Den Kaiser gesehen und den Bomben getrotzt

29. Juli 2011, 10:55 Uhr
Die Geschichte von Gießener Gebäuden zu recherchieren, so lautete die Aufgabenstellung für Studierende der Fachjournalistik Geschichte. Die Ergebnisse dieses gemeinsamen Seminar-Projekts der Universität und der Gießener Allgemeinen Zeitung wird in den nächsten Wochen in loser Folge präsentiert. Den Auftakt bildet heute Lisa Schroers Artikel über den »Hawwerkasten« am Landgraf-Philipp-Platz. Fotos: pv/Schepp

Viele Geschichten und Anekdoten ranken sich um das markante Anwesen mit der Hausnummer 9, erfuhr Studentin Lisa Schroer bei ihrer Recherche.

Sie führte Gespräche mit Wirt Bruno Meißner sowie Günter Kern vom Oberhessischen Geschichtsverein und stieß auch mit Unterstützung von Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake auf interessante Aspekte, unter anderem zur Namensgebung.

Was tut man nach einem Einbruch? Das Schloss der aufgebrochenen Tür wird ausgetauscht. Das ist eigentlich keine aufwändige Sache, es sei denn, die aufgebrochene Tür gehört zu einem denkmalgeschützten Haus. Denn der Denkmalschutz legt auch Optik und Beschaffenheit des Türschlosses fest. Wirt Bruno Meißner, der den »Hawwerkasten« seit 1998 mit seiner Frau Sieglinde betreibt, kann ein Liedchen davon singen, was ein Haus, das in der Gießener Denkmaltopgraphie eingetragen ist, für Arbeit machen kann.

Erbaut wurde das Haus im Jahr 1905. Den Auftrag zur Errichtung gab der Brauereibesitzer Johann Heinrich Ihring. Der Entwurf stammte vom Architekten Gustav Hamann, der den »Neubau eines Geschäftshauses für Herrn« plante. Das Haus sollte drei Stockwerke haben und neben dem Gasthaus eine Metzgerei beherbergen. »Diese Kombination von Kneipe und Metzgerei war früher wegen der begrenzten Kühlmöglichkeiten üblich«, erklärt Meißner. Der Gastwirt musste das Fleisch nur aus dem Nachbarladen holen und konnte es direkt weiterverarbeiten. Die ersten Pächter mieteten Metzgerei und Kneipe zusammen, heute ist die Metzgerei selbstständig.

Das Haus erlebte in seiner Geschichte einige Umbauten. Die gravierendste Veränderung war die Renovierung nach dem zweiten Weltkrieg. Das obere Stockwerk war bei einem Bombenangriff zerstört worden, sodass ein neues Dach auf den ersten Stock gesetzt wurde. Einige Jahre später wurde die Küche vergrößert. 1995 ersetzten Wohnräume den Saal im ersten Stock; der Betrieb beschränkte sich seitdem auf das Erdgeschoss. Die Restaurierung der Fassade wurde pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum im Jahr 2005 fertig.

Wie der »Hawwerkasten« zu seinem Namen kam, ist fast eine eigene Geschichte. Die wahrscheinlichste Version erzählt von einem einfachen Schreibfehler. Zuerst hieß die Kneipe nachweisbar »Zum Haberkasten«. Bei Renovierungsarbeiten soll ein Maler aus Versehen statt einem »B« ein »F« an die Wand gepinselt haben, sodass das Gasthaus mit dem Wort »Haferkasten« betitelt wurde. Der »Hawwerkasten« soll dann schließlich die hessische Übersetzung gewesen sein. Wer schon einmal einen waschechten Hessen gebeten hat, das Wort »Haferkasten« auszusprechen, weiß, dass diese Theorie keineswegs abwegig ist, meint die Verfasserin aus der Nähe von Dortmund.

Während seiner über 100-jährigen Existenz hatte das Gasthaus übrigens nur sechs verschiedene Pächter. Alte Gießener erinnern sich vielleicht noch an die Herren Schmitz, Riek oder Kessler und haben womöglich auch eine Feier im großen Saal miterlebt. Nicht nur auf die Einheimischen, sondern auch auf Zugereiste wirkt die Kneipe mit ihrer ganz besonderen Atmosphäre anziehend. Fotos an der Wand erinnern an das alte Gießen. Und am Wirt, den hier alle nur »Bruno« nennen, ist ein Stadtführer verloren gegangen, derart lebendig erzählt er aus Gießens Geschichte.

Eines der interessantesten Fotos hängt freilich nebenan in der Metzgerei Zach. Es zeigt Kaiser Wilhelm II., der zu Beginn des 20. Jahrhunderts hoch zu Pferd am »Hawwerkasten« vorbeireitet. Anlass dieses hohen Besuchs war die Inspektion des 116. Infanterieregiments, dessen Exerzierplatz der Brandplatz war. Ob sich der Kaiser vor seiner Weiterreise im »Hawwerkasten« gestärkt hat, ließ sich leider nicht mehr feststellen.

Dass die Gaststätte in der Stadt eine wichtige Rolle spielt und die Theke jeden Abend zur Informationsbörse wird, an der die neuesten Gießener Gerüchte gehandelt werden, darüber sind sich auch die Stammkunden Michel Harenberg, Wolfgang Helm und Thomas Linneberg einig. Sie hielten den Meißners schon an deren früherer Wirkungsstätte, dem »Ludwigshof« in der Ludwigstraße, die Treue und folgten ihnen - wie viele andere Stammkunden auch - 1998 an den Landgraf-Philipp-Platz. Wolfgang Helm: »Das ist hier halt noch ein richtiges Wirtshaus.« Und im Grunde sei »der Bruno« in Gießen so etwas wie »der Udo Walz der Gastronomie«.

Als Gießen an die »Spitze der Luftfahrt« wollte Fortschrittliche Pädagogik und ein kleiner Löwe Die Gesichter hinter den Stimmen aus dem Radio

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