Auch die dramatischste Situation lässt sich noch wissenschaftlich nüchtern beschreiben. Zum Beispiel so: »Pull-Faktoren« sind all jene Gründe, die dafür sorgen, dass es Menschen in ein bestimmtes Gebiet zieht. Frieden gehört dazu, Wohlstand, Rechtssicherheit und persönliche Entwicklungschancen. Und Seenotrettung? »Die Arbeit von zivilen Helfern im zentralen Mittelmeer wird seit einiger Zeit zunehmend kriminalisiert«, klagte Sandra Hammamy von der Organisation »Sea Watch«, die zivile Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer leistet, am Freitagabend bei einer Informationsveranstaltung der Gießener SPD zum Thema »Flucht und Fluchtursachen«.

Lieber sterben als in Libyen bleiben

In der öffentlichen Diskussion würden humanitäre Helfer immer öfter zu Tätern gemacht – mit dem Argument, die Aussicht auf Rettung sorge dafür, dass mehr Menschen die Fahrt über das Mittelmeer wagten. Hammamy, die selbst mehrfach für »Sea Watch« vor Ort im Einsatz war, kritisierte indes die Passivität der europäischen Politik und der Behörden. »Die Präsenz ziviler Rettungsschiffe im Mittelmeer ist unerlässlich«, sagt sie. Denn ob vor Libyens Küste, der italienischen Insel Lampedusa oder dem griechischen Lesbos: Stets leisteten Nichtregierungsorganisationen die dringend nötige erste Hilfe für Flüchtlinge in Seenot – und nicht Küstenwache oder Marine.

Von Libyen aus machen sich vor allem Afrikaner, etwa aus Somalia, Eritrea und Nigeria, auf nach Europa. Seit der Landweg durch Grenzschließungen versperrt sei, bleibe nur die Route übers Meer. In Libyen, wo »erbärmliche Bedingungen« herrschten und Misshandlungen selbst von Kindern an der Tagesordnung seien, halte es allen Gefahren zum Trotz kaum jemanden. »Lieber auf dem Meer sterben als in Libyen bleiben«, fasste Hammamy die Gedanken derjenigen zusammen, die sich auf überfüllte Schlauchboote wagen.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Gerhard Merz hatte zuvor seine Eindrücke aus dem Libanon geschildert, wohin er Ende letzten Jahres mit einer Delegation der Friedrich-Ebert-Stiftung gereist war. Dort – und nicht in Deutschland – spiele sich »die wahre Flüchtlingskrise« ab: Mehr als eine Million Menschen, vorwiegend aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, seien in dem kleinen Land hängengeblieben. In inoffiziellen Lagern lebten sie meist »unter schrecklichen Umständen und in absoluter Armut«.

Die meisten Flüchtlinge im Libanon sieht Merz dennoch »keineswegs auf dem Sprung nach Europa«. Viele wollten eines Tages zurück in ihre Heimat. Merz forderte eine bessere Versorgung in den Flüchtlingslagern im Libanon, in der Türkei und in Jordanien sowie »eine ausgeweitete Resettlementpolitik«. Das Engagement vieler westlicher Staaten reiche aktuell nicht aus: »Wir leben im Moment davon, dass andere unsere Arbeit erledigen.«

Hammamy plädierte für sichere Fluchtkorridore. Aufbauhilfen für zerstörte Länder – die allseits diskutierte Bekämpfung der Fluchtursachen – seien zwar wichtig. »Sie nützen aber den Menschen, die schon geflüchtet sind, herzlich wenig.«

Die Bemerkung einer Zuhörerin, derzeit werde »ein Kampf gegen Flüchtlinge« geführt, unterstrich Hammamy mit ihren eigenen Beobachtungen in der Ägäis. Seit dem Rücknahme- und Grenzsicherungsabkommen zwischen der EU und der Türkei im März 2016 sei dort »der Seeweg dicht«. Eine erhöhte Präsenz des türkischen Militärs und der Polizei provoziere zudem »kriegsähnliche Zustände«. All dies müsse vor Augen haben, wer sich in Deutschland über sinkende Flüchtlingszahlen freue. »Die Türkei hat ihren Job gemacht«, so Hammamys bitteres Fazit.

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