Keine Heimat für Rechtsextreme: So liefen NPD-Kundgebung und Gegendemo

Gießen (chh). Hunderte Menschen haben sich am Mittwoch vor der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge an der Rödgener Straße versammelt, um gegen eine Mahnwache der NPD zu demonstrieren. Hier gibt's Eindrücke und Bilder vom Nachmittag.
23. September 2015, 22:03 Uhr
Mit Buhrufen, Pfiffen und Mittelfingern empfangen die Demonstranten die Rechtsextremen.

Das in Stein gemeißelte Lächeln ist da: Frank Franz, der Bundesvorsitzende der NPD, blickt in 500 wütende Gesichter. Sein Konterfei ist auf die Plane des kleinen Lastwagens gedruckt, mit dem die rechtsextreme Partei soeben auf den Parkplatz der Sophie-Scholl-Schule vorgefahren ist.

Zehn Männer steigen aus und werden von einem gellenden Pfeifkonzert begrüßt. »Nazis raus, Nazis raus!«, brüllt die Menge. Die Rechtsextremen scheint das nicht zu stören, im Gegenteil: Mit einem Lächeln auf den Lippen bauen sie die Musikanlage auf, kurze Zeit später dröhnt treudeutsches Liedgut aus den Boxen. Die Kundgebung kann beginnen.

Eine gute Stunde zuvor: Etwa 500 Menschen haben sich um 16 Uhr vor der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in der Rödgener Straße versammelt. Sie sind gekommen, um gegen die NPD zu demonstrieren, die zuvor schon in Friedberg, Bad Nauheim und Butzbach Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht hat. In Gießen haben es die Rechtsextremen mit den meisten Gegendemonstranten zu tun, was wohl auch am symbolträchtigen Ort liegt. Der führt mitunter aber auch zu skurrilen Szenen: Durch die demonstrierende Menge laufen immer wieder kleine Grüppchen irritierter Flüchtlinge. Statt Fahnen mit »Refugees Welcome« tragen sie vollgepackte Einkaufstüten in den Händen. Auch die weit über 50 Polizisten wirken auf den ein oder anderen Flüchtling einschüchternd. Einige schließen sich aber trotzdem der Demo an. Zum Beispiel der 21-jährige Youseff, der aus Syrien geflohen ist. »Es ist gut, dass die Deutschen zu uns stehen. Vielen Dank Deutschland«, sagt er auf Englisch. Er steht mit einigen Freunden an der Bushaltestelle, an der sich die Mitglieder des DGB getroffen haben. Sie wollen zur HEAE ziehen und sich dort mit den anderen Demonstranten vereinen. Die Stimmung ist gut, Kinder huschen durch die Erwachsenenbeine, aus den Lautsprechern ertönt die linke Kultband Rage against the Machine.

+++ Mehr Fotos vom Demo-Mittwoch in der Bildergalerie

Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Als er an der HEAE ankommt, ist von der NPD noch nichts zu sehen. Kommen die Rechtsextremen überhaupt? Erste Zweifel machen die Runde. DGB-Regionsgeschäftsführer Matthias Körner schnappt sich das Mikro. »Wir sind nicht umsonst gekommen. Wir müssen immer wieder zeigen, dass Gießen kein Ort für Nazis ist.« Anschließend ergreift Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich das Wort: »Als Stadt sind wir eigentlich zur Neutralität verpflichtet, aber in Sachen Menschenrechte gibt es keine Neutralität.«

Plötzlich wird es hektisch – und laut: Das gellende Pfeifkonzert ertönt, als der NPD-Truck vor der Sophie-Scholl-Schule parkt. Während die Musik läuft, bauen die Rechtsextremen das Mikrofon auf. Nur der Krebsbach und eine Reihe Polizisten trennen sie von der wütenden Menge. Als ein hagerer Mann seine Rede beginnen will, setzt ohrenbetäubender Lärm ein. Trillerpfeifen, Megafone und wüste Beleidigungen sorgen dafür, dass man den NPDler kaum versteht. Nur einzelne Satzfetzen dringen auf die andere Seite: »Wirtschaftsflüchtlinge« – »Junge Männer« – »Frauen belästigt« – »Schnauze voll«. Von der anschließenden Rede des Bundesvorsitzenden ist noch weniger zu hören.

Das liegt auch an den vielen Flüchtlingen, die inzwischen das Lager verlassen und sich unter die Menge gemischt haben. Mit Trillerpfeife im Mund machen sie Selfies mit den Demonstranten. Ein kleiner Junge nutzt derweil die gesperrte Straße und zeigt seine Inline-Tricks.

Als die Rechtsextremen ihre Sachen wieder einpacken, brandet das erste Mal an diesem Abend Jubel auf. Der Lastwagen fährt in Richtung Rödgen davon. Auf dem Heck des Fahrzeugs ist in großen Lettern »Heimat« zu lesen. In Gießen haben die Rechtsextremen sie nicht gefunden.

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