Perücken und Seelsorge

»Ich gebe Frauen ihr Aussehen zurück«

Früher war die Zweitfrisur schick. Heute tragen fast nur Kranke eine Perücke. Die Friseurin Edith Milla ist seit über 30 Jahren Expertin dafür – und manchmal auch Seelsorgerin.
23. Februar 2017, 19:21 Uhr
Die Friseurmeisterin Edith Milla wird durch Zufall zur Perücken-Expertin: Sie übernimmt 1983 den Salon ihres ehemaligen Chefs und führt damit diesen Bereich weiter. (Foto: hf)

Frau Milla, warum sind Haare wichtig?

Edith Milla: Sie sind ein Schmuck der Frau. Man identifiziert sich stark mit der Frisur oder der Haarfarbe. Auch bei Männern, jedenfalls bei jüngeren, gilt: Leute, denen es gut geht, haben Haare. Außerdem ist biologisch gesehen Haar die Klimaanlage und der UV-Schutz für die Kopfhaut.

Seit 30 Jahre verkaufen Sie Perücken und beraten dazu. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Milla: Früher konnte eine Perücke ein Accessoire sein. Viele Frauen hatten ihre Zweitfrisur für festliche Anlässe im Schlafzimmer stehen. Heute steckt fast immer ein medizinischer Grund dahinter: Haarverlust durch Chemotherapie bei Krebs oder auch andere Erkrankungen, etwa kreisrunder Haarausfall. Oder sehr dünnes Haar.

Sie haben also viel mit Kranken zu tun. Bedeutet das für Sie eine Belastung?

Milla: Ich sehe mich als jemanden, der Frauen ihr Aussehen wiedergibt. Für schöne Haare sorgen: Mehr kann ich nicht tun. Aber das ist ja schon einmal wichtig. Belastung? Ich musste lernen, die Einzelschicksale im Haarhaus zu lassen.

Das Perücken-Rezept bekommen Krebspatientinnen recht früh. Die Behandlung, vor der viele Angst haben, steht ihnen noch bevor. Sie sind häufig eine der ersten, mit denen sie über ihre Krankheit reden. Sind Sie da nicht manchmal auch Seelsorgerin?

Milla: Ja, schon. Ich bekomme alles mögliche erzählt; manchmal Dinge, die die Frau nicht mit ihrem Mann oder ihren Kindern besprechen will. Und auch viele Fragen werden mir gestellt, an die sie beim Arzt vielleicht noch gar nicht gedacht hat oder die sie sich dort nicht zu stellen getraut hat.

Rasieren Sie Ihren Kundinnen auch den Kopf, wenn sich der Haarausfall nicht mehr kaschieren lässt?

Milla: Ja. Da fließen manchmal Tränen. Krebspatientinnen können sich immerhin damit trösten, dass die Haare in der Regel nachwachsen werden. Bei anderen Krankheiten gilt das nicht immer. Wenn die Haare ausfallen und man nicht weiß, ob sie je wiederkommen werden: Das ist eine psychische Belastung. Manche sind nervlich am Ende.

Erfüllen sich Frauen mit der Perücke manchmal Wünsche, die mit ihren echten Haaren nicht umsetzbar waren? Oder wollen sie möglichst unauffällig wirken?

Milla: Die allermeisten wollen, dass niemand sieht, was los ist. Je kleiner der Ort ist, in dem sie wohnen, desto eher gilt: Sie erzählen gar nichts. Sie wollen nicht von jedem angesprochen werden. Höchstens Frauen mit Naturlocken sagen mal: Jetzt kann ich endlich glattes Haar tragen.

Hat sich in den vergangenen 30 Jahren etwas verändert, was die Offenheit im Umgang mit Krebs angeht?

Milla: Ja, schon. Die Bevölkerung ist besser informiert. Fast jeder hat jemanden in der Familie oder Bekanntschaft, der davon betroffen ist.

