Stadt Gießen

Nicht alle nutzen die warmen Schlafplätze

09. Januar 2009, 18:06 Uhr
Sein Hund ist für diesen 37-Jährigen der Hauptgrund dafür, dass er sein Lager im Stadtgebiet aufgeschlagen hat. Dank warmer Schlafsäcke friere er nicht, sagt der Mann. (Foto: Schepp)

Minus 19,3 Grad hat der Deutsche Wetterdienst in dieser Woche als offizielle Gießener Tiefsttemperatur gemeldet. Und auch bei dieser Kälte übernachten manche Menschen draußen. »Wir wissen, dass ungefähr 30 Leute in der Stadt ›Platte machen‹. Wenn da einer fehlt, macht man sich schon Gedanken«, sagt Siegfried Kalinowski, Bereichsleiter für Gefährdetenhilfe beim Diakonischen Werk Gießen. Im AZ-Gespräch bestätigten heimische Fachleute: Jeder Betroffene kenne die Hilfsangebote, es gebe genug Übernachtungsmöglichkeiten. Man könne niemandem verbieten, im Freien zu schlafen. Stets gebraucht würden warme, robuste Kleidung, Schlafsäcke, Decken und Isomatten.

Wieso ziehen manche die eisige »Platte« einem warmen Bett in Notunterkünften vor? Dafür nennen die Experten im Wesentlichen zwei Hauptgründe: »Die einen wollen sich nicht von ihren Hunden trennen. Die anderen wollen nicht in geschlossenen Räumen schlafen, warum auch immer«, sagt Kalinowski. »Einige sind psychisch krank und mit Angeboten einfach nicht zu erreichen«, ergänzt Annette Imort, Sozialarbeiterin in der Beratungs- und Wärmestube der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in der Grünberger Straße 6.

Sowohl dort als auch in der Diakonie-Tagesaufenthaltsstätte »Die Brücke« in der Ludwigstraße 14 wird es derzeit manchmal ziemlich eng. »Gestern waren im Lauf des Tages 87 Leute hier«, erzählen die »Brücke«-Mitarbeiter Isabel Borzych und Wilfried Heimann. Wohnungslose können in den Räumen ihre Wäsche waschen und duschen, bekommen Tee, Kaffee oder Brote, sie erhalten Beratung und Kleidung. Vor allem aber finden sie Wärme. Zum Rauchen allerdings müssen sie vor die Tür gehen, auch Alkohol ist verboten. Mit dem Trinken seien viele bei diesen Temperaturen ohnehin vorsichtig, berichtet Kalinowski. »Sie wissen: Wenn ich die Kälte nicht mehr spüre, wird es gefährlich.«

»Ich habe zwei gute Schlafsäcke und einen für meinen Hund. Wir haben keine Probleme. Nur fischen kann ich zur Zeit nicht.« Gelassen gibt sich ein 37-Jähriger, der sein Nachtlager im Stadtgebiet aufgeschlagen hat. Sein Vierbeiner sei der Hauptgrund dafür, dass er auch bei strenger Kälte kein Wohnheim aufsucht. Die Übernachtungsmöglichkeit für Wohnungslose mit Hund in Alsfeld sei »immer besetzt«, sagt der Mann aus Sachsen-Anhalt, der bereits »den neunten Winter auf der Straße« erlebt: »1991 war es schon einmal sehr kalt. « Nachdem er zwischendurch einige Jahre ein geregeltes Dasein mit Wohnung, Freundin und Arbeit kannte, habe sich »das Schicksal wieder gewendet«, nun mache er das Beste aus seiner Situation. An diesem Wochenende ziehe er weiter, »erstmal nach Alsfeld«.

Durchwanderer gebe es kaum noch, seit Geld von den Behörden erst nach langem »Hartz-IV«-Antrag fließt, berichten alle Experten. Darum sei das Männerwohnheim im Falkweg - es hat neben 85 festen auch 24 Übernachtungsplätze, außerdem zwei Pärchen-Zimmer - kaum jemals überfüllt, sagt Andreas Wilhelmi, stellvertretender Leiter des Awo-Hilfeverbundes Wohnen und Arbeit. »Die meisten haben hier ein Umfeld.« So wie der 26-jährige »Punk«, der seit acht Jahren ohne eigene Wohnung ist. »Ich habe Nierenprobleme und schlafe zur Zeit bei einem Kumpel.«

Was können Bürger tun, um Wohnungslosen zu helfen? Ständig gebraucht werden warme Sachen - auch Socken und Unterwäsche -, die aber robust und noch tragbar sein müssen, erklären die Sozialarbeiter. Sowohl in der Grünberger als auch in der Ludwigstraße kann man Spenden abgeben. Vor allem aber wünschen sie sich, dass ihre Klienten nicht nur bei Minusgraden als Menschen wahrgenommen werden. »Im Sommer sind sie wieder das Pack, das stört«, sagt Annette Imort. Und Siegfried Kalinowski appelliert: »Sagen Sie einfach mal ›Guten Tag‹, reden Sie mit den Leuten. Wenn Sie die Schicksale hören, schwinden vielleicht manche Vorurteile.«

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