Stadt Gießen

Verabredung zum Mord bestraft

03. Januar 2017, 19:09 Uhr
Der 57-jährige Angeklagte am Dienstag vor der Urteilsverkündung. (Foto: Schepp)
Mit den sieben Jahren und auch in der rechtlichen Bewertung folgte das Gericht weitestgehend den Ausführungen von Staatsanwalt Thomas Hauburger. Verteidiger Ramazan Schmidt hatte komplett und ohne Begründung auf sein Plädoyer verzichtet – auch altgediente Prozessbeobachter können sich nicht erinnern, dass das an einem Gießener Gericht jemals vorgekommen ist.

Verteidiger hält kein Plädoyer

Der aus dem Raum Limburg stammende Angeklagte war auf die psychisch kranke Frau – wie berichtet – in einem Internetforum gestoßen, wo sich selbstmordgefährdete Menschen austauschen. In etlichen Telefonaten und Chats hatte er die 23-Jährige aus Leipzig im vergangenen April dazu überredet, nach Gießen zu kommen, wo er sie buchstäblich »an den Galgen« bringen wollte. Allerdings hatte sich die junge Frau kurz zuvor einem Freund anvertraut, der daraufhin einen RTL-Reporter einschaltete. So konnte die Polizei den Familienvater nachts um 1 Uhr am Gießener Bahnhof festnehmen.
Der Limburger behauptete im Prozess immer wieder, er habe die Frau gar nicht in den Tod treiben wollen. Er habe mit ihr einzig und allein sadomasochistische Fantasien ausleben wollen. Das hielt das Gericht allerdings für ganz und gar unglaubwürdig. Dies lasse sich mit objektiven Beweisen – etwa den Chatprotokollen und den Aussagen des Rentners nach seiner Festnahme – leicht widerlegen, sagte Richterin Enders-Kunze, die auch an die Aussagen anderer Frauen in der Verhandlung erinnerte. Die hatten über das Internet ebenfalls Kontakt mit »Heimu«, wie sich der Mann dort nannte. Als Zeuginnen berichteten sie vor Gericht, dass »Heimu« sie sehr schnell aufgefordert habe, ihren Selbstmord in die Wege zu leiten – möglichst nackt und möglichst so, dass er es am Telefon oder über das Internet mitbekomme. Von sadomasochistischen »Rollenspielen« sei nie die Rede gewesen.
Ein psychiatrisches Gutachten hatte bei dem Mann »sexuellen Sadismus« festgestellt. Allerdings kam es auch zur Einschätzung, dass seine Steuerungsfähigkeit nicht eingeschränkt sei. Dem schloss sich das Gericht an. Der Angeklagte habe die Kontaktaufnahme zu der Frau bis zuletzt abbrechen können, wenn er nur gewollt hätte. Ihm sei es aber wichtiger gewesen, seine Tötungsfantasien auszuleben, sagte Enders-Kunze.
Bei der vom Gericht angenommenen »Verabredung zum Mord« stand eine Strafe von drei bis 15 Jahren im Raum. Strafmildernd bewertete es die Kammer, dass es nicht zur Tötung kam; obwohl der Angeklagte dazu überhaupt nichts beigetragen hat. Strafverschärfend sei die »hohe kriminelle Energie« des Mannes, der zudem vorbestraft ist. Unter anderem hatte er 1987 eine Prostituierte vergewaltigt und sie dann stundenlang mit ihrer angedrohten »Hinrichtung« gequält. Inzwischen steht auch fest, dass er im vergangenen Februar eine Frau in Bremen tatsächlich dazu gebracht hat, sich am Türrahmen zu erhängen – und er via Skype zuschaute. In diesem Fall ist er nicht angeklagt worden.
Bei der gestrigen Verhandlung fiel der Mann dadurch auf, dass er immer wieder grinste – auch bei den abscheulichsten Details und als Staatsanwalt Hauburger zu ihm sagte: »Ich habe hier schon einige Mörder sitzen sehen – aber noch niemanden, der so gefährlich ist wie Sie.« Ausdrücklich verzichtete der Angeklagte darauf, sich in einem Schlusswort zu äußern.

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