Stadt Gießen

8500 Demonstranten ziehen durch Gießen

20. Mai 2015, 07:03 Uhr
Gießener Demonstrations-Panorama: 8500 Beschäftigte aus den Sozialberufen protestieren auf dem Brandplatz gegen ihre Bezahlung. (Fotos: Schepp)

»Genau, genau«. Die beiden Frauen neben der großen Bühne auf dem Brandplatz nicken und klatschen dazu. Ihre Zustimmung gilt einem Satz von Verdi-Bundeschef Frank Bsirske: »Wir fordern die lange überfällige Aufwertung eines typischen Frauenberufs.« Der Blick von der Bühne bestätigt den Gewerkschaftsführer. Rund 8500 Menschen, davon die allermeisten Frauen, demonstrieren am Dienstagvormittag in Gießen für eine bessere Bezahlung der Beschäftigten aus den kommunalen Kindertagesstätten, den Jugendämtern und Behindertenwerkstätten.

Wie sich Eltern in Langgöns mit einer Ersatz-Betreuung organisiert haben, lesen Sie hier.

Gießen erlebt die größte Demonstration seit Jahrzehnten. Zuletzt hatten jeweils 5000 Personen 2006 gegen die Einführung von Studiengebühren in Hessen und 1991 gegen den ersten Golfkrieg demonstriert. Bereits ab 9.30 Uhr rollen aus ganz Hessen fast 150 Busse mit den Angestellten aus den Sozialberufen Richtung Messeplatz. Von dort geht es zu Fuß in die Innenstadt. Pulkweise leiten Mitarbeiter des städtischen Ordnungsamts die Demonstranten über den neuen Überweg an der Ostanlage, wo sich deshalb Rückstaus bilden. Auf dem Brandplatz stimmt derweil Verdi-Landeschef Jürgen Bothner die dort vor der Bühne stehenden Frauen auf die Kundgebung ein. Bothner ruft »Wir arbeiten...«, tausende ergänzen den Satz mit »...für die Gesellschaft« oder »...für die Zukunft«. Noch kann die Kundgebung nicht beginnen. »Es kommen immer noch Busse rein«, informiert Bothner die Menge, die sich bereits jetzt vom Kanzleiberg bis vors Zeughaus erstreckt. Es ist ein Meer in Rot-Weiß, neben den Fahnen der Dienstleistungsgewerkschaft recken viele der Erzieherinnen selbstgestaltete Transparente in die Höhe. »Wer eine Horde Kinder managt, verdient ein Managergehalt«, steht da. Oder neckisch: »Eine Erzieherin ist wie ein Dessous: Spitzenqualität für einen Hauch von nichts.« Vor der Bühne witzelt eine Demonstrantin: »Wenn’s Randale gibt, bilden wir einen Stuhlkreis.«

Ein Video mit Eindrücken und Meinungen gibt's hier.

Ausschreitungen wird’s bei dieser Demo ganz bestimmt nicht geben, dafür erleben die Teilnehmer/innen aber einen kämpferischen Verdi-Boss. »Jetzt seid ihr dran«, ruft Bsirske den über 8000 Versammelten zu. Immer wieder spricht er von einer notwendigen Aufwertung der Sozialberufe, von »gestiegenen Erwartungen und Anforderungen«. Bsirske nennt die Kita-Erzieherinnen und Mitarbeiter der Sozialen Dienste in den Jugendämtern sowie die Beschäftigten aus den psychiatrischen Krankenhäusern oder Behindertenwerkstätten »pädagogische Facharbeiter/innen«, deren Arbeit aber nicht ausreichend wertgeschätzt werde. So stünden bei einer Kita-Erzieherin am Monatsende unterm Strich »1800 Euro netto«. Dafür, so der Verdi-Chef, »stellt sich in der Automobilindustrie niemand ans Fließband«.

»Absolut harter« Tarifstreit

Und natürlich bekräftigt Bsirske auch noch einmal die Forderung seiner Gewerkschaft nach einer Höhergruppierung der Beschäftigten, was zu einer durchschnittlichen Lohnerhöhung von zehn Prozent führen soll. Heute treffen sich die Gewerkschaftsspitzen in Fulda, um das weitere Vorgehen zu beraten. Bsirske stimmt die Menge auf eine »absolut harte« Tarifauseinandersetzung ein. Der unbefristete Streik werde so lange weitergehen, »bis ein akzeptables Angebot der Arbeitgeberseite vorliegt«.

Eine Bildergalerie von der Demonstration in Gießen finden Sie hier.

Es folgen noch ein paar Lieder, darunter natürlich auch eine Kita-Version von »Atemlos«, sowie einige Grußworte der einzelnen Berufsgruppen, dann formiert sich der Demonstrationszug, der über die Ostanlage, Eichgärtenallee und Ringallee zurück zum Messeplatz führt. Etliche haben die Busse nach fast zwei Stunden Stehen auf dem Brandplatz schon zuvor angesteuert. Bei einer Demonstrantin macht der Kreislauf schlapp, aber das DRK ist sofort zur Stelle. Die Stimmung bleibt fröhlich, ganz bestimmt auch bei den Betreibern der aufgestellten Imbissbuden und der nahen Cafés. Ihnen beschert der Gießener Demo-Dienstag einen satten Zusatzumsatz.

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