Ehrenamtliche brauchen bald Führungszeugnisse

Gießen (kw). Ehrenamtliche Mitarbeiter in der Kinder- und Jugendarbeit müssen künftig ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, wenn ihre Vereine Zuschüsse von der Stadt erhalten wollen. Diese Pflicht gilt aber erst ab Mitte Oktober.
07. Mai 2010, 20:50 Uhr

Gießen (kw). Ehrenamtliche Mitarbeiter in der Kinder- und Jugendarbeit müssen künftig ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, wenn ihre Vereine Zuschüsse von der Stadt erhalten wollen. Diese Pflicht gilt aber erst ab Mitte Oktober. Zu diesem Ergebnis kam der Jugendhilfeausschuss am Donnerstagabend nach zweieinhalbstündiger Debatte. Gießen ist möglicherweise die erste Kommune in Deutschland, die eine solche Regelung trifft. Außerdem sollen die Verbände »so schnell wie möglich« interne Konzepte zum Schutz von Kindern vor Gewalt und Übergriffen erarbeiten. Abgelehnt wurden Anträge, die Beratung auf Herbst zu verschieben oder das Führungszeugnis erst ab 18 Jahren zu verlangen.

Wie berichtet, steht die Vorschrift der behördlichen Vorstrafen-Auskunft in den neuen Richtlinien zur Bezuschussung von Verbandsaktivitäten, die der Fachausschuss Kinder- und Jugendförderung in mehr als zwei Jahren erarbeitet hat. Der Stadtjugendring mit seinem Vorsitzenden, Pfarrer Martin Schindel, hat sich einstimmig gegen diesen Punkt ausgesprochen.

Bei der Sitzung im Nordstadtzentrum vertrat - neben Schindel selbst - vor allem der FDP-Stadtverordnete Dr. Klaus Dieter Greilich die Kritikerseite. Der Sportvereins-Vorsitzende brachte den Antrag ein, den Punkt zurückzustellen und zunächst einen Konsens zwischen Jugendamts-Verwaltung und Stadtjugendring zu suchen. Das befürworteten zunächst mehrere Ausschussmitglieder. Verständigung sei besser als »harte und emotionale Fronten«, meinte etwa die Stadtverordnete Inge Bietz (SPD), ihre CDU-Kollegin Christine Wagener (CDU) mahnte, man solle eine solche »Entscheidung nicht übers Knie brechen«, und Astrid Dietmann-Quurck von der Aktion Perspektive sagte, man könne in den nächsten Monaten »die Chance nutzen, die Akzeptanz bei den Verbänden zu steigern«. Als Schindel jedoch deutlich machte, dass der Stadtjugendring eine Führungszeugnis-Pflicht für alle rundheraus ablehnt, stand Greilich alleine da: Er war der einzige, der - bei zwei Enthaltungen und zehnmal Nein - für eine Beratung erst im Herbst stimmte.

Denn fast alle waren sich einig: »Es muss uns daran liegen, dass ein Träger weiß, wenn jemand wegen Besitzes von Kinderpornografie oder Exhibitionismus verurteilt wurde« (Wagener). Keineswegs stelle man alle Mitarbeiter unter Generalverdacht, betonte Barbara Behnen von Wildwasser. Viel schwieriger sei es, ein Führungszeugnis bei aufkommendem Misstrauen nur von einem Einzelnen zu fordern. Jugendamts-Leiter Andreas Prinz bot erneut die Einrichtung einer Arbeitsgruppe mit Vereinsvertretern an, in der Details besprochen werden könnten. Eine Führungszeugnis-Pflicht werde auch anderswo kommen - so haben sich die Berliner Sportvereine gerade dazu verpflichtet - und »wird sich einspielen«, zeigten sich etliche überzeugt.

Mit der Verschiebung des Inkrafttretens versuchte eine Mehrheit Befürchtungen zu mildern, die etwa Martin Tuchscherer als Zeltlager-Orgnisator der katholischen Bonifatiusgemeinde äußerte. Seine jugendlichen Mitarbeiter könnten schlicht vergessen, das Führungszeugnis rechtzeitig zu beantragen, erklärte er. Ohnehin kenne er die meisten von klein auf. Das sei kein ausreichender Schutz, entgegnete Caritasdirektor Joachim Tschakert, der sich für das Führungszeugnis erst für volljährige Mitarbeiter einsetzte. Es gebe schon sehr junge Täter, hielt Prinz dagegen.

Vorsitzender Ralf Volgmann betonte, der Fachausschuss Kinder- und Jugendförderung führe die Debatte schon lange, und dies auch mit dem Stadtjugendring. Niemand behaupte, das Führungszeugnis alleine sorge für ausreichende Sicherheit. Das unterstrich der schließlich angenommene Änderungsantrag, der ausdrücklich Schutzkonzepte von den Vereinen fordert.

Künftig wird »Stadtranderholung« gefördert

Die überarbeiteten Förder-Richtlinien wurden schließlich mit großer Mehrheit von elf zu zwei Stimmen angenommen. Wesentliche Neuerung ist, dass künftig auch »Stadtranderholung« gefördert wird, das heißt, mehrtägige Freizeiten in oder nahe bei Gießen. Klassische Fahrten seien vielen Familien mittlerweile zu teuer, erläuterte Volgmann. Außerdem kann es für Projekte künftig mehr Geld geben, nämlich bis zu 1000 Euro. Auch die Verpflegung kann teilweise bezuschusst werden. Der Stadtjugendring begrüße diese übrigen Neuerungen, betonte Schindel.

Schlagworte in diesem Artikel

  • CDU
  • Jugendförderung
  • Jugendsozialarbeit
  • Kinderpornographie
  • Klaus Dieter Greilich
  • Polizei
  • SPD
  • Schutz und Sicherheit
  • Services und Dienstleistungen im Bereich Beratung
  • Volljährige Kinder
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.