Wieder auf Pächtersuche – »O Farol« ist geschlossen

Gießen (ta). Wenn es einen Wettbewerb um den häufigsten Pächterwechsel in einem Vereinslokal ginge, hätte der Marineverein Gießen die Nase vorn. Bis zum altersbedingten Abschied von Elisabeth Guldner und Walter Totzauer im Jahr 2009 war die Welt für die Hausherren in Ordnung, doch nun steht der vierte Wechsel binnen sechs Jahren an.
10. Februar 2016, 09:53 Uhr
Der Aushang beim Marineverein ist momentan irreführend: die überforderte Pächterin hat aufgegeben, das Restaurant »O Farol« gibt es nicht mehr.

Das »O Farol« ist seit einigen Wochen geschlossen. Vereinsvorsitzender Klaus Emrich ist aber zuversichtlich, dass bis zum Saisonbeginn die Gastronomie wieder geöffnet ist.

Beate Renner hatte Anfang 2013 die früheren »Marinestuben« übernommen. Sie war 2011 nach Gießen genommen und hatte in der Frankfurter Straße mit dem »O Farol« (Der Leuchtturm) das erste portugiesische Restaurant der Stadt eröffnet. Das Lokal lief trotz des attraktiven kulinarischen Angebots allerdings nicht nach Wunsch. Nach zwei Jahren gab die Gastronomin deshalb auf und nutzte als Nachfolgerin von Udo Friedrich und Michele Luit die Chance, das Vereinslokal am Wißmarer Weg zu übernehmen.

Im Sommerhalbjahr sorgt dort der Marineverein für hohe Besucherzahlen: Pro Saison verzeichnet die Flotte rund 400 Fahrten und oft lassen sich die Fahrgäste hinterher noch im idyllischen Biergarten an der Lahn nieder. Auch bei Radwanderern und Nordstadt-Anwohnern ist das Ausflugslokal beliebt.

Davon und von ihrer schmackhaften Küche profitierte anfangs auch Beate Renner. Aber bald wurde ihr Problem deutlich: Die Pächterin kann sich nicht um die Gäste kümmern, sondern konzentriert sich ganz auf ihre Arbeit in der Küche. Das aber führte bei starkem Andrang zu Wartezeiten. Die Enttäuschung unter den Gästen darüber konnte auch das freundliche Bedienungspersonal nicht ausgleichen.

Das sprach sich in der Stadt herum: Im »O Farol« kann man zwar originell und fabelhaft speisen, aber mitunter muss man lange auf sein Essen warten. Nach dem ersten Jahr gingen deshalb die Gästezahlen und damit auch der Umsatz spürbar zurück. Die Wirtin hatte so keine Chance, einen Gewinn zu erwirtschaften, der es ihr ermöglicht hätte, ihre Schulden aus den beiden Jahren in der Frankfurter Straße zu begleichen. Die organisatorisch überforderte Gastronomin überlegte zwar, ob sie mit professioneller Hilfe versuchen sollte, das Lokal wieder auf Vordermann zu bringen. Aber sie entschied sich schließlich schweren Herzens für die Aufgabe, verbunden mit dem Antrag auf Privatinsolvenz.

Vorsitzender Klaus Emrich bedauert diese Entwicklung, versteht aber auch die Gäste, die nicht 30 Minuten auf ein Bier oder über eine Stunde auf ihr Essen warten wollen. Er ist zuversichtlich, dass der Verein in Zusammenarbeit mit der Licher Brauerei in den kommenden Wochen einen Gastronom findet, der das Vereinslokal professionell führen kann. Sechs Interessenten haben sich bereits gemeldet.

Fernsehen hilft nicht
Wenn das Privatfernsehen mit einem Experten anrückt, um ein schlecht laufendes Restaurant wieder in die Gewinnzone zu führen, dann ist große Vorsicht geboten: Das funktioniert nur in seltenen Ausnahmefällen. So war es auch im Fall des »O Farol«, als sich »Fernsehkoch« Steffen Henssler vor zwei Jahren vornahm, die Abläufe zu optimieren und der Chefin einen qualifizierten Koch zur Seite zu stellen. Geändert hat sich nach der Ausstrahlung im März 2014 freilich nichts. Im Gegenteil: Die öffentliche Hilfsaktion war eher ein schlechtes Omen. Ähnliche Formate wie der »Fernsehkoch« waren schließlich in den vergangenen Jahren mehrfach zu Gast in Gießen. Bei einem Dessousladen an der Westanlage, einem Friseur an der Steinstraße und einem Restaurant an der Frankfurter Straße. Alle drei Geschäfte mussten wenig später den Betrieb einstellen.

 

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