Stadt Gießen

Feuchert: Interesse junger Menschen ist enorm

Seit fast 20 Jahren befasst sich Sascha Feuchert mit Texten über die Judenverfolgung. Jetzt wird die Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Universitätaufgewertet.
06. März 2017, 19:36 Uhr
Sascha Feuchert mit der 2007 erschienenen Chronik des Gettos Lodz. (Foto: Schepp)

Herr Professor Feuchert, wie kamen Sie eigentlich dazu, sich mit literarischen Zeugnissen der Verfolgung und Vernichtung der Juden im Hitler-Deutschland zu befassen?

Sascha Feuchert: Das begann schon in der Schule. Sowohl an der Gesamtschule als auch im Laubach-Kolleg hatte ich intensiv zu tun mit der Geschichte des Holocaust, auch mit Berichten von Zeitzeugen. Das Thema hat mich dann auch durch das Studium begleitet. Das verstärkte sich noch durch einen Aufenthalt in Lodz 1996. Dort bin ich mehr oder weniger über die Getto-Chronik gestolpert. Dieses riesige Text-Zeugnis hat mich ungeheuer fasziniert. Im selben Jahr habe ich auch Dr. Klaus Konrad-Leder kennengelernt, der die Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung mitgegründet hat, die später dann ganz wichtig wurde für die Gründung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur. Mich hat jedenfalls die Holocaustliteratur nie wieder losgelassen, gerade weil eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihr im universitären Fächerkanon noch nicht recht vorkam.

Woran lag das? Daran, dass noch so viele Täter am Leben waren?

Feuchert: Eher daran, dass die Holocaustliteratur zwischen Geschichts- und Literaturwissenschaft fiel. Es bedurfte einiger Entwicklungen innerhalb der Fächer, bis sich das änderte. In der Germanistik setzte sich ein stärker erweiterter Literaturbegriff durch. Und in der Geschichtswissenschaft galt lange der Satz: Der Augenzeuge ist der natürliche Feind des Historikers. Das galt dann auch für Zeugnisliteratur – und dieser Vorbehalt musste auch überwunden werden.

Was war bisher die bedeutendste Leistung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität?

Feuchert: Das war sicher die Veröffentlichung der Chronik des Gettos Lodz/Litzmannstadt. Aber von der Wirkung her sind die Tagebücher des Laubacher Justizinspektors Friedrich Kellner (»Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne«) ähnlich bedeutend. Sie standen sogar auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Wie belastend ist es, sich derart intensiv mit der Judenvernichtung zu beschäftigen? Kann diese Arbeit auch Freude machen?

Feuchert: Ja, sie kann Freude machen: Etwa wenn man Zeitzeugen begegnet oder mit Studierenden und mit dem Team der Arbeitsstelle intensiv zu Texten arbeitet. Wenn man zu so einem Thema forscht, hat man auch an einer Forschungseinrichtung einen ganz besonderen Umgang miteinander. An dem eigentlichen Gegenstand hat man natürlich keine Freude. Ich habe aber glücklicherweise noch ein zweites wissenschaftliches Standbein, die Erforschung der Gegenwartsliteratur.

Kommt bei der Holocaustliteratur nach über 70 Jahren noch Neues hinzu?

Feuchert: Wir haben einen weiten Begriff von Holocaust- und Lagerliteratur. Für uns gehören auch fiktionale Texte dazu – nicht nur von Betroffenen. Es erscheinen weiterhin neue Romane zu diesem Thema, und das ist auch notwendig. Wir sind als Menschen geschichtenbedürftig; Geschichte braucht immer wieder die Aktualisierung durch Geschichten. Literatur wirkt dann wie eine Art Verkleinerungsglas: Wir beschäftigen uns so nicht mit den abstrakten Zahlen, sondern mit individuellen Schicksalen. Und auch wenn mit Fiktionen historische Unkorrektheiten verbunden sind: Wir brauchen auch sie, weil wir damit Empathie aufbauen und uns bestimmte Fakten überhaupt erst vorstellen können.

Gibt es noch Schätze zu bergen, was Berichte von Zeitzeugen angeht?

