Wechselbad der Gefühle bei Bundeskongress in Gießen

Gießen (mö). Es war ein Wechselbad der Gefühle, das die Kurdische Gemeinde Deutschland (KGD) am Wochenende bei ihrem Bundeskongress in Gießen erlebte. Überwogen beim Empfang am Freitagabend in der Kongresshalle zunächst Freude und Stolz über die Befreiung der kurdisch-irakischen Region Shingal (Sindschar) von den Terrorbrigaden des Islamischen Staats, herrschten am späten Abend und tags darauf Trauer und Entsetzen über die Terroranschläge von Paris. Die Tagung am Samstag begann mit einer Schweigeminute.
16. November 2015, 16:53 Uhr
Viel Prominenz beim Bundeskongress der KGD (v.r.): Rupert Neudeck, Herbert Schmalstieg, Cem Özdemir, Thorsten Schäfer-Gümbel, Gerda Weigel-Greilich, Egon Fritz, Ertan Toprak, Enno Lenze, Tobias Huch und Mehmet Tanriverdi.

Es war nach 22 Uhr, als die ersten Meldungen zu den rund 500 Teilnehmern des Empfangs durchsickerten, dass es in Paris Terroranschläge gibt. »Alle waren schockiert, viele sind gegangen«, gab Mehmet Tanriverdi, aus Gießen stammender Bundesvize der KGD, die Stimmung wieder. Er selber hatte die Anwesenden per Saalmikrofon über die Ereignisse in Frankreich informiert.

Dabei hatte der prominent besetzte Empfang mit so viel Zuversicht begonnen. Bundesvorsitzender Ertan Toprak erhielt frenetischen Beifall, als er mit Blick auf die Kämpfe im Nordirak von einem »Tag der Freude« für die Kurden sprach. »150 Kilometer sind von der Barbarei befreit worden«, sagte Toprak und dankte Deutschland für die Entsendung von Waffen und Ausbildern an die kurdischen Kampfverbände. Hart ins Gericht ging Toprak mit dem türkischen Präsidenten Erdogan, der die »eigene kurdische Bevölkerung bombardiert« und den IS unterstütze. Für die Kurden forderte Toprak »Selbstbestimmung und Demokratie« in einem eigenen, »freien Staat«.

Im Mittelpunkt beim Empfang am Freitag standen indes prominente deutsche Sympathisanten und Unterstützer der kurdischen Gemeinde. So erhielt der türkischstämmige Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, gemeinsam mit dem türkischen Soziologen Ismail Besikci, den Ehrenpreis der KGD. Auch Özdemir, der sich für Waffenlieferungen an die kurdischen Peschmerga eingesetzt hatte, beglückwünschte seine Gastgeber zur Befreiung Shingals, bedauerte die Entwicklung in der Türkei und verband dies mit Kritik an der Bundeskanzlerin. Özdemir: »Jetzt, wo sich die Türkei in die falsche Richtung bewegt, bittet und bettelt die Bundeskanzlerin bei Erdogan, dass der ein paar Flüchtlinge von Deutschland fernhält.« Ähnlich äußerte sich SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel: »Hätten wir die Türkei früher unterstützt, wären wir heute weiter.« Dem Flüchtlingszustrom werde ein »Jahrzehnt der Integration« folgen, in dem die deutsche Gesellschaft auf die Unterstützung von Organisationen wie der KGD angewiesen sei. Von einer »Weltrekordleistung« sprach Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck mit Blick auf die Präsenz von Flüchtlingen in den autonomen Kurdengebieten. Fünf Millionen Kurden gäben 1,5 Millionen Flüchtlingen Sicherheit – und durch militärische Erfolge die Möglichkeit der Rückkehr. Die kurdischen Kämpfer, so Neudeck, »sind die einzigen Soldaten weltweit, die die Terrorbande des IS wirksam bekämpfen können«. Die deutschen Waffenlieferungen an die Kurden seien richtig gewesen, »und das sage ich als Pazifist«, fügte Neudeck hinzu.

Viel Beifall gab es auch für den später eingetroffenen Chef der NRW-CDU, Armin Laschet, und den früheren Städtetags-Präsidenten und Ex-OB von Hannover, Herbert Schmalstieg (SPD). Bei den Jüngeren im Saal waren Enno Lenze und Tobias Huch mit Selfies sehr gefragt. Politisch bei den Piraten und der FDP zu verorten, haben sie durch ihre Reisereportagen, Internetblogs und Hilfsaktionen über und in Kurdistan gerade unter jungen Kurden viele Fans.

Operngesang und Ethnoklassik steuerten Pervin Cakar, Nure Dilovani und Naze Isxan bei, während sich Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich als Hausherrin in ihrem Grußwort auf die Vorstellung Gießens beschränkte und auf eine Stellungnahme zur Situation im Mittleren Osten verzichtete.

Auffällig waren die Sicherheitsvorkehrungen für die Veranstaltung: Neben Polizei vor der Kongresshalle gab es Leibesdurchsuchungen und Taschenkontrollen am Eingang sowie Sicherheitsleute an den Eingängen zum Großen Saal.

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