen vor 20 Jahren unter dem Applaus des Mobs stattgefunden hätten. Durch ihr Buch und im direkten Gespräch sei es ihr gelungen, vor allem Jugendliche mir ihrer Geschichte und ihrem Anliegen zu erreichen.

»Ich hätte Hedwig Burgheim gerne kennen gelernt. Wir hätten ein gutes und festes Team abgegeben.«, sagte Anna Mettbach in ihrer Dankesrede, die sie trotz größter Anstrengung im Stehen hielt. »Ich teile mein Leben mit ihr, weil sie auch als Untermensch behandelt worden ist.« Ihre Leidensgenossin habe es nicht verdient, im Gas erstickt zu werden, und das sei ein grausamer Tod gewesen. Davon habe sie viel mitbekommen, weil das »Zigeunerlager« nur wenige Meter von der Gaskammer entfernt gewesen sei. Die Medaille, auf der Hedwig Burgheim mit Kindern abgebildet ist, erinnere sie daran, wie in Auschwitz NS-Schergen kleine Kinder an den Beinen gepackt und auf die Erde geknallt hätten, bis das Gehirn herausspritzte. Für sie sei diese Medaille eine Kostbarkeit.

»Ich war ein Tier in Auschwitz, zwei Jahre und drei Monate lang«, erinnerte sich Anna Mettbach. Danach habe sie in Thüringen für die Nazis Munition herstellen müssen, sei nach Ravensbrück gekommen und schließlich in einem Todesmarsch nach Dachau. »Man sagt mir immer, du musst vergessen, kann man das? Und verzeihen, wo es doch angeblich keine Schuldigen gab, nicht einmal in der Wehrmacht oder in der SS?« Niemand habe Einspruch erhoben. Oft sei ihr vorgehalten worden: »Es war Krieg, und alle mussten Opfer bringen.« Opfer bringen und geopfert werden, das sei aber ein großer Unterschied.

Stehend applaudierten die Gäste der eindrucksvollen und überzeugenden Rednerin, um ihr als Mahnerin zur Wachsamkeit zu danken. Das Banica-Trio, das bereits zur Eröffnung einen Csárdás gespielt hatte, ließ die Feier nicht nur mit rumänischen Weisen ausklingen, sondern auch mit international bekannten jüdischen Melodien zu Ehren der Besucher, die anlässlich der Begegnungswoche nach Gießen gekommen waren.

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