Überfälle

Vorsicht ja, Angst nein

Überfälle auf der Straße gibt es in Gießen deutlich häufiger als in Marburg oder Wetzlar. Woran das liegt und wie man sich schützt? Wir haben die Polizei befragt.
10. September 2017, 08:43 Uhr
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Von Steffen Hanak , 1 Kommentar
Opfer eines Raubüberfalls sollen laut um Hilfe rufen, aber gegenüber einem bewaffneten Täter nicht »den Helden spielen«, rät die Polizei. (Foto: Fotolia/Urheber: rock_the_stock)

Nach der Grillfeier bei Freunden geht es in eine Kneipe. Beim Gang zur Toilette schrammt der Mann bereits nach reichlich Apfelwein an der Theke entlang. Ein Warnsignal, denn der Pilot trinkt eigentlich nicht viel Alkohol. Er beschließt, den Heimweg anzutreten. In Höhe der Liebigschule biegt der 35-Jährige in die Bismarckstraße ein. An einen Zaun gelehnt nimmt er sein Smartphone und fängt an zu tippen, als drei Männer auf ihn zukommen. Einer fragt nach der Uhrzeit. Es ist 3 Uhr morgens. Das Trio zieht weiter Richtung Ludwigstraße. Plötzlich drehen sich die Fremden um und einer tritt ganz nah an den Piloten heran – mit einem Messer in der Hand. »Dein Handy und das Portemonnaie«, fordert er. Die beiden anderen halten sich zwar im Hintergrund, sind aber noch da. Der Mann zögert nicht lange. Er gibt dem Unbekannten Geldbörse und Mobiltelefon und das Trio verschwindet in der Dunkelheit.

62-mal haben Straßenräuber allein im vergangenen Jahr in Gießen zugeschlagen. 2015 zählte die Polizei sogar 87 Fälle von Straßenraub im Stadtgebiet. Alarmierend hohe Zahlen. Zumal in benachbarten Städten deutlich weniger Menschen überfallen werden. In Wetzlar gab es 2015 ganze elf Fälle von Straßenraub, in Marburg 14. Auch im vergangenen Jahr nahm sich die Zahl der Überfälle auf offener Straße in Wetzlar mit 19 und Marburg mit 18 Taten deutlich geringer aus als in Gießen. Woran liegt das?

Die hohen Fallzahlen der vergangenen zwei Jahre erklärt Jörg Reinemer, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen, auch mit dem »enormen Zustrom von Asylbewerbern«. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise waren in den Gießener Erstaufnahmeeinrichtungen Tausende Menschen untergebracht. Angesichts dieser großen Menge relativiere sich zwar die Zahl der Straftaten. Andererseits wurden 68 der 87 Überfälle 2015 von Flüchtlingen begangen. Etwa 80 Prozent. Die Hälfte der Tatverdächtigen waren Algerier. Auch knapp 50 Prozent der Überfälle des vergangenen Jahres gingen auf das Konto von Flüchtlingen, darunter erneut vor allem Nordafrikaner. Da mittlerweile aber die Zahl der Flüchtlinge zurückgehe und Asylbewerber aus Nordafrika konsequenter abgeschoben würden, rechnet Reinemer damit, »dass auch die Zahl der Überfälle sinkt«.

