Schultoiletten

Grundsätzlich unbenutzbar

Verdreckt und ekelhaft: Beim Thema Schultoiletten gibt es selten zwei Meinungen. Ein Gießener Mediziner, Schüler und Vertreter der Stadt äußern sich zum Thema.
06. Mai 2017, 09:00 Uhr

Die Wände sind verschmiert, die Bodenfliesen versifft. In der Ecke liegen leere Papierrollen herum und Reste vom Pausenbrot. Es stinkt und es ist kalt. Häufig sind auch Waschbecken oder Sitzbrillen beschädigt, oft fehlen Papier und Seife. Schultoiletten sind keine Wohlfühloasen. Das weiß jeder. Es ist kein Wunder, dass viele Schüler die stillen Örtchen meiden, wenn sie können. Der Stadtschülerrat hat den Zustand der sanitären Anlagen an Gießener Schulen vor Kurzem unter die Lupe genommen und Beispiele genannt, wo Sanierungs- oder zumindest erhöhter Reinigungsbedarf besteht. »Die meisten Toiletten sind nach 11 Uhr nicht mehr nutzbar«, erklärt Luca Manns. Der stellvertretende Stadtschulsprecher sagt das ohne Vorwurf in der Stimme. »Wenn 100 junge Leute eine Toilette nutzen müssen, kann man nichts anderes erwarten.« Zum Zustand der Schultoiletten haben Gießener Schulsprecher am Ende des ersten Halbjahrs ein Gespräch mit Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser geführt. Ihr Fazit: »Die Stadt tut, was sie kann.« Aber das reicht nicht!

Mit einer Reinigung täglich sei es oft nicht getan, sagt Manns, der selbst die Liebigschule besucht. Zwar hätten Schüler längst nicht den Anspruch, den beispielsweise Mitarbeiter einer Verwaltung hätten. Dennoch lasse der Zustand vieler sanitärer Anlagen nur einen Schluss zu: grundsätzlich unbenutzbar.

Die Schulen bekommen das Problem seit vielen Jahren kaum in den Griff. Gegenmaßnahmen laufen ins Leere. An manchen Schulen müssten Jugendliche den Toilettenschlüssel im Sekretariat holen, nennt Manns Beispiele, wie man versucht, wenigstens etwas Kontrolle über die Situation zu erlangen. Für den Zustand der Toiletten seien in erster Linie die Schüler selbst verantwortlich. »Da gibt es Zerstörungen, Schmierereien, Sprüche und schmutzige Hinterlassenschaften.«

Als »desaströs« bezeichnet Cornelia Eggers die Lage an der Friedrich-Ebert-Schule. Mitunter habe sie die Pausenaufsicht angewiesen, die Toiletten besonders im Auge zu behalten, berichtet die Leiterin der Wiesecker Gesamtschule. Die Schulleitung habe sich gemeinsam mit der Schülervertretung um Abhilfe bemüht. Offenbar erfolgreich. Bei einer Begehung mit Schuldezernentin Eibelshäuser und Vertretern des Hochbauamtes habe man die Situation der FES-Schultoiletten in Augenschein genommen. »Eine saubere Toilette beugt Vandalismus vor«, sagt Eggers: Von einer Renovierung erhofft sich die Schulgemeinde deshalb positive Effekte auf das Verhalten der jugendlichen Nutzer.

Stadträtin Eibelshäuser bestätigt, dass die Toiletten der Friedrich-Ebert-Schule im Rahmen der allgemeinen Bauunterhaltung instandgesetzt werden. Grundsätzlich seien vor allem Toiletten von Grundschulen und Kindergärten systematisch erfasst worden, um sie bei Bedarf zu renovieren oder zu sanieren, sagen Eibelshäuser und Jutta Müller vom Hochbauamt. Die Stadträtin spricht in Bezug auf Schultoiletten von einem »sehr sensiblen Bereich für alle Beteiligten«. Man wolle durch »ansprechendes Design« erreichen, dass Vandalismus vorgebeugt wird, ergänzt Müller. Exemplarisch nennen die Vertreterinnen der Stadt die Sanierung von Toiletten im Schulzentrum Ost. »Die Toilette der ehemaligen Helmut-von-Bracken-Schule war überdimensioniert und in einem schlechten Zustand«, sagt Müller. Derzeit werden die sanitären Anlagen dort völlig neu gestaltet. Es gibt unterschiedliche Toiletten für Ost- und für Korczak-Schüler sowie eine behindertengerechte Anlage. Bis zum Ende der Herbstferien soll in einem anderen Teil der Korczak-Schule ein weiterer Toilettenbereich renoviert werden. Die Kosten für die Gesamtmaßnahme liegen bei 140 000 Euro.

Wissenschaftlich befasst sich Dr. Jan de Laffolie mit dem Thema. Der Leiter der gastroenterolgischen Ambulanz an der Uni-Kinderklinik hat vor über einem Jahr in einer Studie damit begonnen, den Zusammenhang zwischen dem Zustand von Schultoiletten und Verdauungsproblemen bei Grundschulkindern zu erforschen (die GAZ berichtete). Ergebnisse der Studie werden zwar erst demnächst vorliegen, über die Reaktionen potenzieller Teilnehmer hat der Oberarzt im Gespräch mit dieser Zeitung aber jetzt schon berichtet. Festgestellt hat er eine »hohe Emotionalität«. Auf der einen Seite habe es viel Zustimmung von Eltern und Schulen gegeben, die erleichtert waren, dass das Thema endlich einmal wissenschaftlich erforscht wird. Allerdings habe er auch eine große Abwehrhaltung beobachtet, die auch durch die geringe Rücklaufquote belegt werde. Von 40 angeschriebenen Schulen hätten gerade einmal sieben an der Studie teilgenommen. »Das zeigt, dass wir es mit einem riesigen Tabuthema zu tun haben. Das Sprechen über Stuhlgang fällt schwer«, erklärt Laffolie. An Aktualität gewinne das Thema auch dadurch, dass immer mehr Grundschulen sich in Richtung Ganztagsbetreuung verändern. Während Kinder früher mittags nach Hause gegangen seien, um ihr »Geschäft« zu erledigen, »hat es heute bei Schulzeiten bis in den Nachmittag hinein nicht mehr die Wahl«.

Zu den Grundschulen, die an der medizinischen Studie teilgenommen haben, gehört die Ludwig-Uhland-Schule. Auch Rektor Dr. Jan-Hendrik Schneider spricht in puncto Schultoiletten von einem schambesetzten Thema, stellt aber klar: »Die meisten Schüler nutzen die Toilette unbefangen.« Die Grundschulen, deren sanitäre Anlagen Ende vergangenen Jahres saniert worden seien, habe niemals ein echtes Vandalismusproblem gehabt, leide allerdings darunter, dass die Toiletten mitunter nicht fachgerecht genutzt werden. Das reiche von der Verstopfung mit Toilettenpapier bis zur Verunreinigung von WC-Sitzen und Böden mit Hinterlassenschaften. »Solche Vorkommnisse sind unausrottbar«, sagt Schneider. Um Schäden zu minimieren, bespreche er die fachgerechte Nutzung von Toiletten und Papier bereits mit den Kitas, deren Kinder später die LUS besuchen, sowie mit den Eltern.

Beschmierte und verdreckte Toiletten sind Alltag an Gießener Schulen. Oben die Toilette am Schulzentrum Ost, die derzeit von der Stadt saniert wird. (Fotos: Schepp)

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