Stadt Gießen

Gießener Dokumentarfilmer Marc Wiese erhält Preis bei »Cinema for Peace«

16. Februar 2010, 12:06 Uhr
Marc Wiese, Foto: pv

Mit ausgebreiteten Armen läuft das Mädchen auf den Fotografen zu. Es weint und ist nackt, weil ihm das Napalm die Kleider vom Leib gebrannt hat. Das Bild, aufgenommen am 8. Juni 1972 vom vietnamesischen Fotografen Nick Út, ging um die Welt. Noch heute steht es sinnbildlich für die außer Kontrolle geratene Gewalt des Vietnamkrieges. Für den in Gießen lebenden Filmemacher Marc Wiese, damals gerade einmal sieben Jahre alt, ist das Foto »mit der ersten kindlichen Erkenntnis verbunden, dass da etwas passiert in der Welt«. Nun widmet er den Geschichten der Personen vor und hinter der Kamera eine fast einstündige Dokumentation, die am Mittwoch im Fernsehsender Arte zu sehen sein wird. Am Montagabend wurde »Das Mädchen und das Foto« im Rahmen der Berliner Gala »Cinema for Peace« ausgezeichnet.

Der Preis in der Kategorie »Beste Dokumentation« berücksichtigt im Gegensatz zu Festival-Awards nicht nur die Qualität eines Films, sondern würdigt auch dessen Wert für Frieden, kritisches Bewusstsein, ethische Werte, Toleranz und interkulturellen Austausch.

Der gleiche Tag, wieder der 8. Juni. Diesmal allerdings 35 Jahre später. Dem Fotografen Nick Út - der für sein Vietnam-Bild einst mit dem Pulitzer-Preis geehrt wurde - gelingt erneut ein Schnappschuss. Wieder läuft ihm ein weinendes Mädchen vor die Kamera. Dieses Mal ist ihr Name bekannt: Sie heißt Paris Hilton und ist auf dem Weg ins Gefängnis, wo sie eine kurze Haftstrafe wegen Trunkenheit am Steuer und Fahren ohne gültigen Führerschein absitzen muss.

Der Filmemacher Marc Wiese, der seit einigen Jahren mit seiner Ehefrau und zwei Kindern in Gießen lebt, hat Nick Út für seine Dokumentation letztes Jahr in Los Angeles besucht. Der einstige Kriegsfotograf lichtet mittlerweile Stars in Hollywood ab, man könnte ihn wohl einen Paparazzo nennen. In Wieses Film »Das Mädchen und das Foto« ist Út zu sehen mit ergrauten Jahren, ein kleiner Bauchansatz ist zu erkennen. Im nächsten Jahr wird er 60 Jahre alt. Den Pulitzer-Preis erhielt er 1973, mit gerade einmal 23 Jahren.

Seine Anstellung als Kriegsfotograf in solch jungen Jahren hatte er überhaupt nur bekommen, weil sein eigener Bruder - ebenfalls Fotograf in Vietnam - zuvor bei einem Arbeitseinsatz ums Leben gekommen war. Nick Út übernahm den Job des toten Bruders. Auch am 8. Juni 1972 ist er unterwegs im Grenzgebiet zwischen dem kommunistischen Norden und dem von den USA unterstützten Süden des Landes. Die neunjährige Kim Phuc lebt ebenfalls in der Region. Sie ist das Mädchen, deren Bild später um die Welt gehen wird. An diesem Morgen ist sie mit ihrer Familie in einem Tempel, als der Angriff beginnt. Zusammen mit anderen Kindern flüchtet sie aus dem Gebäude und gerät mitten in das Bombardement. Vier Kanister Napalm werden von einem südvietnamesischen Flieger abgeworfen, rollen über die Straße und explodieren. »Und dann waren die Leute auf einmal alle verschwunden«, beschreibt ein Augenzeuge in Wieses Dokumentation. Auch Kim Phuc erwischt es schwer: Phosphor verbrennt ihre Kleidung und frisst sich in die Haut des Mädchens, als Nick Út auf den Auslöser drückt. Das ist zunächst einmal die Geschichte des Fotos mit dem nackten Mädchen.

Die Geschichte von Kim Phuc geht jedoch weiter. »Sie ist bis heute nicht aus diesem Foto herausgekommen«, beschreibt Filmemacher Marc Wiese. Nachdem Ùt den Auslöser seiner Kamera gedrückt hat, bringt er das Mädchen in ein Krankenhaus, doch wegen ihrer schweren Verletzungen kann ihr dort nicht geholfen werden: Kims Haut ist zu 60 Prozent verbrannt. Erst als das Foto weltberühmt ist, wird sie in eine Spezialklinik in Saigon gebracht, wo ihr mit 17 Operationen das Leben gerettet werden kann. »Ihre Berühmtheit, das Foto hat ihr Leben gerettet«, so Wiese.

Doch Kim Phucs Geschichte bricht auch an dieser Stelle nicht ab: Nach dem Sieg Nordvietnams wird das Kind, dessen Gesicht von dem Foto auch im Westen bekannt ist, in die kommunistische Propaganda-Maschinerie eingespannt. An eine Berufsausbildung ist nicht zu denken, stattdessen muss sie für westliche Journalisten eine Ärztin, Krankenschwester oder Kindergärtnerin mimen. »Ich wünschte, dieses Foto wäre nie gemacht worden«, sagt sie an einer Stelle im Film über die Aufnahme, die ihr Leben rettete. Jahre später erst gelingt es ihr, mit dem Ehemann in den Westen zu fliehen. Über Umwege schaffen sie es nach Kanada, wo beide nun leben. »Wer Kim Phuc heute treffen will, der hat es mit einem Management zu tun. Kim Phuc lebt noch immer in und von ihrer Geschichte«, beschreibt Filmemacher Wiese ihr Leben seit der Katastrophe.

Werten will er das nicht. Auch seine Dokumentation beschränkt sich darauf, Fakten offenzulegen und Geschichten zu rekonstruieren: Von Nick Út, der durch den Tod des Bruders zum Kriegsfotografen und später zum Paparazzo wurde, und von Kim Phuc, für die das besagte Bild Segen und Fluch zugleich war. Wertende Gedanken dazu solle sich der Zuschauer selbst machen.

Auf Arte läuft »Das Mädchen und das Foto« des Filmemachers Marc Wiese am Mittwoch um 21.10 Uhr.

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