Der Apparat

Mobile Albania verbindet zur aktuellen Eimer-Ausstellung im Alten Schloss die Leute in der Stadt mit einem eigenen Nachrichtendienst. Ohne Briefkasten oder digitales Postfach, aber mit einem merkwürdigen »Apparat« im Museum: ein Stadtgespräch mit einer Suchmaschine, die die Antworten auf der Straße findet.
30. Juni 2017, 19:47 Uhr

Die Ernst Eimer-Ausstellung im Alten Schloss steht unter dem Überthema Heimat, das Studierende der Universität gemeinsam mit der Kuratorin behandelten. Zum Rahmenprogramm gehört auch ein pädagogisches Projekt, das Heimat konkret in Gießen verortet. Dafür hat Museumsleiterin Sabine Philipp die Gruppe Mobile Albania gewinnen können, die sich für den unteren Ausstellungsraum einen spannenden »Apparat« ausgedacht hat, der sich während der Workshops mit Kindern und Jugendlichen durch deren Ideen beständig erweitert. Ausstellungsbesucher können einfach nur schauen, lesen und hören. Es lohnt sich, in den nächsten Wochen zu kommen, auch zum gemeinsamen Fest der Workshop-Teilnehmer am Ende.

Download mit Schnüren

Während die Mehrzahl der Menschen nur noch auf Smartphones starrt und von der schnellen Nachrichtenübermittlung geradezu hypnotisiert ist, gehören die vier von Mobile Albania zu denjenigen, die Entschleunigung zu ihrem Programm erklärten. Nicht moralisierend, sondern mittels ungewöhnlicher Aktionen, bei denen sie die Menschen der jeweiligen Umgebung auf spielerische Weise einbeziehen. Sie bezeichnen sich als »nomadisierender Theaterstaat«, ihre Kommunikationswege und Netzwerke als analoge Zugangsweisen. Diese ermöglichen andere Denkweisen, die im Austausch mit anderen Menschen zum kreativen Erlebnis werden.

Julia Blawert, Till Korfhage, Roland Siegwald und Katharina Stephan haben alle Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen studiert. Sie arbeiten gemeinsam an Projekten seit ihrer Abschlussarbeit, für die sie im VW-Bus ein halbes Jahr umherreisten und Menschen befragten. Seitdem haben sie in ganz Deutschland und darüber hinaus spannende Projekte umgesetzt, dabei schon zwei Weltrekorde aufgestellt: 2010 auf dem Kirchenplatz mit dem größten Blockflötenkonzert und 2016 mit der längsten Rufkette von Friedrichsdorf, dem Heimatort des Telefonerfinders Philipp Reis, bis zur Saalburg.

Das direkte Übermitteln von Nachrichten haben sie also schon erprobt, es fließt auch in ihr aktuelles Projekt »Der Apparat« ein. Im Zentrum steht ein Overheadprojektor, mit dem ein Ernst Eimer-Gemälde an die Wand geworfen wird, darauf zu sehen ist ein Bauer unter einem Baum im Feld. Zu diesem Bild entwickeln die Workshop-Teilnehmer ihre Assoziationen, malen auf Folien Dinge dazu, damit der Bauer nicht so allein auf weiter Flur steht. Ist die Einsamkeit bedrohlich oder gemütlich? Wie könnte man die Situation ändern? Dann wählen sie einen Ort in der Stadt aus, an dem sie Passanten solcherlei Fragen stellen. Diese Befragung geschieht mittels eines Nachrichtenüberbringers, der Zettel hin und her trägt, die Teilnehmer wissen dabei nicht, mit wem sie sich austauschen. Wie können wir Nachrichten durch die Stadt schicken, ohne dabei ständig auf unser Smartphone zu schauen? Mit wem möchtest du verbunden werden? Wie sprechen wir Leute an, mit denen wir sonst nicht sprechen? Rund um diese Fragen baut Mobile Albania ein neues Kommunikationsnetz auf – mit analoger Cloud und Datenspeicher im Museum.

Zum Apparat im Museum gehören auch altmodische Kurbeln an der Wand, mit denen Schnüre von der Decke hoch- und runtergefahren werden können, was in neudeutscher Computersprache Download und Upload heißt. An den Schnüren hängen Zettel mit Kurztexten und Zeichnungen, die man abklipsen und lesen kann. In Plastikkugeln befinden sich kleine MP3-Player, die Interessierte herausnehmen und in das Abspielgerät stecken können. Zu hören sind die Stimmen der Kinder, die vom Ergebnis ihres ersten Projekts berichten, von ihren Ideen zur Veränderung des Kirchenplatzes: eine fühlt sich vom Turm gestört, einer will einen Fußballplatz daraus machen, ein anderer eine dauerhafte Bühne für Konzerte und Partys aufbauen. Die andere Gruppe im Botanischen Garten hingegen fühlte sich im Darwin-Pfad zum Philosophieren angeregt. Es wird spannend, was noch alles dabei herauskommt.

Die Teilnehmer der bisherigen Schnupperkurse treffen sich in den ersten beiden Ferienwochen (siehe unten). Interessierte sind eingeladen dazuzukommen, auch an Einzelterminen. Die Teilnahme ist kostenfrei, das Projekt wird über den »Kulturkoffer« gefördert, eine recht neue Fördermaßnahme des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. (Foto: dkl)

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