»Gefährliche« Hunde

Beim Wesenstest geht es um Leben und Tod

Auch ein freundlicher Hund kann schnell zum offiziell »gefährlichen Hund« werden. Wenn es zu einer Anzeige kommt und ein Wesenstest angeordnet wird, steht buchstäblich alles auf dem Spiel.
10. August 2017, 11:00 Uhr
Chip ablesen kein Problem! Dr. Barbara Hoffmann mit Astrid Paparone und einem (ungefährlichen) Tierheimhund. (Foto: Schepp)

Es klingelt. Die Post ist da. Der Hausbewohner öffnet die Tür, sein Hovawart schiebt sich neugierig ebenfalls nach vorne. Draußen geht gerade jemand mit seinem Dackel an der Leine vorbei, der kleine Vierbeiner bellt den großen Wachhund keck an.

Das passt diesem nicht, er prescht nach vorn. Nun mischen sich auch die Hundebesitzer ein. Sie trennen die Hunde, dabei wird der Dackelbesitzer an der Hand verletzt. Er zeigt den Besitzer des großen Hundes an.

Geschichten wie diese hört Dr. Barbara Hoffmann häufig. Zu ihr kommen Menschen, die vom Ordnungsamt die Auflage bekommen haben, einen Wesenstest zu machen. Fällt ein Hund bei einem solchen Test durch, droht dem Besitzer die Sicherstellung und letztlich die Einschläferung des Tieres.

Debatte um Kampfhunde

Grundlage dafür ist die Gefahrenabwehrverordnung, die 2001 nach der Debatte um so genannte Kampfhunde erlassen wurde. Was viele nicht wissen: Auch die Halter »ganz normaler« Familienhunde können unverhofft in die Situation geraten, die »Gefährlichkeit« ihres Lieblings überprüfen lassen zu müssen. Hoffmann ist Tierärztin mit einer Zusatzqualifikation in Verhaltenstherapie. Sie ist eine von etwa 40 Sachverständigen in Hessen, die den Wesenstest abnehmen dürfen.

Rund 600 Gutachten hat die Veterinärmedizinerin in den vergangenen 17 Jahren erstellt. Sie prüft jeden Fall sorgfältig – durchgefallen ist bei ihr aber nur selten ein Hund. In den meisten Fällen, so sagt sie, hat sie keine gefährlichen Hunde vor sich. Fast immer hat eine Verkettung unglücklicher Umstände zu einem Vorfall geführt. Bordercollies, die Radler in die Hacken zwicken, Windhunde, die ein Reh hetzen, Schäferhunde, die den Pizzaboten stellen.
Solche Szenen sind inakzeptabel, ihnen liegt jedoch rassetypisches und kein aggressives Verhalten zugrunde: Hüte-, Jagd- und Wachhunde tun das, wofür sie gezüchtet wurden - sofern man sie lässt. Und das ist der Knackpunkt: Die Halter müssen die Hunde jederzeit unter Kontrolle haben.

Erziehung ernst nehmen

Astrid Paparone, Hundetrainerin und 2. Vorsitzende des Tierschutzvereins, appelliert daher an Hundebesitzer, die Erziehung ihrer Vierbeiner ernst zu nehmen. Einen gehorsamen Hund zu haben, ist nicht nur angenehmer für alle Beteiligten, sondern auch entspannter.

Ein Labrador mag ein freundlicher Hund sein - aber wenn er ungestüm ist und einen ängstlichen Menschen anspringt, kann auch eine solche Situation zur Anzeige und gegebenenfalls sogar zur Auflage führen, einen Wesenstest zu machen, verdeutlicht die Expertin. Im Tierheim landen immer wieder Hunde, deren Erziehung völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Paparone: »Ein guter Grundgehorsam in Kombination mit vorausschauendem Verhalten sind die beste Vorbeugung«.

Bei einem Wesenstest (parallel dazu muss der Halter einen Sachkundenachweis erbringen) wird unter anderem die Situation nachgestellt, die zu der Anzeige geführt hat. Wie verhält sich der Proband bei Hundebegegnungen, lässt er sich anfassen, wie geht er mit für ihn bedrohlichen Situationen um? Hoffmann nimmt sich viel Zeit für jeden Kandidaten, ihr ist eine faire Begutachtung wichtig.

Die Besitzer sind extrem aufgeregt und fürchten um das Leben ihres Hundes

Barbara Hoffmann, Sachverständige

Eine Schwachstelle der ohnehin fragwürdigen Hundeverordnung ist, dass sie willkürliche Entscheidungen zulässt. Wann beginnt Jagdverhalten? Wann ist Anspringen bedrohlich? Die Ordnungsämter in Hessen, so Hoffmann, gehen sehr unterschiedlich mit der Verordnung um. Die Gießener Beamten handeln ihrer Erfahrung nach besonnen, die Zusammenarbeit vor Ort sei sehr gut. Bei der Stadt spielen denn auch von Amts wegen »gefährliche Hunde« keine große Rolle, wie Magistratssprecherin Claudia Boje berichtet. Von 2731 gemeldeten Hunden sind 48 als Kampfhunde bzw. gefährliche Hunde registriert.

Keine zweite Chance

Wer einmal einen Wesenstest machen musste, hat danach keine »weiße Weste«, auch wenn der Vierbeiner den Test bestanden hat. Er gilt danach immer noch als »gefährlicher Hund«. Das kann richtig teuer werden, wenn die Kommune für diese Tiere eine höhere Steuer erhebt als für »normale« Hunde. In Gießen ist das nicht der Fall.

Fällt ein Hund beim Wesenstest durch, bekommt er keine zweite Chance. Die Behörde kann die Einschläferung anordnen. Nach 2001 ist dies in Hessen in vielen Fällen geschehen, genaue Zahlen gibt es nicht. Kein Wunder also, dass die Hundehalter voller Angst zum Test erscheinen. Hoffmann: »Sie sind wahnsinnig aufgeregt und befürchten, ihren Hund zu verlieren«. (Fotolia: alexei_tm)

Info-Kasten

Die Hundeverordnung

Eine Gefährlichkeit »vermutet« wird laut Verordnung bei neun Rassen, dazu zählen der Pitbull und Bullterrier, aber auch der Rottweiler. Gefährlich nach dem Gesetz sind die Hunde, die 1) einen Menschen gebissen oder in Gefahr drohender Wiese angesprungen haben, sofern dies nicht aus einem begründeten Anlass geschah, 2) ein anderes Tier durch einen Biss geschädigt haben, ohne selbst angegriffen worden zu sein 3) durch ihr Verhalten gezeigt haben, dass sie andere Tiere unkontrolliert hetzen oder reißen oder 4) aufgrund ihres Verhaltens die Annahme rechtfertigen, dass sie Tiere oder Menschen ohne begründeten Anlass beißen.

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