Kommt es vor, dass Frauen gleich mehrere Perücken kaufen und offensiv mit verschiedenen, vielleicht ein bisschen verrückten Frisuren auftreten – so wie einst Samantha in der Fernsehserie »Sex and the City«?

Milla (denkt nach): Manche würden das vielleicht gern tun. Gerade diejenigen mit totalem Haarausfall auf Dauer sind vielleicht ein bisschen offener und würden auch mal was Neues ausprobieren. Es fehlt manchmal der Mut, das berufliche und private Umfeld mit einer neuen Frisur zu überraschen.

Was kostet denn eine Perücke? Kann jeder Patient sich diejenige leisten, die er oder sie haben möchte?

Milla: Für die Chemoversorgung nimmt man heute meistens eine Kunsthaarperücke. Sie ist für Laien nicht zu erkennen und pflegeleicht. Sie kostet ungefähr 400 Euro, eine Echthaarperücke eher um die 1000.

Es gibt Juristen, die sagen, die Krankenkassen müssten eigentlich allen Patienten Echthaar zugestehen.

Milla: Wir sind schon froh, dass die Krankenkassen inzwischen so viel bezahlen, dass eine vernünftige Versorgung fast immer möglich ist.

Wie viele Männer sind unter Ihren Kunden?

Milla: Ganz wenige. Sie kommen schon mal zur Beratung, aber mit den erschwinglichen Kunsthaarperücken kann man sie in der Regel nicht zufriedenstellend versorgen. Und gute Echthaarperücken sind teuer. Die meisten entscheiden sich dann dagegen und bleiben für drei, vier Monate eben mal ohne Haare.

Warum geht Kunsthaar bei Frauen, bei Männern aber nicht?

Milla: Bei einem Mann sieht man sofort, dass es nicht echt ist. Zum Beispiel weil vorn auf dem Kopf das natürliche Haar meist etwas lichter ist. Frauen haben ja häufig gefärbtes und in Form frisiertes Haar, da fällt auch eine Perücke nicht so auf.

Wo kommt das Echthaar eigentlich her?

Milla: Die Firmen, mit denen wir kooperieren, verarbeiten fast ausschließlich indisches Tempelhaar. Das ist unserem europäischen Haar von der Struktur her am ähnlichsten. Es wird veredelt und gefärbt. (Anmerkung der Redaktion: Dieses Haar stammt von Hindu-Pilgern, die in einer religiösen Zeremonie bei einem Gelübde oder um einen Segen zu erbitten ihre Haare opfern. Für die Tempel an Wallfahrtsorten ist der Verkauf der abgeschnittenen Zöpfe oder rasierten Haare eine bedeutende Einnahmequelle.)

Ist die Glatze beim Mann heute eher Mode oder immer noch ein Makel?

Milla: Auf jeden Fall eher Mode als früher. Aber wenn ein Mann in seinen Zwanzigern ist und, ich sage mal: im Leben noch nicht viel erreicht hat, dann tut er sich schwer mit Haarausfall. Was kaum noch einer will, ist ein Haarkranz. Den tragen vielleicht noch einige Ältere. Die meisten rasieren das noch vorhandene Haar ab oder sehr kurz. Viele Frauen finden jedoch Männer mit Haaren immer noch attraktiver als welche ohne Haare.

Gibt es auch Frauen, die ihren kahlen Kopf öffentlich zeigen?

Milla: Ein paar ganz wenige mit dauerhaftem totalem Haarausfall gehen in ihrer Freizeit ohne Perücke. Die stylen sich dann oft sehr sorgfältig, sind immer gut geschminkt und achten darauf, dass der Kopf gebräunt ist. Bei der Arbeit geht das trotzdem oft nicht, jedenfalls wenn die Frau Publikumskontakt hat. Viele Leute erschrecken einfach, wenn sie plötzlich eine Frau ohne Haare sehen.

Wie unbequem ist denn so eine Perücke?

