Tag der offenen Tür im Stadttheater

Theater als Mannschaftssport: Beim Tag der offenen Tür kamen fast 6000 Besucher trotz Regenwetters ins Stadttheater. Ihnen wurde im ganzen Haus ein umfangreichen Familienprogramm geboten.
21. August 2011, 22:35 Uhr
Diesen Blick auf das Parkett, die Ränge und die durchsichtigen Quader der Requisite haben normalerweise nur Schauspieler und Theatermitarbeiter. Beim Tag der offenen Tür steht das Publikum im Stadttheater selbst auf der Bühne. (Foto: Rolf K. Wegst)

Der verregnete Sonntagvormittag schreckte nicht ab. Rund 6000 Besucher fanden nach Angaben des Stadttheaters den Weg zum Tag der offenen Tür, drangen in die Keller und unter das Dach vor. Und ließen sich von Maskenbildern, Beleuchtungstechnikern und Schauspielern alles wichtige im Theater zeigen und erklären.

Das gesamte Programm war in seiner Fülle nicht gänzlich zu bewältigen, viele Besucher entschieden sich deshalb für die drei Theater-Parcours, um möglichst viel zu sehen, dabei noch Zeit für die künstlerischen Darbietungen zu finden und nebenbei an einer Verlosung teilzunehmen. Das war ein wörtlich zu nehmendes Angebot für Jung und Alt: Die Jüngsten zogen Eltern, Omas und Opas von Station zu Station, zeigten sich fasziniert von den Farbenspielen, die die Theaterbeleuchter zauberten, und bewunderten die vielen Knöpfe, die etwa Schnürmeister Andreas Urff auf der Hauptbühne zu drücken hat, um Vorhänge nach oben und unten zu fahren. Urff lockte bei der Bühnenbegehung zum Erstaunen der Kinder einen grünen Drachen aus dem Schnürboden, dem Raum zwischen Decke und Bühne. Manche Mutter musste ihren Sohnemann daran erinnern, nicht an dem grünen Wurm zu ziehen, der nun für Halbwüchsige in Griffweite hing.

+++ Fotostrecke: Tag der offenen Tür im Stadttheater 2011

»Fragen Sie, was Sie immer fragen wollten, und gehen Sie auch einmal in die entlegenen Winkel. Es lohnt sich«, ermunterte Intendantin Cathérine Miville. Kurz zuvor hatte das Philharmonische Orchester unter der Leitung des Generalmusikdirektors Herbert Gietzen mit der Overtüre aus »Wilhelm Tell« gegen den Regen draußen angespielt, der die Musiker zwang, von der Freiluftbühne im Park auf die Hauptbühne im Theater auszuweichen. Zusammen mit dem Theaterchor und einigen Solisten gab das Ensemble unter anderem Kostproben zur ersten Oper dieser Spielzeit, Puccinis »La Bohème«, präsentierte den Gefangenenchor aus »Nabucco« und die »Opera Ultimativa« von Gietzen – »25 Stunden Musiktheater in sieben Minuten, das kann funktionieren«, kommentierte Dramaturg Christian Steinbock das Eröffnungsprogramm.

Die Teilnehmer des Parcours wurden mithilfe von farbigen Markierungen auf dem Boden durchs Theater gelotst – in die Schlosserei, zu den Schreinerwerkstätten und zur Probebühne II im Keller. Dort zog Theatermeister Ingo Blaschke die Fäden bei kleinen Bühnenmodellen. Immer wenn er das tat, bewegten sich in einem der Modelle der Vorhang oder eine Requisite. »Die Modelle haben wir für die Besucher gebaut, damit sie sich die Technik besser vorstellen können«, erklärte Blaschke vor den staunenden Augen eines Vaters und Sohnes und zog an einem Seil, sodass künstlicher Schnee von der Decke rieselte.

Hilfestellung im verwirrenden Geflecht aus Räumen und Gängen im Keller und auf den Bühnenrückseiten, die der Theaterbesucher normalerweise nicht durchstreift, boten die Mitglieder des Jugendtheaters. Sie waren an den extravaganten Rokoko-Kleidern zu erkennen, in denen sie freundlich auf diesen oder jenen Aus- oder Aufgang hinwiesen. Zum Verschnaufen lud das Theaterfoyer ein, in dem unter anderem Salonmusik und Wiener Lieder gespielt wurden. Wer ob der schwülen Hitze, die nach dem Regen am frühen Nachmittag ins Theatergebäude drückte, frische Luft suchte, fand sie im Hof und vielleicht noch ein neues Kleidungsstück dazu: Dort wurden allerhand Röcke, Kleider, Mäntel und Hosen aus dem Fundus angeboten. In diesem Jahr allerdings direkt zum Verkauf und nicht zur Versteigerung.

Nach drinnen lockte wiederum die Technikshow, bei der Frerk Brockmeyer einen besonders bei Kindern gut ankommenden, verhinderten Superman im Heldenkostüm gab. Er musste am eigenen Leib erfahren, wie hilflos ein Schauspieler auf der Bühne steht, wenn die Technik einmal nicht mitspielt. Gar nicht nach Wunsch schwebte Super-Brockmeyer zur Star-Wars-Titelmelodie am Stahlseil nach oben und nach unten. Seine Begrüßung ging im Getöse aus den Lautsprechern und dem Bühnennebel unter, und zu guter Letzt folgte der unfreiwillige Abgang durch den sich plötzlich öffnenden Bühnenboden. Am Ende lief dann doch alles nach Plan und die Technikshow war ein viel beklatschter Höhepunkt. Brockmeyer erinnerte das Publikum daran: »Theater ist eben ein Mannschaftssport.«

Eben diese Mannschaft lobte auch Intendantin Miville, denn nach den Schauern am Vormittag habe man schnell improvisieren müssen. »Es läuft sehr gut, wir können zufrieden sein, obwohl diesmal viele Besucher sich wegen des Wetters nur im Haus aufhalten.« Das Programm im Park für die Kinder konnte nicht in geplanter Form stattfinden, trotzdem blieben gerade die Jüngsten bist zum Schluss, was sich an den vereinzelten Helium-Luftballons im Parkett und auf den Rängen beim Familienkonzert ablesen ließ. Traditionell durften Besucher das Philharmonische Orchester dirigieren, nach dem dieses Haydns Symphonie No. 100 zusammen mit den Jugendorchestern der Musikschulen Gießen und Butzbach gespielt hatte.

Das zu dirigierende Stück war der »Ungarische Tanz Nr. 5« von Brahms und Gietzen wies die Anwärter auf das Dirigentenamt ein. Die Überraschung war Horst Schäfer aus Braunfels, der das große Orchester einen Tick feinfühliger leitete, als dies seine Nachfolgerinnen aus dem Publikum vermochten. Wenngleich der Senior von »ein bisschen Vorerfahrung« aus der Blasmusik sprach, stand er einem echten Maestro in Haltung und Gestik nicht nach und wurde eifrig vom Publikum dafür beklatscht. Beim anschließenden gemeinschaftlichen Singen des Publikums zur Orchesterbegleitung war der Mannschaftsgedanke einer Theaterproduktion zum Greifen nahe. one

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