Stimmgewalt im Jubiläumsjahr

Der Kaiser klagt den Reformator an. Der nimmt seine Thesen nicht zurück. »Luther in Worms« erklingt als vielstimmiges Oratorium im Stadttheater. Das Werk von Ludwig Meinardus wird für Dirigent Jan Hoffmann zum Mammutprojekt.
21. Juni 2017, 20:53 Uhr
Es ist vollbracht: Chor, Solisten, Orchester und Dirigent Jan Hoffmann (vorn, Dritter von links) nehmen den verdienten Applaus des Publikums entgegen. (Foto: Rolf K. Wegst)

In der Konzertliteratur findet sich erstaunlich wenig, was dem großen Reformator Martin Luther gerecht wird. Das mag daran liegen, dass die Protestanten unter den Komponisten zwar Gott verehren, aber nicht dem Wegbereiter der Konfession huldigen. Und ein katholischer Komponist hatte wohl wenig Interesse daran, dem Protestanten ein Denkmal zu setzen. So war es 1871 Ludwig Meinardus, der das Oratorium »Luther in Worms« schrieb (Uraufführung: 1874).

Passend zum Reformationsjubiläum (vor 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, schlug Luther der Überlieferung zufolge seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg) erklang das beinahe zweistündige Werk im Stadttheater am Dienstag als letztes Sinfoniekonzert dieser Spielzeit mit Luther als Held. Erzählt wird die Reise des Reformators nach Worms (1521) und die Anhörung vor Kaiser Karl V., als Luther sich weigert, seine Thesen zu widerrufen. Am Ende triumphieren Luthers Anhänger – zumindest ihre innere Freiheit haben sie gewonnen.

Das Oratorium von Meinardus findet sich heute nicht mehr im Repertoireprogramm. Ein Grund dürfte die Orchesterpartitur sein, die von einer holzschnittartigen Schablonenhaftigkeit gekennzeichnet ist. Da nützen auch die vielen Luther-Choräle und Erinnerungsmotive an »Ein feste Burg ist unser Gott« wenig. Die »feste Burg« bildet auch den Schlusschoral. Im »Finale II«, der Nummer 14 des Oratoriums, zieht Meinardus dann aber doch eindringlich vom Leder. Wenn der Kaiser dem Titelhelden vorwirft, die Kirche klage ihn wegen falscher Lehre an, sind das die starken Momente an diesem Abend. Das Anklagewort (der Text des Oratoriums stammt von Wilhelm Rossmann) obliegt federführend dem Kinderchor zur Melodie des Lutherschen Weihnachtsliedes »Vom Himmel hoch, da komm ich her«. Hier wird inhaltliche Spannung auch musikalisch hörbar. Überhaupt gelingen dem Komponisten die Chorszenen durchweg mit Vehemenz.

Am Pult hat der stellvertretende Generalmusikdirektor Jan Hoffmann alle Akteure fest im Griff. Er meistert die Mammutaufgabe, Chor, Musiker und Solisten unter einen Hut zu bringen, ohne Fehl und Tadel. Das Philharmonische Orchester Gießen muss mit einigen Ungereimtheiten im Blech leben, ist aber ansonsten konzentriert bei der Sache.

Kammersänger Andreas Scheibner singt die Titelpartie – er sprang kurzfristig für den an einer Laryngitis laborierenden Grga Peroš ein (wenn das Konzert Ende Oktober in der Alten Oper Frankfurt wiederholt wird, erhält der Haus-Bariton seine Chance). Scheibner gibt einen eindringlichen, entschlossenen Luther, dem Tenor Michael Siemon als Justus Jonas und Kaiser stimmlich Paroli bietet. Eine Klasse für sich ist Philipp Meierhöfer, der in Gießen zurzeit als »Barbier von Bagdad« auf der Opernbühne für Aufsehen sorgt. Sein Bass ertönt in den verschiedenen Rollen voluminös und rein bis in die tiefsten Tiefen, die Textverständlichkeit ist beachtlich. Die ehemalige Haus-Sopranistin Naroa Intxausti sorgt als Katarina für Wohlklang, während Mezzosopranistin Charlotte Quadt-Kohlhepp als Marta in der Alt-Partie glänzt. Der stimmgewaltige Chor des Stadttheaters erhält Verstärkung durch die Wetzlarer Singakademie und den Gießener Konzertverein, der mit dem Oratorium sein 225-jähriges Bestehen feiert. Gestern Abend kam »Luther in Worms« noch einmal in Wetzlar zur Aufführung.

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