Stadt Gießen

Partyveranstalter widerspricht Neonazi-Vorwurf

20. November 2008, 23:42 Uhr
In der Musikkneipe »Irish Rover« im Bantzerweg finden seit dem vergangenen Jahr sogenannte »Onkelz-Partys« statt. (Foto: Schepp)

Gießen (mö). Sie sind überall im Land mittlerweile fester Bestandteil der Partyszene: die sogenannten »Onkelz-Partys«, bei denen Fans in Erinnerung an die vor drei Jahren aufgelöste Band »Böhse Onkelz« schwelgen. Während sie für die einen nur lautstarke und feuchtfröhliche Revival-Treffen sind, stehen sie bei anderen unter dem latenten Verdacht, ein Tummelplatz der Neonazi-Szene zu sein. Mit diesem Vorwurf sehen sich nun auch die Gießener Veranstalter der hiesigen »Onkelz-Partys« konfrontiert, die seit dem vergangenen Jahr in der Musikkneipe »Irish Rover« im Bantzerweg stattfinden. Nach Recherchen der Gießener Antifa-Gruppe R 4 nehmen an den Partys regelmäßig »15 bis 20« Mitglieder der rechtsextremen Szene aus Mittelhessen teil. Die Veranstalter dagegen sprechen von »Einzelfällen«, die sich kaum verhindern lassen.

Die AZ hat sich gestern selbst durch die im Internet vom Partyveranstalter veröffentlichten Bildergalerien geklickt. Vereinzelt stieß die Redaktion dabei auf Belege und Hinweise, dass sich auf den Veranstaltungen tatsächlich auch Vertreter der rechtsextremen Szene vergnügen. Einschlägig bekannte Modemarken der Szene oder entsprechende Symbole auf Tätowierungen sind erkennbar. Nicht wiedergefunden hat die AZ ein Foto, auf dem tanzende Männer mit Kahlköpfen zu sehen sind, die offenkundig den Hitlergruß zeigen. Die Aufnahme befindet sich auf einer CD, die die Antifa an die heimische Presse verschickt hat und die mit hoher Wahrscheinlichkeit im »Irish Rover« aufgenommen worden ist. Weiter glauben die der linksautonomen Szene zugehörigen Antifa-Rechercheure durch Fotos belegen zu können, dass Führungskräfte der Vogelsberger Neonazi-Kameradschaft »Berserker Kirtorf« oder der Jungen Nationaldemokraten zu Stammgästen der Gießener »Onkelz-Partys« zählen.

Das bezweifeln die Veranstalter und werfen der Antifa vor, »völlig zu übertreiben«. Das Veranstalterteam sei nachweislich bemüht, Personen aus der rechtsextremen Szene, wenn man sie denn eindeutig identifizieren könne, keinen Zutritt zu gewähren oder sie gegegebenfalls rauszuwerfen. »Da waren mal so Typen mit weißen Hosenträgern. Das war ziemlich eindeutig. Die haben wir rausgeschmissen. Ich kann aber auch nicht jedes fragwürdige Klamotten-Label kennen«, bat einer der Partymacher im AZ-Gespräch um Verständnis, dass man bei bis zu 300 Besuchern nicht ausschließen könne, dass darunter einzelne Extremisten seien. Die Pächter des »Irish Rover« seien Ausländer und hätten - wie er selbst - »mit diesem rechten Gesocks nichts am Hut«. Die übergroße Mehrheit der Besucher, darunter »auch Linke«, kämen, »weil sie Spaß haben wollen und die Musik lieben«.

Schon früher, als die »Onkelz-Partys« in der Langgönser Diskothek »Hardrock« stattfanden, habe man sich mit demselben Vorwurf konfrontiert gesehen, berichten die Veranstalter weiter. Damals seien Neonazis auch tatsächlich in größerer Zahl erschienen. »Da mussten wir schon mal 30 bis 40 Personen aussortieren«, erinnert sich der Veranstalter. Zu diesen Events seien aber auch regelmäßig bis zu 800 Besucher gekommen. Ob es in Gießen auch im nächsten Jahr »Onkelz-Partys« geben wird, wissen deren Macher, die die Treffen in ihrer Freizeit organisieren und sich über den Neonazi-Vorwurf maßlos ärgern, noch nicht. Die nächste soll jedenfalls am 29. November stattfinden.

Die 1980 in Frankfurt gegründeten »Böhsen Onkelz« galten aufgrund rassistischer und gewaltverherrlichender Texte in ihren ersten Jahren als Kultband der rechten Szene, ehe sie sich von ihrem Skinhead-Image verabschiedeten und schließlich selbst Konzerte »gegen Rechts« gaben. Den Ritterschlag erhielten die »Onkelz« 2003, als sie die Rolling Stones auf deren Deutschland-Tournee als Vorgruppe begleiten durften. In diesem Jahr erhielt die Band den »Echo-Musikpreis« für den Mitschnitt ihres Abschlusskonzerts im Jahr 2005 auf dem Lausitzring.

Bei den Staatsschützern des Polizeipräsidiums Mittelhessen sind die Gießener »Onkelz-Partys« bislang kein Thema gewesen, sagte Polizeisprecher Gerald Frost auf Anfrage. Es gebe bislang keinerlei Erkenntnisse, dass es im Zusammenhang mit den Veranstaltungen zu Straftaten gekommen sei. Sollten nunmehr Verdachtsmomente auftauchen, dass es zu verbotenen Handlungen gekommen sei, werde die Polizei diesen natürlich nachgehen.

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