Fast 100 Stolpersteine für Gießener Nazi-Opfer

Gießen (pd). Am kommenden Mittwoch kommt es zur vierten Verlegung von Stolpersteinen in Gießen, mit denen an die Opfer der Nazi-Herrschaft erinnert wird.
02. September 2010, 21:20 Uhr
21 Stolpersteine an sieben Stationen wird Gunter Demnig (die Aufnahme zeigt eine Gedenkveranstaltung in Wieseck aus dem vergangenen Jahr) am kommenden Mittwoch verlegen. (Foto: mö)

»Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.« Unter diesem Motto hatte Gunter Demnig 1993 damit begonnen, so genannte Stolpersteine zu verlegen. Seit 2007 wird auch in Gießen durch die Einlassung von mit Messingplatten besetzten Steinen der Opfer der Nazi-Herrschaft gedacht. Am kommenden Mittwoch, dem 8. September, wird der Kölner Künstler an sieben Orten der Innenstadt insgesamt 21 Stolpersteine verlegen. 93 Steine werden nach Abschluss der Aktion in Gießen an Menschen erinnern, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Mittlerweile hat Demnig in Deutschland und zehn weiteren Ländern über 25 000 Gedenksteine verlegt, berichteten Monika Graulich, Christel Buseck und Pfarrer Klaus Weißgerber als Mitglieder der Koordinierungsgruppe »Stolpersteine-in-Gießen«.

»In der vierten Verlegung steckt eine Menge logistischer Planung«, bekräftigte Monika Graulich. Die Recherchen über die heimischen Opfer des Nazi-Regimes sind aufwendig und werden fast ausschließlich von der vierköpfigen Koordinierungsgruppe geleistet (außer den drei genannten Mitgliedern gehört Ursula Schroeter der Gruppe an). Trotz des enormen Arbeitsaufwands wollen die Initiatoren im kommenden Jahr bis zur fünften Stolperstein-Aktion eine Broschüre herausgeben, die die Namen der Opfer, biografische Daten und erläuternde Anmerkungen enthält.

Auch bei der Verlegung, die am kommenden Mittwoch um 9 Uhr in der Walltorstraße 10 beginnt, wird es ein Novum geben. Mit Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz nimmt erstmals ein Gießener Stadtoberhaupt an der Gedenkveranstaltung teil. Bereits die erste Verlegung zeigt, dass mit dem Stolperstein-Projekt nicht nur ehemaliger Gießener Juden gedacht wird. Philippine Leschhorn war ein Euthanasie-Opfer. Sie wurde am 4. Mai 1941 in der »Heilanstalt« Hadamar ermordet. Die Gedenkansprache wird mit Pfarrer Matthias Leschorn der Enkel der Geehrten halten. Auch die beiden Urenkel von Philippine Leschhorn, Schülerinnen an der Ricarda-Huch-Schule, werden an der Gedenkfeier teilnahmen, berichtete Christel Buseck.

Der einzige Professor, der in Gießen Opfer nationalsozialistischer Verfolgung wurde, war Franz Soetbeer. Der Mediziner, Leiter des Balneologischen Instituts in Bad Nauheim, hatte ursprünglich in der Frankfurter Straße 49 gewohnt, war aber als Jude enteignet worden und in die Alicenstraße 6 gezogen, so Monika Graulich. 1933 war ihm die Lehrbefugnis entzogen worden, anschließend wurde er aus dem Staatsdienst entfernt. Am 26. März 1943 wurde er verhaftet, einen Tag später kam er im Gestapo-Haus in der Neuen Bäue zu Tode.

Nach dem Gedenken an Franz Soetbeer in der Alicenstraße 6 werden in der Alicenstraße 16 Stolpersteine für Isidor und Helene Berliner verlegt. Beide waren am 30. September 1942 wie fast 900 weitere Menschen mit dem Zug von Darmstadt nach Treblinka deportiert und dort in den Gaskammern ermordet worden. An Marcus und Rosa Rosenthal, Rebekka Aaron sowie Dr. Ludwig Rosenthal, die in der Alicenstraße 40 gewohnt hatten, wird Monika Graulich erinnern. Die ehrenamtliche Stadträtin schilderte am Donnerstag die vergeblichen Bemühungen von Rechtsanwalt Dr. Philipp Katz um eine Ausreise aus Deutschland. Auch er wurde in Treblinka umgebracht. Während auch Ludwig Katz in dem polnischen Vernichtungslager getötet wurde, überlebte Gertrud Katz, der 1938 die Flucht in die USA gelang. Beide wohnten in der Ludwigstraße 45.

Zwei Stationen in der Stephanstraße beschließen die vierte Verlegung von Stolpersteinen in Gießen. Während Benjamin Katz, der nicht verwandt war mit der gleichnamigen Familie in der Ludwigstraße, nach der Pogromnacht 1938 nach Buchenwald deportiert wurde und 1942 in Gießen an den Haftfolgen starb, wurden Cornelie und Gertrud Katz (wie Helene Berliner Schülerin der RHS) und Klara Kugelmann 1942 in Treblinka ermordet.

Sieben Gedenksteine werden an der letzten Station in der Stephanstraße verlegt. Dort wohnten Theo und Clothilde Jacob, die ebenso wie Tochter, Sohn und Schwiegertochter in Treblinka umgebracht wurden. Amalie Jacob gelang 1939 die Flucht, ihr weiteres Schicksal ist nicht bekannt. Ebenfalls geflüchtet ist Hannelore Schwarz, geb. Jacob, die das Nazi-Regime in der Schweiz überlebte.

Damit das Stolperstein-Projekt auch künftig finanziert werden kann - ein Gedenkstein kostet 95 Euro -, bittet die Koordinierungsgruppe um Spenden: Sparkasse Gießen, BLZ 51350025, Kontonummer 200713418 (bitte den Verwendungszweck »Projekt Stolpersteine« angeben).

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