Harald Jegodzienski: »Gießen hat Strahlkraft für uns«

02. September 2011, 17:45 Uhr
Harald Jegodzienski in seinem Atelier in Turkalne. (Foto: bf)

Er beteiligte sich an vielen Ausstellungen und Kunstprojekten: angefangen bei »Kunst in der City« 1988 über die im ganzen Stadtraum angesiedelten Werke der »Ortsbestimmungen« 1993 (BBK/Berufsverband Bildender Künstler) und der Landschaftskunst »Baum – Steine – Erden« 1994 (Mittelhessischer Kultursommer), bei dem fünf Künstler Skulpturen an markanten Orten errichteten, die sich in gerader Linie zwischen dem Schiffenberg und dem Taufstein im Vogelsberg befanden. Nicht zu vergessen seine große Einzelausstellung im Alten Schloss 1990, die in Kooperation mit dem Museum Boijmans van Beuningen/Rotterdam entstanden und zuvor dort zu sehen gewesen war.

Neben seinen anfangs archaischen, dann zunehmend filigraner werdenden und in die Höhe strebenden Skulpturen aus Ton beschäftigte sich der 1952 in Kassel Geborene auch mit der Farbmalerei, die er als »Farbarbeiten« bezeichnet. Seine Skulpturen nennt er »Erdarbeiten«. Als Ausgleich zur Schwere der Skulpturen suchte und fand er die Leichtigkeit von Tönen, die er in sogenannten Farbnotationen auf Tontafeln schreibt: »Erdtöne« genannt. Diese wurden (und werden) dann von Jazz-Musikern in hörbare Töne umgesetzt. Dies geschah erstmals im TiL 1995, es folgten weitere Konzerte, häufiger auch in der Hardthof-Galerie. Die kooperierenden Musiker waren Martin Speicher, Peter Geisselbrecht, Georg Wolf, Hark Röpe und Paul Bowman.

Zu diesen regionalen Aktivitäten gesellten sich überregionale Ausstellungen mit Bildhauerarbeiten und Malereien, und seit 1985 die Teilnahme an internationalen Kunstsymposien, die ihn von Ungarn bis Dänemark führten, von Israel bis Ohio/USA. Auf einem Symposion entdeckte er 1995 das feine Porzellan als Werkstoff und lernte auch seine spätere Frau kennen, die lettische Keramikerin Valda Podkalne.

Wichtig für den immer selbstreflexiven Künstler war die Entdeckung seiner pädagogischen Ader, wie er sagt. Von 1988 bis 1991 wirkte er als Lehrbeauftragter bei den Kunstpädagogen der Universität Gießen, danach folgten Lehraufträge in Sommerakademien und die Gründung der »Freien Akademie« im Unteren Hardthof (zusammen mit Ithes Holz). Die Gießener Tageszeitungen berichteten im Laufe der Jahre immer wieder darüber. Schließlich führte er die Sommerkurse in und vor der Hardthof-Galerie allein durch.

Ab 1995 pendelte er zwischen Gießen und Riga/Lettland, wo seine Frau Valda an der Kunstakademie lehrte. Eine gehörige Distanz, die es alljährlich mindestens zwei Mal zu überwinden galt. Schließlich legten sie ihre Haushalte zusammen und gaben den Hardthof auf (2007). Dann folgte noch der Umzug von der Rigaer Stadtwohnung ins 45 Kilometer entfernte Örtchen Turkalne, wo sie ein ehemaliges Internat kauften und sanierten – als Wohnraum für die mittlerweile um einen Schwiegersohn und einen Enkel angewachsene Familie und mit neuen Ateliers.

Das Markenzeichen »Freie Akademie« hat er übrigens beibehalten und an andere Orte getragen, wo er bis heute Kurse alljährlich anleitet (er reist also immer noch viel): in Blieskastel/Saarland, in der Bosener Mühle/Bayern und in Rustrel-Apt/Provence. An die Stelle von Gießen ist das neue Atelier in Turkalne getreten, hier kommen die Menschen zu ihm. Auf seiner Homepage schreibt er dazu: »Meinen Erfahrungen nach spiegeln diese Seminare ein Lebensgefühl wider, das intensiver, belebender und freudiger kaum sein kann. Noch lange wirken sie nach. . . «

Für Jegodzienski als Künstler und als Lehrender steht immer die Entdeckung im Vordergrund, »das Vermögen eigene Ideen zu entwickeln und in brauchbare Lösungen umzusetzen«. Sein Ansatz ist das »Wechselspiel von Konzentration und von Spiel, Zufall und Reflexion«, was auch sein ausgleichendes Wesen prägt und ihm viele dankbare Teilnehmerinnen bescherte.

Zuletzt war Jegodzienski im Dezember 2009 mit einer anderen Seite seines kreativen Schaffens zu erleben, als er mit seinem alten Freund Shorty Schroekh den gemeinsamen Gedichtband mit dem Doppeltitel »Zartbitterlächeln« und »semper idem« vorstellte; in gemütlicher Enge im Antiquariatskeller des gemeinsamen Freundes Dieter Schormann. Das Schreiben begleitet ihn ebenfalls seit langem, seine Homepage weist einen großen Anteil an Geschichten und täglichen Gedichten auf. (www.erdtoene.net)

Was ihn künstlerisch besonders beglückt? Dass er und seine Frau das einzige (Ehe)Paar sind, bei dem beide den renommierten Preis für keramische Skulptur von Höhr-Grenzhausen erhielten: er 1985, sie 1999.

Was bedeutet Gießen für ihn im Rückblick? Sein Leben in Lettland sei ähnlich, doch während er in Gießen »austarieren und erproben« konnte, stünden nun die innerlichen Prozesse und Feinarbeiten im Zentrum. Und nach Mittelhessen kommen sie weiterhin jedes Jahr, um ihre Freunde zu besuchen. »Gießen hat seine Strahlkraft für uns behalten.« Dagmar Klein

Schlagworte in diesem Artikel

  • Akademien
  • Entdeckungen
  • Kulturszene
  • Martin Speicher
  • Skulpturen
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 20 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.