»Wir müssen darüber reden«

Ruth Barnett wurde als Kind von ihren Eltern aus Furcht vor den Nazis zu einer Pflegefamilie in England geschickt. Über 200 Besucher erleben nun im Rathaus mit, wie die Zeitzeugin der Kindertransporte des Zweiten Weltkriegs spürbar macht, was Geschichtsbücher allein nicht zeigen.
14. Februar 2017, 20:25 Uhr
Ruth Barnett wurde als Kind von ihren deutsch-jüdischen Eltern nach England in Sicherheit geschickt. (Foto: dw)

Sie ist vier Jahre alt, als ihre Mutter sie und ihren Bruder 1939 alleine in einem Land zurücklässt, dessen Sprache sie nicht spricht. Als ihre Eltern sie zehn Jahre später wieder nach Deutschland holen, hasst sie ihre Muttersprache, es ist die der Nationalsozialisten. Sie ist ihr ebenso fremd, wie die deutsch-jüdischen Eltern. Doch als Ruth Barnett am Montag im Rathaussaal aus ihrer Biografie liest, schließt sie mit den Worten: »Heute habe ich einen englischen Pass, aber ich bin stolz auf meine deutschen Wurzeln.«

Es dauert ein Jahr, bis sie 1950 in die englische Pflegefamilie zurückkehren kann, wo sie nach Jahren der Ungewissheit und Einsamkeit zarte Wurzeln schlagen konnte, denn sie hat keinen Pass. Ein Dokument bescheinigt ihr eine »Person of no nationality« zu sein. In der gleichnamigen Biografie erzählt sie nun ihre Geschichte, die sie mit so vielen teilt, die wie sie in Kindertransporten von ihren Eltern zwar in Sicherheit gebracht, aber auch entwurzelt wurden.

Und doch ist Ruth Barnetts Geschichte anders. Anders, als das was Geschichtsbücher verzeichnen, denn sie erzählt aus der Perspektive eines Kindes, mit Bildern und Gefühlen, die jeder versteht und die die Fakten spürbar machen. Da hält das zurückgelassene Mädchen die Mutter für tot, denn nur so kann es sich das Verlassensein erklären. Da wird die Angst greifbar, die jedes deutsche Wort zur Todesgefahr macht, in einem Land das von deutschen Bomben bedroht wird. Da wird der Riss sichtbar, der durch das Kind geht, in dessen Fantasie die Deutschen zu sechsarmigen Monstern werden und das die Schuld für die Vertreibung nur mit eigenem Fehlverhalten erklären kann.

Barnetts Erleben unterscheidet sich aber auch von jener Geschichte, wie sie jetzt in der unter dem Titel »Landgericht« fürs Fernsehen verfilmten Version von Ruth Krechel zu sehen ist – auch wenn Barnetts Berichte der Autorin als Grundlage dienten. Aus literarischen Gründen findet der jüdische Vater im Film, nachdem er seine Anstellung als Richter im faschistischen Deutschland verliert, an tropischen Traumstränden Zuflucht in den Armen einer schönen Frau. Der Vorwurf, die Emigranten hätten sich ein schönes Leben gemacht, indes ist real im Nachkriegsdeutschland.

Zeichen gegen den Hass setzen

Doch während Barnett und ihr Bruder von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht werden, überlebt der Vater in Shanghai als einer von wenigen ein Internierungslager. Auch das ein Grund, warum die Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Universität Gießen die Biografie jetzt, auf Initiative der Gießener Journalistin Heidrun Helwig, in einer deutschen Übersetzung herausbrachte. Denn, wie Markus Roth, stellvertretender Leiter und Geschäftsführer der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, betont, ist Barnetts Geschichte nicht nur Geschichte, sondern auch Gegenwart, die erzählt werden muss, um ein Zeichen gegen den Hass zu setzen.

In Mainz hatte am Vormittag die 82-jährige Lehrerin und Psychoanalytikerin Ruth Barnett die Nachfolgerin ihres Vaters am Landgericht getroffen. Nicht umsonst ist das Gießener Criminalium Mitveranstalter des Abends. Lange musste der Vater dort nach dem Krieg um seine juristische Rehabilita- tion ebenso wie um seine von den Nazis zwangsweise aberkannte Nationalität kämpfen. So blieb auch er fremd: 80 Prozent seiner neuen Kollegen waren die alten; 80 Prozent bereits im NS-Regime juristisch tätig. Seine Tochter hat heute viele Fragen an den Vater, der ihr wie die Mutter fremd geworden war. Mit ihnen kann sie nicht mehr sprechen. Doch sie erzählt ihre Geschichte, denn sie ist sich sicher: »Wir müssen darüber reden!«

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