Stadt Gießen

Gedenken an Reichspogromnacht

09. November 2011, 22:38 Uhr
Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (l.) und Stadtverordnetenvorsteher Egon Fritz legten am Gedenkstein für die Synagoge an der Südanlage einen Kranz nieder. (Fotos: Schepp)

Vor der Kongresshalle, wo vor 73 Jahren eine der beiden Gießener Kernstadt-Synagogen in Flammen aufging, hatten sich rund 70 Bürger auf Einladung des Magistrats sowie der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar versammelt.

Die Nacht, in der Nazis jüdische Gotteshäuser anzündeten, Juden verhöhnten, verletzten, ins KZ verschleppten oder töteten, sei »eine der schwärzesten Stunden der deutschen Geschichte«, sagte in seiner Begrüßung Pfarrer Cornelius Mann, Geschäftsführer der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Es gebe immer weniger Menschen, die sie miterlebt haben. Um so wichtiger sei es, die Erinnerung wachzuhalten.

Die NPD-Demonstration im Juli in Gießen habe gezeigt, dass manche Menschen noch immer »braune Suppe aus Menschenverachtung und Dummheit kochen«, so Mann weiter. »Wir müssen wachsam sein« – auch weil »viele Argumente, die früher gegen Juden verwendet wurden, heute die Muslime abbekommen«. Das Gedenken an die Pogromnacht verpflichte, »für die Menschenwürde aller Menschen einzutreten«.

Aus den Erinnerungen Karla Berliners lasen Jugendliche der Ricarda-Huch-Schule vor, wo auch tagsüber an verfolgte Mitschülerinnen im damaligen Mädchen-Lyzeum erinnert worden war.

Die »Schuld unserer Kirchen« bekannten in einem gemeinsamen Beitrag die Dekane Frank-Tilo Becher (evangelisch) und Ulrich Neff (katholisch). Dass viele Christen wegschauten oder die Nazis gar unterstützten, statt sich für die Schwächsten einzusetzen, »lastet schwer auf unserer Seele«. Der christliche Glaube sei tief verwurzelt im jüdischen.

Die Pogromnacht »setzte alle Gefühle der Menschlichkeit gegenüber dem Nachbarn, dem Mitschüler, dem Händler an der Ecke außer Kraft«, sagte Grabe-Bolz. Der 9. November 1938 markiere einen Scheidepunkt: Damit habe die Zeit der planmäßigen Vernichtung des europäischen Judentums begonnen. Die Synagoge an der Südanlage sei »ein Herzstück unserer Stadt« gewesen. Zusammen mit Stadtverordnetenvorsteher Egon Fritz legte die Oberbürgermeisterin einen Kranz nieder. Noam Ostrowski, Kantor der jüdischen Gemeinde, beschloss die Gedenkstunde mit einem Totengebet.

Unter den Teilnehmern der Gedenkstunde waren etliche Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich, Stadträtin Astrid Eibelshäuser, der Landtagsabgeordnete Gerhard Merz sowie Universitätspräsident Prof. Joybrato Mukherjee.

100 Teilnehmer bei Linken-Demonstration

Zeitgleich mit der städtischen Gedenkstunde versammelten sich gegenüber am Berliner Platz rund 100 Demonstranten, die dem Aufruf linker und Antifa-Gruppierungen gefolgt waren. Mit Transparenten, auf denen »Gegen jeden Antisemitismus« oder »Wir gedenken der kommunistischen Widerstandskämpfer« stand, zogen sie zum Kirchenplatz. Dort sprach unter anderem der Linke-Stadtverordnete Michael Beltz.

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