Müllberge

Container für den Abfall

Die Stadt stellt jetzt auf öffentlichen Plätzen Müllcontainer auf, Schilder weiterhin nicht. Weiß wirklich jeder, wofür die Behältnisse gedacht sind?
16. Juli 2017, 09:00 Uhr
Die Stadt ist umgeschwenkt: Lange hat sie zusätzliche Müllcontainer abgelehnt. Jetzt stehen einige davon im Stadtpark Wieseckaue, um das Abfallchaos zu lindern. (Foto: Schepp)

Ein schöner Morgen. Ideal für Frühsport im Grünen, denkt der Gießener. Doch der Anblick der Lahnufer versetzt seiner sonnigen Laune einen erheblichen Dämpfer: Die Mülleimer quellen über, daneben sind Einweggrills und volle Plastiktüten aufgehäuft. Der Trend zum »Chillen« auf öffentlichen Flächen hat eine Kehrseite – im wahrsten Sinne des Wortes. »Die Leute lassen leider riesige Mengen an Abfall zurück«, seufzt Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich.

So sehr sich die Stadt grundsätzlich über die urbane Belebung freut und sie fördert: Es gebe natürlich auch unschöne Begleiterscheinungen, erläutert die Grünen-Politikerin im GAZ-Gespräch. »Wir versuchen einen Spagat.« Wo es Anwohner gibt, sei Lärm ein Problem. Die Stadt versuche an einigen Punkten »gegenzusteuern«. Mit dem neuen Strandcafé beispielsweise »erhoffen wir uns etwas mehr Ordnung reinzubekommen« in den Lahnufer-Abschnitt direkt neben dem Seniorenheim. Es gibt eine Toilette, der Getränkewagen schließt spätestens um 23 Uhr.

 

Wachdienst auf dem Uni-Vorplatz

 

Ab 22 Uhr herrscht Nachtruhe: Das müsste auch bei privaten Treffen gelten. Eigentlich. »Etwa 20 Anrufe« lärmgeplagter Bürger gehen an einem schönen Sommerwochenende bei der Polizei ein, berichtet Sprecher Jörg Reinemer. Die meisten kommen aus Gießen. Oft seien kleine Partys im öffentlichen Raum die Ursache. Schwerpunkte sind Seltersweg, Marktplatz und Ludwigstraße. »Meist kehrt nach unserem Erscheinen Ruhe ein.« Vom einer Zunahme der Beschwerden könne man nicht sprechen. Die Zahl sei stabil.

In Frankfurt oder München gibt es politische Debatten und Bürgerinitiativen gegen »Rucksacksäufer«. In Gießen scheint sich die Belästigung im Rahmen zu halten. Der Trubel auf dem Uni-Vorplatz allerdings ging vor fünf Jahren zu weit. Vandalen warfen unter anderem Kot in Briefkästen. Die Universität ließ zeitweise eine Sperrzone aufmalen und engagierte einen Sicherheitsdienst.

Mittlerweile habe sich die Lage einigermaßen beruhigt, sagt Uni-Sprecherin Lisa Dittrich. »Wir freuen uns natürlich, dass dieser Platz so gern genutzt wird. Ärgerlich ist aber, dass an solchen Tagen das Müllaufkommen zwei- bis dreimal so hoch ist wie im Durchschnitt. Außerdem ist der Platz häufig von Scherben übersät. Wir würden uns freuen, wenn die Gäste sich verstärkt selbst um die Entsorgung kümmern würden. Dringend appellieren wir an alle, die eigens aufgestellte Toilette zu nutzen.« Nach wie vor sehe ein Wachdienst nach dem Rechten. Der muss bezahlt werden, die Extra-Müllentsorgung ebenso. Das geht zu Lasten des Uni-Etats und letztlich des Steuerzahlers.

Erhebliche Kosten entstehen auch der Stadt. Seit drei Jahren fahren die Mitarbeiter des Stadtreinigungsamts und vor allem des Gartenamts – sie sind zuständig für den Abfall auf Grünflächen – sommerliche Sonderschichten. Nach einem warmen Abend »räumen sie jeden Morgen auf«, so Weigel-Greilich, »obwohl es dann schon nachmittags oft wieder schlimm aussieht«. Diese und andere Zusatzarbeit könne man auf Dauer nicht bewältigen mit Appellen wie »Kannst du noch schnell...?«, weiß die Dezernentin. »Wir brauchen mehr Personal.« Für den Haushalt 2018 habe das Gartenamt daher einen zusätzlichen Zweier-Trupp samt Fahrzeug angemeldet. Allein die zwei Stellen würden etwa 100 000 Euro im Jahr kosten.

Eigentlich müssten Wild-Griller ihren Abfall mit nach Hause nehmen. Laut Gefahrenabwehrverordnung dienen die öffentlichen Behälter nur der »Entsorgung von Kleinabfällen«. Warum erklärt die Stadt das nicht auf Schildern? Das hätte nicht viel Sinn, glaubt Weigel-Greilich: »Das weiß ja nun wirklich jeder.«

 

Guter Wille erkennbar

 

Immerhin zeigen viele Grünflächen-Nutzer guten Willen, indem sie ihre Hinterlassenschaften neben den überfüllten Abfalleimern aufstapeln. Die Stadt hatte sich jahrelang geweigert, größere Behälter aufzustellen. Dahinter stand die Befürchtung, dass sie zur illegalen Sperrmüllentsorgung genutzt werden. Inzwischen ist die Verwaltung umgeschwenkt, »weil die Menge überhand nahm«, erklärt Thomas Röhmel, Leiter des Gartenamts. Ein großer Container am Lahnufer unter der Brücke beim Stadtwerke-Wehr wurde kaum angenommen. In diesem Sommer stehen nun erstmals auch am Neuen Teich Mini-Container. Nicht größer als eine Isetta und knallblau, ist ihr Anblick zu verschmerzen. Betreut werden sie von einer externen Firma. Da deren Fahrzeuge zu breit sind für die Wege im Stadtpark, muss das Gartenamt die Container zum Wechseln per Radlader auf den Messeplatz fahren.

Direkt nach der Aufstellung zeigte sich übrigens erneut, dass etliche Picknicker durchaus überlegen, wo sie ihren Müll hinterlassen. »Die Leute haben sich nicht getraut, die Container zu nutzen«, berichtet Röhmel. »Anscheinend dachten sie, die seien für etwas anderes gedacht. Wir mussten selbst ein bisschen Müll hineinwerfen und einen Zettel ›Restmüll‹ aufkleben, dann hat es funktioniert.« Vielleicht wären Informationsschilder hier und da doch nicht so schlecht?

 

Sommer in der Stadt

Gewinner und Verlierer

Einst trafen sich Studierende im Biergarten oder zu Hause. Heute nutzen sie Parks und Plätze für Treffen und Picknicks. Die schönen Seiten dieser urbanen Belebung haben wir im ersten Teil unserer Serie »Sommer in der Stadt« geschildert. Heute geht es um Probleme. In der nächsten Folge beleuchten wir wirtschaftliche Folgen: Wer gewinnt, wer verliert durch neue Ausgeh-Trends?

Schlagworte in diesem Artikel

  • Abfallbeseitigung
  • Gartenämter
  • Gefahrenabwehrverordnungen
  • Gerda Weigel-Greilich
  • Müllberge
  • Polizei
  • Sommer
  • Steuerzahler
  • Gießen
  • Karen Werner
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 2 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.