War »Kindesentziehung« nur Erholungsurlaub?

Gießen (csk). Weil er knapp sechs Wochen lang mit seinen beiden Kindern verschwunden war, ohne die Mutter zu informieren, stand ein Gießener am Mittwoch vor dem Amtsgericht. Eine Strafe bekommt der 33-Jährige aber nicht – das Verfahren wurde eingestellt.
18. Juli 2012, 20:03 Uhr
(Foto: Red)

Der Mann sagte, er sei lediglich in einen schon länger geplanten Erholungsurlaub gefahren. Dieser hatte just an dem Tag begonnen, als ein Gericht der Mutter das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht einräumte. Kindesentziehung, meinte die Staatsanwaltschaft. Seine Mutter, die wegen Beihilfe angeklagt ist, muss sich im Gegensatz zu ihrem Sohn weiter verantworten, weil sie Entschuldigung und Teilgeständnis ablehnte.

Alles halb so schlimm, lautete der Tenor des Angeklagten. Zwar sei er mit seinen beiden Töchtern am 25. Mai 2010 spurlos verschwunden, allerdings nur, um »endlich abzuschalten«. Bis zum 1. Juli währte dieser spontane Urlaub; erst führte er die drei zu Bekannten, dann in einen Familienpark und schließlich in eine bayerische Kleinstadt. Die leibliche Mutter, die von dem 33-Jährigen getrennt lebt, wusste derweil nichts über den Aufenthaltsort ihrer Kinder. Sie hatten zuvor schon sechs Wochen beim Vater verbracht, weil er sie schlicht nicht herausgab.

Aufbruch nach Gerichts-Anordnung

Um so pikanter machte die Geschichte, dass just an dem Tag, als die Familie verschwand, eine Anordnung des Frankfurter Oberlandesgerichts erging, nach der die Kinder sofort wieder zur Mutter gehört hätten. Die 40-jährige Grünbergerin berichtete, sie habe ihrem Ehemann mittags eine SMS geschrieben und angekündigt, die Mädchen noch am selben Tag abzuholen. Gegen 16 Uhr sei sie in Gießen angekommen – etwa drei Stunden zuvor war der Angeklagte nach eigener Aussage losgefahren. Er bestreitet, vorher die SMS gelesen, geschweige denn von der richterlichen Entscheidung gewusst zu haben.

Das wiederum bestätigte seine Mutter, die wegen Beihilfe auf der Anklagebank saß. An ihrer Schwiegertochter ließ sie kein gutes Haar: »Ich würde alles tun, um die Kinder von ihr fernzuhalten.« Die Staatsanwaltschaft wirft der 53-Jährigen vor, sie habe den Ausflug des Sohnes mitfinanziert – was sie auch offen einräumte. Wohin er fuhr, will sie hingegen zu keiner Zeit erfahren haben. Strafrichter Michael Wendel stutzte, warum Mutter und Sohn derart lange nicht miteinander kommuniziert hätten, obwohl beiden klar gewesen sei, dass eine Entscheidung über das Aufenthaltsbestimmungsrecht bevorstand. »Ich brauchte einfach meine Ruhe«, antwortete der Angeklagte.

Was es mit etlichen E-Mails an die 53-Jährige auf sich hat, blieb vor Gericht rätselhaft. Sie wurden auf dem Rechner der Frau gefunden und enthalten recht unverblümte Drohungen. Mal kündigt der Absender an, lieber »im Dunkeln« zu leben als ohne seine Kinder, dann wieder äußert er die Sorge, er könnte »erwischt werden«. Als Beweismittel schienen die Nachrichten aber wertlos, weil sowohl Absender als auch Datum fehlten. Dass die Texte von ihm seien, bestritt der Angeklagte.

Ein Polizei-Hauptkommissar vermutete, man könne die fehlenden Daten mit entsprechendem Aufwand ermitteln. Zudem sagte der Beamte, zwischen den Eheleuten herrsche ein »Rosenkrieg« mit reihenweise Denunziationen – bis hin zu einer Anzeige wegen Drogenbesitzes. »Wir hatten bei unseren Ermittlungen den Eindruck, dass einfach alles ausgegraben wurde«, so der Polizist.

Richter Wendel schlug schließlich vor, das Verfahren einzustellen. So könnten alle Beteiligten »einen Schlussstrich ziehen«, zumal der Vorfall lange vorbei und glimpflich ausgegangen sei. Der Staatsanwalt forderte, dafür müssten sich beide Angeklagten entschuldigen und den Sachverhalt weitestgehend einräumen. Was der 33-Jährige auch sofort tat. Er sei nur in den Urlaub gefahren, sagte er – »trotzdem war es schlecht, was ich gemacht habe«. Seine Mutter blieb dagegen bis zum Schluss uneinsichtig: »Warum sollte ich ein schlechtes Gewissen haben?« Weil sie nach Beratung mit ihrer Verteidigerin auf diesem Standpunkt beharrte, stellte Richter Wendel lediglich das Verfahren gegen den Sohn ein.

Kuriose Situation am Schluss

Am Ende der Verhandlung stand also eine kuriose Situation: Während die vermeintliche Kindesentziehung nicht weiter verfolgt wird, muss sich die 53-Jährige wegen Beihilfe zu eben dieser am Montag, 1. August, erneut vor Gericht verantworten. Dann sollen vor allem Zeugen zu den E-Mails aussagen. Eine technische Untersuchung der Botschaften läuft derweil.

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