Besonders glücklich wurde Georg Büchner in Gießen nicht

02. November 2008, 20:08 Uhr

Am 31. Oktober 1833 schrieb sich der im hessischen Goddelau geborene Autor als Student der Medizin an der Ludoviciana ein. Aus diesem Anlass hatte das Kulturdezernat alle Interessierten zu einer Stadtführung von Peter Schlagetter-Bayertz mit dem Thema »Burschen, Büchner &Co.« eingeladen, zu der etwa 30 Teilnehmer gekommen waren. Der fachkundige Referent ordnete Büchners eher kurze Gießener Zeit in den zeitgeschichtlichen Hintergrund ein. Neben dem Alten und Neuen Schloss mit dem Karzer wurden auch der Marktplatz, das Teufels Lustgärtchen und der Seltersweg bis zum Selterstor besucht, wobei auch andere bekannte Bürger wie die Brüder Follen, Karl Vogt und Wilhelm Liebknecht zur Sprache kamen.

Kulturdezernent Reinhard Kaufmann, der an der Stadtführung teilgenommen hatte, konnte zwei Stunden nach deren Ende im Netanyasaal des Alten Schlosses noch deutlich mehr Besucher begrüßen. Dort informierte Prof. Günter Oesterle vom germanistischen Institut der Justus-Liebig-Universität »Zur poetischen und politischen Radikalität Georg Büchners« und damit auch zum neuesten Stand der Büchner-Forschung.

Oesterle erinnerte daran, dass Gießen zur Zeit der Immatrikulation Büchners etwa 7000 Einwohner hatte und 35 Professoren an der Universität mit ihren vier Fakultäten tätig waren. Nach seiner Rückkehr im Januar 1834 beschäftigte sich Büchner, der vorher bereits in Straßburg studiert und dort seine große Liebe gefunden hatte, vor allem mit Sektionen, oder, nach seiner eigenen Diktion, mit »Kadaver sezieren«.Oesterle ging der Frage nach, wie die Stadt, die Büchner als »abscheulich« einstufte, trotzdem Ausgangspunkt eines Dramas wurde, das in die Weltliteratur einging: »Woyzeck«. Der Referent verwies darauf, dass Büchner privilegiert war, da sein Vater und zwei Onkel geachtete Mediziner, viele Verwandte der Mutter Militärs waren. So konnte Georg in das Pädagog in Darmstadt eintreten, dessen Schülerschaft sich zu 80 % aus Söhnen von Privilegierten zusammensetzte. Er hatte zudem Zugang zur umfangreichen Bibliothek seines Vaters, dazu eine bildungsorientierte und literaturinteressierte Mutter sowie Geschwister, die ihn unterstützten. In der liberal-gemäßigten Straßburger Studentenverbindung »Eugenia« war er »hospes perpetuus« (dauerhafter Gast) und fiel bald auf durch »mit außerordentlicher Lebhaftigkeit« vorgetragene radikale Äußerungen zum Thema »Arm und Reich«.

Zurückgekehrt nach Gießen, dem er mit der »hohen Mittelmäßigkeit« ein Image verschaffte , das die Stadt laut Oesterle nie mehr los wurde, war er, bis auf seinen Umgang mit dem verkannten Genie August Becker, weitgehend isoliert.

In Straßburg war Büchner zu der Auffassung gekommen, dass eine Revolution machbar und wiederholbar sei, so seine Lehre aus der Julirevolution 1830. Dabei suchte er zudem nach möglichen Alternativen, die nicht nur eine Schicht begünstigten. 1834 lernte er seinen Mitstreiter Weidig kennen und überraschte bei der Gründung der »Gesellschaft für Menschenrechte« mit einem klaren politischen Konzept.

Als widerlegt, insbesondere durch Thomas Michael Meier, bezeichnete Oesterle die in den 1970er und 80er-Jahren verbreitete These, Büchner habe in Gießen erkannt, dass in Deutschland eine Revolution unmöglich sei, was ihn melancholisch gemacht habe. Vielmehr habe ihn die Depression hellsichtiger, wacher und radikaler gemacht. Bei einem Treffen auf der Badenburg setzte sich bezüglich des »Hessischen Landboten« die gemäßigtere Linie Weidigs durch, trotzdem war die Schrift radikal genug, um die Festnahme von Büchners Freund Minnigerode für beide Freunde zur Katastrophe werden zu lassen, war Minnigerode doch denunziert worden. Büchner warnte noch alle Beteiligten, konnte selbst auf Untersuchungsrichter Georgi einen solch starken Eindfruck machen, dass er nicht verhaftet wurde. In der Folge widmete er sich mit Feuereifer Fluchthilfeplänen für die gefangenen Freunde, sammelte Gelder für eine eigene Druckmaschine und wurde wohl vor allem deswegen nicht verhaftet, weil der Darmstädter Richter ein Freund seines Vaters war. Erst am 5. 3. 1835 floh Büchner über Friedberg nach Straßburg, wohl auf dem Weg, der für die gefangenen Freunde vorgesehen war.

Büchners glänzender Karriere habe sich mit der Gefangennahme Minnigerodes ein Schatten beigesellt, die beständige, ungeheuere Angst vor der Haft. Nur so konnte er nach Ansicht des Referenten jemanden gerade so darstellen wie Woyzeck. Oesterle hob hervor, dass Büchner erstmals das Schicksal eines Pauper dargestellt habe, eines Unterschichtangehörigen, die vorher in der Literatur allenfalls komisch oder satirisch dargestellt wurden.

Büchner sei in eine Zeit der literarischen Involution hineingeboren worden, wie es auch die Spätromantik gewesen sei. In einer seltenen Kombination von Virtuose und Genie habe er sowohl den analytischen Blick des Arztes als auch poetische Virtuosität besessen. So sei die Büchnerforschung noch lange nicht beendet.

Zwei sehr beeindruckende Gedenkveranstaltungen, die nach 175 Jahren Büchners Einschätzung der hohen Mittelmäßigkeit Gießens bestens widerlegten. Ein Vortrag des Büchner-Biographen Hauschild folgt am 19. 11. um 20 Uhr im Netanyasaal, im nächsten Jahr soll der 175. Geburtstag des »Hessischen Landboten« gewürdigt werden. Hans-Wolfgang Steffek

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