Stadt Gießen

Das Warten auf den »Lottogewinn« an Gleis 2

13. Juli 2008, 21:44 Uhr
Da kommt wieder einer, und ICE-Fan Matthias drückt auf den Auslöser. Die außerplanmäßigen Stopps der Expresszüge zu dokumentieren, das ist das Hobby des Gießeners. (Foto: srs)

Gießen (srs). Dunkle Wolken sind aufgezogen, es sieht nach Regen aus. Ein kühler Wind säuselt über dem Gießener Bahnhof. Wartende auf Gleis 2 ziehen ihre Schultern hoch, verschränken die Arme und richten ihren Kopf nach unten. Allein Matthias blickt aufmerksam um sich. Er schaut zur Signalanlage. Sie leuchtet rot. Gleichzeitig stellt er seine Videokamera ein. Dann ertönt die Durchsage: »Achtung an Gleis 2. Ein Zug führt durch.« Das Signal schaltet auf Grün. Matthias' Blicke und Bewegungen werden rascher. Es ist so weit. Nahezu lautlos nähert sich von Süden der weiß-rot lackierte Hochgeschwindigkeitszug, der Gießen nur außerhalb des Fahrplans passiert. Der ICE gleitet vorbei. Unerbittlich schnell, mit knapp 100 Stundenkilometern. Nach wenigen Sekunden ist er am nördlichen Horizont wieder verschwunden. Dennoch ist für Matthias, der sich seit seiner Kindheit für den ICE begeistert, dieser kurze Augenblick Lohn der Geduld. Der 28-Jährige verbringt regelmäßig Stunden an den Gleisen, durchforstet Internetforen und wendet sich an Bahnmitarbeiter, um die seltenen Momente auf Foto und Film zu bannen, wenn der ICE durch Gießen rauscht.

Der ICE macht seine Aufwartung am hiesigen Bahnhof selten. Nur Umleitungen zum Beispiel aufgrund von Gleisarbeiten - wie am vergangenen Wochenende zwischen Fulda und Frankfurt ermöglichen die raren Momente, die Matthias ersehnt. Mit dem Unfall in Köln hat diese Gießener ICE-Präsenz jedenfalls nichts zu tun.

Fast 30 Züge sind es am Samstag, sodass der 28-Jährige verschiedene Standpunkte und Perspektiven für seine Aufnahmen wählen kann. Auf der Überführung hat er sich postiert. Gerade überprüft er seine Kamera und seinen Camcorder auf einem Stativ, als sich ein älterer Herr hinzugesellt. Die Hände in den Hosentaschen blickt er hinab auf die Gleise. »Und, fährt gleich eine Dampflok durch?«, fragt er. »Nein«, antwortet Matthias freundlich. »Ein ICE.« Irritiert zieht der Herr die Augenbrauen zusammen und winkt ab. »Ach, das ist doch uninteressant«, sagt er. Und geht weiter. Die Begeisterung für den ICE ist eine Faszination, die nicht viele teilen, die auch Matthias' Freunde und Bekannte nicht verstehen. »Jeder hat halt sein Hobby«, erklärt seine Freundin Melanie, die ihn heute ausnahmsweise begleitet.

Spaziergänge weckten Anfang der 90er Jahre Matthias' Faszination. Er besuchte sonntags mit seiner Familie eine Großtante in Hanau. Gemeinsam unternahmen sie Ausflüge, die auch zum Bahnhof führten. Eines Sonntags entdeckte er dort einen haltenden ICE. »Das war Anschauen und Staunen«, schildert Matthias. Ein Staunen, das ihn nicht losgelassen hat, das noch immer anhält. Dabei ist es nicht vorrangig die Technik, die ihn begeistert. »Baureihe und Zugnummer interessieren mich überhaupt nicht. Es ist eher das Aussehen, die Form und vor allem die Länge.«

Ein besonderer Reiz liegt zudem in der Detektivarbeit, die Matthias aufwenden muss. Denn die Bahn, so berichtet er, hüte ihren Fahrplan und die Umleitungen »wie ein Staatsgeheimnis«. Durchschnittlich einmal in der Woche fährt ein ICE außer Plan durch Gießen. Damit der 28-Jährige davon erfährt, erfordert es jedoch Glück, Austausch mit Gleichgesinnten in Internetforen und Gespür.

Er ist mit einem mobilen Internetgerät ausgerüstet, mit dem er ständig nach möglichen Verspätungen recherchiert. Ist ein ICE 25 Minuten wegen einer Störung verzögert und hat Fulda noch nicht erreicht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Zug durch Gießen fährt. Dann macht sich Matthias auf zum Bahnhof.

Wenn der ICE-Begeisterte über die Bahnsteige schreitet, begutachtet er den Zustand der Gleise und der Unterführung. Er berichtet gutinformiert und hingebungsvoll über die Bauarbeiten, als wäre der Bahnhof sein zweites Zuhause. Große Sorgen indessen bereitet ihm eine drohende Abkopplung Gießens vom Fernverkehr bei einem Börsengang der Bahn.

An zwei Wochenenden im September wird Matthias wieder die Gelegenheit nutzen, die durch Gießen fahrenden ICEs zu bewundern. Immer in der Hoffnung auf ein besonderes Ereignis. Strahlend berichtet er von 19 Minuten im April, als ein Express auf Gleis 2 wegen eines roten Signals stehen bleiben musste. Matthias schoss Fotos und konnte sein Glück kaum fassen. Auf seiner Internetseite www.ml-bkf.de/ice-gi sind sie zu betrachten. Der »Lottogewinn« allerdings, so sagt er, wäre, wenn sich die Türen eines ICE öffneten und Passagiere ein- und ausstiegen. Erlebt hat er dies noch nicht. »Aber ich weiß, dass es das schon ein-, zweimal gegeben hat.«

Langsam verschwindet schließlich am späten Nachmittag der letzte ICE, den Matthias heute fotografiert, zu einem weißen Punkt am Horizont. Seine Blicke bleiben haften, bis auch der Punkt nicht mehr zu sehen ist.

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