Die Untiefen des Internets

Gießen (csk). Nach dem Amoklauf von München Ende Juli dieses Jahres sei ein »Hype« um den dunklen Teil des Internets entstanden. Mancher potenzielle Täter sei wohl erst dadurch auf das Darknet aufmerksam geworden. Dies sagte Dr. Benjamin Krause am Dienstag in seinem Vortrag über »Waffen- und Drogenhandel im Darknet – Möglichkeiten und Grenzen der Strafverfolgung« im Kriminalwissenschaftlichen Praktikerseminar der Justus-Liebig-Universität. Viele Medien hätten hier eine unrühmliche Rolle gespielt, kritisierte der in Gießen ansässige Staatsanwalt von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt.
15. Dezember 2016, 12:00 Uhr
B. Krause

Krause stellte den aus seiner Sicht oft allzu aufgeregten Berichten eine betont sachliche Analyse gegenüber. Grundsätzlich gehe es beim Darknet um jenen Teil des Internets, der nur mit bestimmten Programmen zu erreichen sei und in dem Nutzer sich mit frei verfügbarer Verschlüsselungssoftware stets anonym bewegten. Nicht jeder hege dort kriminelle Absichten; vielmehr suchten auch Whistleblower und politisch Verfolgte gerne diesen Schutz. Die Mehrzahl der geschätzt rund 60 000 Seiten dienten aber Straftaten: vom Verkauf von Kinderpornografie über Drogengeschäfte bis zum Waffenhandel.
Die Ermittler stellt das Darknet vor reihenweise Probleme. Konkret nannte Krause hier das »Tor-Netzwerk« (ursprünglich für: The Onion Router), in dem – mehrfach verschlüsselt und damit eingehüllt wie in eine Zwiebelschale – die Anfrage von einem deutschen Rechner für Außenstehende als die eines Nutzers zum Beispiel aus Rumänien erscheine. Seien die Behörden in diesem Verwirrspiel einem Verdächtigen auf der Spur, kämen sie über Betreiber der Seiten auch niemals an Namen oder Adressen. Bezahlt werde zudem meist mit »Bitcoins«, einer virtuellen Währung, die weder an Finanzinstitute noch an Staaten gebunden ist.
Zwar findet man laut Krause mehr Illegales im »normalen« als im »dunklen« Netz. Dennoch gebe es einen Unterschied: »Wenn User im Darknet nichts falsch machen, haben wir bei unseren Ermittlungen keine Chance.« Die Strafverfolger warten auf genau solche Fehler – und haben nicht selten Erfolg. Als »Sollbruchstelle« nannte Krause die Auslieferung der Ware, also den Übergang von der digitalen in die analoge Welt. So erlauben Postdaten, beispielsweise Absende- oder Bestimmungsort, manchmal Rückschlüsse, obwohl kaum ein Verbrecher sein Paket an die eigene Adresse liefern lässt.
Noch weit mehr Erfolg hat die Polizei indes, wenn sie selbst als vermeintlicher Straftäter im Milieu unterwegs sein kann. Sei ein Tatverdächtiger gefasst, könne dieser den Behörden als Kronzeuge seine Zugangsdaten für das Darknet zur Verfügung stellen, sagte Krause. Der Nebeneffekt: Mit jedem derartigen Fall wachse bei Tätern die Nervosität, statt mit Kriminellen direkt mit den Fahndern zu kommunizieren.
Ähnliche Methoden führten laut Krause unter anderem zu einem Werkzeugmacher aus Schwaben, der sich als Waffenhändler verdingte. Und auch der 31-jährige Marburger, der dem Attentäter vom Münchner Olympiazentrum die Tatwaffe verkauft haben soll, wurde durch Ermittlungen mit übernommenen Darknet-Accounts dingfest gemacht. Unabhängig von diesem Fall fassten die Fahnder, wie Krause berichtete, zuerst zwei andere Kriminelle. Diese erzählten von einem Marburger Waffendealer – just in dem Moment, als das bayerische LKA von Verbindungen des Attentäters nach Marburg erfuhr. Die ZIT-Fahnder zogen ihre Schlüsse und konnten wenig später die Festnahme des Verdächtigen melden.
Der Kampf gegen Verbrechen im Darknet sei also nicht zufällig erfolgreich. »Entscheidend ist systematische und langfristige Arbeit – und zwar klassische Polizeiarbeit«, bilanzierte Krause,, der bemängelte, dass die Kriminalität des digitalen Zeitalters noch zu oft auf »Gesetze aus dem 20. Jahrhundert« treffe. (Foto: csk)

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