Es gibt jedoch weitere Unterschiede zwischen Gießen und seinen Nachbarstädten, die ebenfalls ein Grund für die bereits vor der Flüchtlingskrise höheren Fallzahlen sein können, erläutert der Pressesprecher. Gießen ist als Einkaufsstadt deutlich populärer als die Mitbewerber. Auch die zentrale Lage mit guter Verkehrsinfrastruktur trägt dazu bei, dass sich in Gießen – wenn auch nur phasenweise – einfach deutlich mehr Menschen aufhalten. 2013 wurden beispielsweise in Gießen 46 Fälle von Straßenraub gezählt, in Marburg 22 und in Wetzlar 17. Aber: »Trotzdem ist Gießen eine sichere Stadt«, betont Reinemer. Die Polizei tue alles, um die Sicherheit der Bürger zu stärken. »Die Kontrolldichte ist sehr hoch, rund um die Uhr«, unterstreicht er, räumt aber ein, dass nicht immer gleich viele Polizisten in der Stadt unterwegs seien. Dennoch: Mindestens zehn Streifen – zu Fuß und mit Einsatzfahrzeug – sollen für Sicherheit im Stadtgebiet sorgen. Unterstützung bekommen sie von Mitarbeitern des Ordnungsamts. Zudem sei mit den Stationen von Bundes- und Landespolizei am Bahnhof sowie am Berliner Platz sichergestellt, dass jederzeit binnen weniger Minuten etliche Beamte in der Innenstadt zur Verfügung stehen.

Patentrezepte, wie bei einem Überfall zu reagieren ist, hat auch Reinemer nicht. »Das kommt immer auf die Situation an.« Aber er gibt Empfehlungen. Nie verkehrt: Selbstbewusst auftreten und laut »Lass mich in Ruhe« sowie um Hilfe rufen. Das treibe manche Täter schon in die Flucht und mache Passanten aufmerksam. Eins ist aber klar: »Wenn eine Waffe im Einsatz ist, soll niemand den Helden spielen, sondern lieber sein Handy oder Portemonnaie herausgeben.« Der 35-Jährige, der 2015 in der Bismarckstraße überfallen wurde, hat sich deshalb richtig verhalten, findet der Polizist. Er rät allerdings dazu, alkoholisiert den Heimweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Taxen anzutreten. »Die Täter suchen schwache Opfer, dazu zählen neben Senioren und Frauen auch alkoholisierte Personen.« Wer nachts zu Fuß unterwegs ist, sollte wenigstens versuchen, beleuchtete Straßen mit anderen Passanten zu wählen.

Selbstverteidigung mit Pfefferspray hält Reinemer nicht für sinnvoll. »Das kann schiefgehen.« Er sieht die Gefahr, dass Angreifer ihrerseits aggressiver und gewalttätiger werden. Auch setze mancher das Gerät im Eifer des Gefechts so ein, dass er selbst von dem Reizgas etwas abbekomme.

Die Aufklärung solcher Übergriffe ist für die Beamten schwierig. Da die Täter oft in der Dunkelheit zuschlagen und sich einzelne Opfer aussuchen, gibt es meist nur wenige Hinweise.

 

Überfall als Kick

 

Allerdings gibt es nicht »den« Straßenräuber. Zwar handelt es sich bei den Tätern fast ausschließlich um Männer im Alter zwischen 15 und 30 Jahren, berichtet Reinemer. Neben der klassischen Beschaffungskriminalität Drogenabhängiger versuchten andere, sich durch den Verkauf der Tatbeute ein regelmäßiges Einkommen zu sichern. Vor allem jugendlichen Straftätern gehe es aber manchmal auch gar nicht ums Geld – ihre Motive seien Dominanzverhalten, Langeweile oder Nachahmung. Sie stünden oft selbst unter Einfluss von Drogen oder Alkohol.

Eine Feststellung ist dem Pressesprecher besonders wichtig: »Es gibt in Gießen keine kritischen Zonen, in die man nicht gehen kann.« Zwar zählt die Polizei etwa in Bahnhofsnähe oder rund um den Marktplatz mehr Übergriffe, weil sich dort vermehrt Trinker, Drogenabhängige oder Gruppen junger Nordafrikaner aufhalten. Trotzdem sei die Polizei präsent und kontrolliere diese Bereiche besonders intensiv, um potenzielle Täter abzuschrecken. Auch wenn es keine hundertprozentige Sicherheit gibt: »Die Menschen können sich in Gießen angstfrei bewegen.«

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