Milla: Das hat sich sehr gebessert. Früher waren Perücken schwer und warm. Aber es bleibt für viele ein Fremdheitsgefühl, und sie sind froh, wenn sie die Perücke abends abnehmen können. Andererseits genießen viele es auch, sich morgens nicht lange frisieren zu müssen: Perücke aufsetzen, fertig. Manche, gerade jüngere Frauen verzichten ganz auf die Perücke und tragen nur Tücher.

Manche Mütter zeigen sich auch vor ihren Kindern immer nur mit Kopfbedeckung. Wie kommen Kinder nach Ihrer Erfahrung mit dem Haarverlust ihrer Mutter klar?

Milla: Ich würde immer dafür plädieren, Kindern – sofern sie alt genug sind – zu erklären, wie es dazu kommt. Viele können gut damit leben, wenn sie wissen: Die wachsen wieder. Die Mutter bekommt oft zu hören: Du siehst schön aus, auch ohne Haare.

Versorgen Sie auch Kinder mit Perücken?

Milla: Kinder tragen heute oft keine Perücke mehr, schon gar nicht die kleineren. Wenn sie doch welche bekommen, gehe ich oft in die Krebsstationen im Krankenhaus. Es berührt mich, so junge Menschen zu sehen, die eigentlich gerade anfangen richtig zu leben und schwere Krankheiten bewältigen müssen. Das ist nicht leicht, auch wenn heute sehr viele geheilt werden.

Welche Lebensdauer hat denn so eine Perücke?

Milla: Bei täglichem Gebrauch hält eine Kunsthaarperücke sechs bis acht Monate, eine aus Echthaar ein bis anderthalb Jahre. Dann verliert die Faser ihre Form, das Haar wirkt stumpf.

Gibt es Kunden, die ihre Perücke aufheben und noch tragen, wenn ihre eigenen Haare wieder nachgewachsen sind?

Milla: Kaum. Die meisten legen die Schachtel ganz hinten in den Schrank. Manche entsorgen sie. Selbst wer ein zweites oder drittes Mal Krebs bekommt, erhält ja jedes Mal ein neues Rezept. Manche Frauen kommen dann hierher und sagen: Die alte Perücke passt ja gar nicht mehr zu mir, etwa weil sich die Haarfarbe verändert hat.

Nach einer Chemotherapie sollen die Haare ja sowieso oft ganz anders sein. Viele sagen: Schöner und dichter.

Milla: Das ist schon manchmal erstaunlich. Allein wie schnell es bei manchen wächst. Oft ist das Haar stärker gelockt, darauf hat man gar keinen Einfluss. Vielleicht wirken die Haare vor allem deshalb so gesund, weil sie noch gar nicht chemisch behandelt sind, fast wie bei einem Baby.

Sehr viele Frauen hatten vor der Krankheit die Haare gefärbt und sehen sie nun mehr oder weniger grau nachwachsen. Bleiben sie beim Grau?

Milla: Eher selten. Die meisten wollen eine schonendere Farbe. Wir im Friseursalon arbeiten mit hochwertiger Chemie, so dass die Haare schön bleiben. Grau wurde eine Zeitlang propagiert, gerade jüngere Frauen haben ihr Haar sogar künstlich grau gefärbt. Diese Mode ist allerdings am Abebben. Manchen Frauen steht das Grau gut, gerade bei kurzen Haaren, das kann richtig frisch aussehen.

Sie erleben viele Patientinnen immer wieder vor, während und nach einer schweren Erkrankung. Wie verändern sich die Menschen dadurch?

Milla: Viele Frauen lernen erst durch die Krankheit, wieder an sich selbst zu denken, sich etwas Gutes zu tun, vielleicht auch an sich zu arbeiten. Sie überdenken ihr Leben, gerade die etwas Jüngeren: War das jetzt alles? Einige holen sich Hilfe. Bei vielen wächst das Selbstbewusstsein.

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