Feuchert: Ja, sogar sehr viele. Auf verschlungenen Wegen ist zum Beispiel über den Schriftsteller David Safier gerade ein Theaterstück zu uns gelangt, das 1942 im Warschauer Getto geschrieben und aufgeführt wurde: Eine boulevardeske Verwechslungskomödie, die im Getto spielt. Dieser unglaubliche Text wird jetzt in unserer Schriftenreihe erscheinen können. Es kommt häufig vor, dass wir Manuskripte in die Hand bekommen; zum Beispiel weil Überlebende jetzt am Ende ihres Lebens Texte über ihre Erlebnisse weitergeben wollen. Aber auch Tagebücher von Mitläufern oder Zeugen sind für uns interessant. Wir haben allerdings gerade auch die Sorge, dass Hinterbliebene viel wegwerfen, vielleicht einfach nur, weil sie die Sütterlinschrift nicht lesen können.

Sie kennen die Arbeitsstelle Holocaustliteratur seit ihrer Gründung vor fast 20 Jahren. Hat sich in dieser Zeit etwas verändert, was die Reaktionen von außen angeht?

Feuchert: Ja, auf jeden Fall. Am Anfang gab es auch Widerstände. Über die Jahre aber ist eine immer größere Offenheit dem Forschungsfeld gegenüber entstanden. Wir haben dabei viel Unterstützung und Solidarität durch Kollegen und das Uni-Präsidium erfahren. Auch das Interesse der jetzigen Studentengeneration ist enorm – und in gewisser Weise vorbehaltsloser als früher. Es ist in der Regel nicht mehr mit der bangen Frage verknüpft: Inwieweit waren geliebte Menschen, etwa die Großeltern, involviert?

Welchen Stellenwert hat die Arbeitsstelle?

Feuchert: In Deutschland ist sie einmalig und mit ihrer speziellen Konzentration auf Literatur auch international eine Besonderheit. Natürlich sind wir eine interdisziplinäre Einrichtung, in der auch Historiker arbeiten. Außerdem arbeiten wir eng zusammen mit der geschichtswissenschaftlich orientierten Holocaustforschung am Fritz-Bauer-Institut und der Goethe-Universität in Frankfurt.

Welche Bedeutung ist mit Ihrer neuen Professur verbunden?

Feuchert: Sie macht die Arbeitsstelle noch sichtbarer und wettbewerbsfähiger, gerade wenn es um Drittmittel geht. Auch inneruniversitär bedeutet sie eine Aufwertung.

Warum kommt die gerade jetzt?

Feuchert: Das hat sicher auch damit zu tun, dass die Zeitzeugen-Generation wegbricht. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst hat die Initiative ergriffen, um die nachhaltige Erinnerung an den Holocaust wissenschaftlich sicherzustellen. Dabei sind Professuren in Frankfurt und Gießen entstanden. Dass das gerade in Hessen passiert, ist kein Zufall. Hier haben die Auschwitz-Prozesse stattgefunden, hier hat Fritz Bauer gewirkt. Der Ausbau der Arbeitsstelle und die enge Kooperation mit dem Frankfurter Fritz-Bauer-Institut sind aber auch den beiden Uni-Präsidenten zu verdanken.

Haben Sie eigentlich Kontakt mit Holocaust-Leugnern?

Feuchert: Da kommen wir leider gar nicht darum herum, weil die uns auch regelmäßig mit E-Mails versorgen. Das gehört zu den unerfreulicheren Seiten dieser Tätigkeit. Ich ignoriere das aber in der Regel.

Sie versuchen nicht mit Argumenten zu überzeugen?

Feuchert: Das wäre in solchen Fällen wohl vergeblich. Kein Mensch, der bei Verstand ist, wird den Holocaust leugnen.

Sie sind in Gießen geboren und haben immer hier gelebt und gearbeitet. War das Ihr Plan?

Feuchert: Nein, das das war wirklich Zufall. Hier haben sich einfach tolle Bedingungen und Möglichkeiten ergeben. Und es ist ja auch kein schlimmes Schicksal. Ich bin gern in Gießen, ich mag meine Heimatstadt.

Was mögen Sie an Gießen?

Feuchert: Vor allem die Menschen. Die Offenheit, die Toleranz, die Kultur der Stadt. Ich engagiere mich auch im Literarischen Zentrum. Und das ist ein Verein, wie es ihn in dieser Form wohl nur in Gießen geben kann. So viele unterschiedliche Menschen wirken zusammen, einfach aus Freude an der Literatur.

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